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Religionspädagogische BeiträgeBernhard Grümme

Religionspädagogische Beiträge,

Bernhard Grümme

Superdiversität: eine fruchtbare Perspektive in der brisanten Diskussion religionspädagogischer Denkformen?

Veröffentlichung:1.5.2019

Der Artikel untersucht, ob der soziologische Ansatz der Superdiversität – bislang in Politikdidaktik und Erziehungswissenschaft rezipiert – fruchtbare Potenziale für kontextuelle religiöse Bildungsprozesse in Zeiten wachsender Heterogenität, sozialer Ungleichheiten und kultureller Unterschiede bietet. Im Fokus stehen die Denkformen der Religionspädagogik sowie Fragen von Intersektionalität und Normativität.

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Der Artikel von Bernhard Grümme untersucht die Relevanz des Superdiversitätsansatzes des Soziologen Steven Vertovec für die religionspädagogische Theoriebildung. Die zentrale These lautet, dass dieser soziologische Ansatz, obwohl genealogisch in der Migrationsfrage verankert, erhebliche Potenziale für die Bewältigung wachsender sozialer Komplexität in Bildungsprozessen bietet. Der Autor skizziert zunächst die Herausforderungen für die Religionspädagogik: psychologische Überbeanspruchung der Lernenden, kompetenzbezogene Klüfte, religiös-weltanschauliche Pluralität und Anforderungen durch Inklusionspädagogik. Er argumentiert, dass die etablierten religionspädagogischen Denkformen – insbesondere die Denkform der Pluralität – in ihrer analytischen Kraft an ihre Grenzen gekommen sind. Der zweite Teil analysiert die bisherige Debatte um religionspädagogische Denkformen und positioniert die von Grümme entwickelte Denkform der „Aufgeklärten Heterogenität" als Alternative zur reinen Pluralitätsfokussierung. Diese Denkform integriert Intersektionalitätstheorie in normativ-selbstreflexiver Rahmung und verbindet Gerechtigkeits- und Anerkennungsfragen in kritisch-produktiver Wechselseitigkeit. Im Kernkapitel stellt Grümme Vertovecs Superdiversitätsansatz dar: nicht als Mehr an Diversität, sondern als „dynamisches Zusammenspiel von Variablen" verschiedener Differenzkategorien (race, Religion, Kultur, Gender, Klasse, Alter), die kumulativ-intersektional und de-essentialisiert gedacht werden. Vertovecs Konzept des „Kategorie-Plus" ermöglicht es, Kategorisierungen zu de-essentialisieren, gleichzeitig aber strategisch beizubehalten. Die kritische Diskussion zeigt große Stärken des Ansatzes: analytische Schärfe, Wahrnehmung struktureller Ungleichheiten, Machtkritik und empirische Operationalisierbarkeit. Diese haben zu Resonanz in Politikdidaktik und Erziehungswissenschaft geführt. Abschließend diskutiert Grümme die Anschlussfähigkeit zur religionspädagogischen Denkform der Aufgeklärten Heterogenität. Er identifiziert Synergien: beide korrelieren Ungleichheits- und Identitätsfragen sowie Gerechtigkeits- und Anerkennungsfragen; beide haben selbstreflexives Design. Der Superdiversitätsansatz bietet der Aufgeklärten Heterogenität feinere Kategorien zur Differenzierung zwischen Homogenisierung, Essentialisierung und legitimer Kategorienbildung. Kritisch merkt Grümme an, dass Vertovec sich dezidiert normativ abstinent hält und seinen Ansatz als deskriptiv qualifiziert. Dies führe zu einer zu schwachen Normativität, die hinreichende Kriterien für Unterscheidungen und normative Orientierung vermisse. Während Superdiversität gesellschaftlich affirmativ bleibe, könne die Denkform der Aufgeklärten Heterogenität als emanzipatorische Theorie universale Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit anstreben und zur kritischen Transformation drängen. Die großen religionspädagogischen Potenziale des Superdiversitätsansatzes würden größer, wenn er sich als kritisch-produktive und selbstreflexive Denkform mit normativem Anspruch artikulieren würde.

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