Der Artikel befasst sich mit der Frage, wie religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) mit dem alltäglichen Phänomen der Vergeblichkeit nachhaltigen Handelns umgehen kann. Gärtner argumentiert, dass viele Ansätze von BNE primär auf die Befähigung zu individuellem nachhaltigem Handeln zielen und dabei die strukturellen Dimensionen von Nicht-Nachhaltigkeit ausblenden. Dies führt zu einem sogenannten „Beruhigungsnarrativ", das individuelle Maßnahmen als wirksam darstellt, ohne tatsächliche strukturelle Veränderungen zu bewirken. Im ersten Kapitel analysiert die Autorin das Phänomen der „nachhaltigen Nicht-Nachhaltigkeit" nach Blühdorn et al., wonach der hegemonialen Kapitalismus und Neoliberalismus strukturell Nicht-Nachhaltigkeit absichern. Sie beschreibt zwei zentrale Probleme: erstens die ökonomische Logik des Nachhaltigkeitsbegriffs selbst, die Natur primär als Ressource begreift, und zweitens die „Emanzipation zweiter Ordnung", durch die sich Individuen zunehmend von Verantwortung und Verpflichtungen emanzipieren, ohne dabei den aufklärerischen Emanzipationsgedanken zu bewahren. Diese Analyse zeigt, warum individuelles nachhaltiges Handeln bei strukturell verankerten nicht-nachhaltigen Verhältnissen vergeblich wirken muss. Das zweite Kapitel entwickelt einen theologischen Zugang zur Vergeblichkeitsproblematik. Hier wird die Reich-Gottes-Botschaft Jesu als zentrale Ressource entfaltet, die sowohl anamnetisches als auch eschatologisches Denken verbindet. Die Autorin zeigt, dass die Reich-Gottes-Botschaft einen utopischen Horizont eröffnet, der menschliches Handeln würdigt, ohne es mit der Vollendungsverantwortung zu überlasten. Das Gleichnis vom Senfkorn exemplifiziert diesen Gedanken: Der kleine Same wächst ohne menschliches Zutun – ein Bild für Gottes erlösendes Handeln. Diese theologische Deutung wird mit dem soziologischen Konzept der „refigurativen Praxis" verbunden, die das wiederholt schaffende Bemühen um eine utopische Gegenwart beschreibt, ohne Nischenprojekte als gesellschaftliche Transformation zu überschätzen. Im dritten Kapitel werden religionsdidaktische Konkretionen entlang des praktisch-theologischen Dreischritts (Sehen – Urteilen – Handeln) entwickelt. Gärtner nutzt ein historisches Fallbeispiel aus ihrer Familienchronik: Die Waldrodung im Sauerland des 19. Jahrhunderts zeigt, wie bereits seit über 150 Jahren bekannte Missstände (Waldrodung, Monokultur, Biodiversitätsverlust, Massentierhaltung, Privatisierung von Gemeingut) kontinuierlich fortbestand und sich verschärft hat – trotz technologischer Fortschritte. Im ersten Schritt (Sehen) sollen Schüler*innen einen kritischen Blick auf Nachhaltigkeit entwickeln und dabei die ökonomische Logik des Nachhaltigkeitsbegriffs ideologiekritisch analysieren. Im zweiten Schritt (Urteilen) reflektieren sie Nachhaltigkeit im Horizont der Reich-Gottes-Botschaft, wobei die eschatologische Spannung von „schon" und „noch nicht" realisiertem Reich Gottes zentral wird. Im dritten Schritt (Handeln) setzen sich Schüler*innen mit ermutigenden Beispielen christlicher nachhaltiger Praxis auseinander, ohne dabei unkritisch zu optimieren. Das Fazit der Autorin ist, dass religiöse BNE Schüler*innen befähigen sollte, bei Vergeblichkeitserfahrungen nicht zu resignieren, sondern ihr Handeln als Teil einer refigurativen Praxis zu begreifen – als hoffnungsvolles, gesellschaftskritisches und gleichzeitig bescheidenes Engagement für ein gutes Leben für alle im Horizont der christlichen Reich-Gottes-Botschaft.