Joachim Kunstmann kritisiert in seinem Artikel die Überbetonung rationaler Lehraussagen in der Religionspädagogik und der Theologie. Er diagnostiziert, dass die traditionelle Katechetik als religionspädagogischer Weg überholt ist, ohne dass eine adäquate Alternative entwickelt wurde. Der Religionsunterricht behandelt Religion vorwiegend als Wissensobjekt, vernachlässigt aber deren emotionale, atmosphärische und kulturelle Dimensionen. Kunstmann plädiert stattdessen für eine ästhetisch orientierte Religionspädagogik, die auf Wahrnehmung, Perspektive, Inszenierung und Gestaltung basiert – zentrale Begriffe der Ästhetik. Die grundlegende These lautet: Lebendige Religion ist Kunst und artikuliert sich in Bildern, Räumen, Ritualen und Symbolen. Religion wird durch Religion gelernt, nicht durch theoretische Sätze über sie. Diese Position wird durch Schleiermacher und die ostkirchliche Bildtheologie begründet. Religion zielt auf Wahrnehmung und innere Veränderung ab, nicht auf intellektuelle Überzeugung. Kunstmann identifiziert drei unbewusste Verhinderungen religiöser Bildung: (1) Ästhetizismus – die Verwechslung von ästhetischer Theologie mit oberflächlichem Design; (2) die Behauptung, Ästhetik sei irrational und unkritisch – dabei zeigt sich ästhetische Kompetenz als höchst kritisch; (3) die These, ästhetische Theologie bedeute Geringschätzung der Glaubensinhalte – tatsächlich geht es um die Vorrangigkeit religiöser Vollzüge vor theologischer Reflexion. Das kritische Potenzial einer ästhetisch orientierten Religionspädagogik liegt darin, dass sie Wort und Glaube vor ideologischer Instrumentalisierung bewahrt. Ästhetische Wahrnehmung öffnet den Blick für die unverrechenbare Eigenlogik religiöser Ausdrucksformen. Kunstmann argumentiert, dass die ästhetische Orientierung die Theologie insgesamt als deren kritisches Gewissen fungieren sollte. Religion wird nicht primär als Glaube als Bekenntniswahrheit, sondern als gelebte Praxis verstanden. Die grundlegende Aufgabe der Religionspädagogik besteht nicht darin, religiöse Rationalität zu schulen, sondern Wahrnehmungsfähigkeit zu entwickeln durch inszenierte, interpretierte und freibleibende Begegnungen mit religiösen Ausdrucksgestalten.