Joachim Kunstmann geht der fundamentalen Frage nach, was einen religiösen Lernprozess konstituiert. Er nimmt dabei Bezug auf Rudolf Englerts 1997 veröffentlichten Artikel und dessen Unterscheidung zwischen religiöser Erfahrung, Tradition und Lebenspraxis. Zentral ist für Kunstmann die Einsicht, dass echte religiöse Lernprozesse über bloße Wissensvermittlung hinausgehen müssen und stattdessen zu einer "Leidenschaft des Religiösen" und einer personal integrierten Religiosität führen. Der Autor kritisiert, dass die Religionspädagogik lange Zeit zu sehr auf objektives Wissen und abstrakte theologische Inhalte fokussiert hat, während die subjektive religiöse Erfahrung und die existenziellen Fragen der Lernenden zu kurz kamen. Er erörtert verschiedene Formen religiösen Lernens (Formation, Enkulturaton, Konversion, Expedition) und entwickelt ein differenziertes Kompetenzmodell (Sachkompetenz, hermeneutische Kompetenz, emotionale Kompetenz, Anwendungskompetenz, Positionierungskompetenz). Kunstmann argumentiert für eine "Religiositätsbildung", die die faktischen religiösen Einstellungen und Erfahrungshintergründe der Menschen ernst nimmt und ihre existenziellen Fragen nach Sinn, Liebe, Isolation und Erfüllung aufgreift. Die christliche Tradition wird dabei als Medium der persönlichen Bildung verstanden, nicht als unverzichtbarer Inhalt. Er plädiert dafür, religiöse Lernprozesse als offene, experimental-spielerische Prozesse zu gestalten, die Menschen befähigen, ihre Erfahrungen und ihr Leben religiös zu deuten. Besonders wichtig ist ihm die Performative Religionsdidaktik, die sich der Religion durch Probehandeln und Vollzug nähert. Abschließend betont Kunstmann, dass ein "sinnvoller religiöser Lernprozess" ein spürend begreifendes Wahrnehmen grundlegender Lebensprozesse ist, das einer religiösen Deutung nicht nur zugeleitet wird, sondern aus dieser heraus auch verstanden wird.