Der Beitrag von Käbisch und Woppowa befasst sich mit der Frage, welche Qualitätskriterien für kooperative Formate des Religionsunterrichts an deutschen Schulen gelten sollten. Die zentrale These lautet, dass sich diese Kriterien grundsätzlich nicht von denen des guten Religionsunterrichts insgesamt unterscheiden, sondern aus allgemeinen didaktischen Prinzipien abgeleitet werden können. Die Autoren entwickeln zunächst eine konzeptionelle Grundlegung und unterscheiden zwischen engeren Formen (Teamteaching, phasenbezogener Wechselunterricht) und weiteren Formen kooperativen Unterrichts (z.B. Delegationsmodell). Sie formulieren fünf zentrale Qualitätskriterien: (1) Gründliche Reflexion der Ziele religiösen Lernens vor dem Hintergrund des allgemeinen Bildungsanspruchs; (2) Berücksichtigung der Prinzipien Perspektivenverschränkung, Perspektivenübernahme und Perspektivenwechsel bei der Unterrichtsplanung; (3) Sichtbarmachung dieser Lernprozesse in Lerngegenständen und Lernaufgaben; (4) hohes Maß an Differenz- und Machtsensibilität in Lehr-Lern-Prozessen; (5) dialogisches bzw. ökumenisches Lernklima zur Förderung von religiöser Pluralitäts- und Toleranzbefähigung. Zur empirischen Flankierung dieser theoretischen Entwicklung nutzen die Autoren Ergebnisse einer Evaluationsstudie an vier nordhessischen Gesamtschulen (2016-2018) mit 368 Schülerinnen und Schülern sowie 34 Lehrkräften. Die Analyse folgt dem dreigliedrigen Schema von Planungs-, Produkt- und Prozessqualität. Bei der Produktqualität zeigt sich anhand offener Aufgabenformate zur Perspektivenübernahme (Taufe, Abendmahl), dass viele Schülerinnen und Schüler (58,2%) die Aufgabe nicht bearbeitet haben und nur 14,7% beide Perspektiven einnehmen konnten. Allerdings zeigt sich mit zunehmendem Alter eine Verbesserung dieser Fähigkeit. Die Studie verdeutlicht, dass bloße theoretische Verankerung didaktischer Prinzipien in Kerncurricula nicht ausreicht. Vielmehr müssen Lehrkräfte unterrichtspraktisch befähigt werden, entsprechende Lernaufgaben zu konstruieren und kriteriengeleitet zu evaluieren. Hinsichtlich der Prozessqualität wird deutlich, dass ethnographische Unterrichtsforschung erforderlich ist, um tatsächliche unterrichtliche Praktiken und Kommunikationsprozesse zu erfassen. Abschließend formulieren die Autoren mehrere Desiderate für die Qualitätsentwicklung: (1) Transfer religionsdidaktischen Theoriewissens in Lehrerhandeln durch bessere Qualifizierung; (2) Entwicklung von Unterrichtsmaterialien und Lernaufgaben, die die formulierten Kriterien umsetzten (z.B. durch die Zeitschrift „Religion unterrichten" oder das Projekt relithek.de); (3) Professionalisierung von Lehrkräften durch selbstreflexive Haltungen und professionelle Lerngemeinschaften; (4) Etablierung von Formaten wie religionsdidaktische Fallarbeit oder Learning Studies. Insgesamt wird argumentiert, dass die Erreichung von Qualitätskriterien nur dreidimensional unter Berücksichtigung von Planungs-, Produkt- und Prozessqualität erfolgen kann.