Der Artikel argumentiert, dass sich Religionspädagogik als Lebenswissenschaft verstehen sollte, um das Phänomen KI in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Die Autorin zeigt zunächst auf, dass der öffentliche Diskurs um KI in hohem Maße religiös motiviert ist – etwa durch die Begriffe „Erlösung" (Ray Kurzweil) und „Apokalypse" (Stephen Hawking). Sie präsentiert eine qualitative empirische Studie, die belegt, dass religiöse Motive die Selbstwahrnehmung und das Verhalten gegenüber KI prägen. Die Studie zeigt drei Beispiele aus dem Alltag: Ein Dermatologe vertraut KI bei der Diagnose maligner Melanome, eine Mutter nutzt einen Fitnesstracker als Motivationshilfe, und eine weitere Person folgt Smartwatch-Empfehlungen zur Ernährung. In all diesen Situationen wird KI als quasi-göttliches Gegenüber wahrgenommen, das über überlegene Fähigkeiten verfügt. Ein zentraler Mechanismus wird identifiziert: Individuen vergleichen ihre Fähigkeiten mit denen von KI-Systemen in einem gemeinsamen Referenzsystem und bewerten ihre eigenen menschlichen Fähigkeiten oft defizitorientiert. Diese Prozesse werden durch die Mechanismen des Deep Learning verstärkt, da digitale Spuren menschlicher Verhaltensweisen selbst zum Lerngegenstand werden. Im zweiten Hauptteil analysiert die Autorin, wie technikbezogene Selbst- und Weltbildkonstruktionen konstitutiv für zukünftige Verhältnisse werden. Sie argumentiert, dass aus faktischem Verhalten vieler Menschen schleichend Normen entstehen (Bottom-up-Prozesse). Besonders wichtig ist die Beobachtung, dass Studienteilnehmer teleologisch orientierte Denkrichtungen entwickeln – also fortlaufende Optimierung und Perfektionierung als Ziel. Die Autorin zeigt, dass dies sich von christlicher Anthropologie unterscheidet. Im dritten Teil wird die Rolle der Religionspsychologie und Theologie als Deutungskategorien analysiert. Unter Bezug auf Heiner Keupp wird Identität als offener Passungsprozess verstanden. Zentral ist die Unterscheidung zwischen situativen und hypothetischen Selbsterfahrungen. Die Autorin argumentiert mit Ludwig Feuerbach, dass die Projektion menschlicher Wünsche auf ein ultimates Gegenüber eine religionspädagogische Aufgabe darstellt. Der abschließende Teil entwickelt religionspädagogische Perspektiven auf drei Ebenen: (1) Im theologischen Binnenraum sollten funktionale Äquivalente von Religion beim Thema KI analysiert werden. (2) Im interdisziplinären Diskurs sollte die religiöse Dimension der KI-Wahrnehmung anerkannt werden, um kategoriale Unterschiede zwischen Disziplinen zu überbrücken. (3) Im Kontext von Bildung wird die Gottebenbildlichkeit als zentrale theologische Kategorie entwickelt. Diese gewährleistet, dass die Menschenwürde nicht funktional bestimmt wird, sondern als Anspruch und Aufgabe verstanden wird. Der Gedanke der Gottebenbildlichkeit schützt zudem vor einer „Vergötzung" technischer Intelligenzen und ermöglicht eine kritische, aufklärende Bildung, die Subjektentwicklung in der Spannung von Zuspruch und Anspruch versteht.