Der Artikel von Jan Woppowa untersucht die mediale Darstellung von Judentum und jüdischem Leben in Wissenssendungen für Kinder und Jugendliche. Ausgehend von empirischen Befunden, dass Schülerinnen und Schüler unreflektiert klassische Stereotype über Judentum und Jüdinnen und Juden reproduzieren, analysiert der Autor zwei beliebte Wissenssendungen: „Der Judentum-Check" aus der Reihe „Checker Tobi" und „Was glaubt man, wenn man jüdisch ist?" aus „Willi wills wissen". Theoretisch leitet das Othering-Konzept die Analyse. Othering beschreibt die Konstruktion von Anderen vor dem Hintergrund hierarchischer Differenzordnungen und gewaltförmiger Machtverhältnisse. Der Autor nimmt dabei Bezug auf Riegel, die drei sich gegenseitig bedingende soziale Referenzebenen unterscheidet: gesellschaftliche Bedingungen, soziale Diskurse und kulturelle Praktiken sowie subjektives Handeln. Die Analyse zeigt auf der Ebene gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, dass das Judentum in einer christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft als religiöse Minderheit konstruiert wird. Dies manifestiert sich beispielsweise darin, dass das christliche Osterfest als Norm vorausgesetzt wird, während jüdische Feste als „die Anderen" konstruiert werden. Auf der Ebene sozialer Diskurse und kultureller Praktiken wird aufgedeckt, wie Vermeidungsstrategien bei der Verwendung der Bezeichnung „Jude/Jüdin" und Dethematisierungen als „Praxis der Schließung" funktionieren. Das Beispiel der Galileo-Reportage zeigt, wie jüdisch-orthodoxe Familien durch die Charakterisierung als „geheimnisvolle Nachbarn" als radikal andere Subjekte hervorgebracht werden, was das antisemitische Stereotyp der „jüdischen Weltverschwörung" wachrufen kann. Besonders innovativ ist die Analyse der Ebene subjektiven Handelns. Der Autor demonstriert anhand konkreter Beispielsequenzen, dass Othering nicht nur auf der Wissensebene stattfindet, sondern vor allem durch die performative Ebene von Mimik und Gestik wirksam wird. Bei der Darstellung der Schabbat-Praxis wird diese als „Problem" deklariert, wobei die Reaktionen des Kamerateams (Grinsen, Achselzuckend) bewusst Fremdheit und Unverständnis konstruieren. Ähnlich wirken die unsicheren oder aufgesetzten Grimassen von Tobi und Willi bei religiösen Handlungen, die sie nicht verstehen, abwertend auf diese religiösen Praktiken. Der Autor argumentiert, dass diese Othering-Praktiken oft unbeabsichtigt sind und aus Stilmitteln des Edutainment-Formats resultieren, aber dennoch subtile Reproduktionen gesellschaftlich herrschender Stereotype darstellen. Die Macht der verletzenden oder abwertenden Mimik und Gestik ist dabei mindestens so wirksam wie sprachliche Aussagen. Für die unterrichtliche Verwendung schlägt der Autor vor, das Filmmaterial nicht zu vermeiden, sondern es in einem medien- und ästhetisch-kritischen Lernprozess mit Schülerinnen und Schülern zu analysieren. Dies ermöglicht die Unterscheidung zwischen Inhalt und Form und trägt zu kritischen Medienkompetenzen bei, wobei die Dreiecksbeziehung von Kultur, Medien und Macht analysiert wird.