Für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 eignet sich das Medium besonders für Unterrichtseinheiten zum Menschenbild sowie zu den Themen Körper, Seele, Bewusstsein, Identität, Tod und Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod. Das Leib Seele Problem ermöglicht eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Frage, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht. Als Einstieg kann die Frage „Bin ich mein Körper oder habe ich einen Körper?“ verwendet werden. Die Lernenden formulieren zunächst spontan ihre Positionen und begründen diese. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Aussagen wie „Ohne Gehirn gibt es keinen Geist“, „Der Mensch besitzt eine Seele“ und „Gedanken sind nichts anderes als Vorgänge im Gehirn“ im Raum zu positionieren. Dadurch werden unterschiedliche intuitive Vorstellungen sichtbar, bevor die philosophischen Begriffe eingeführt werden.
Bei der Betrachtung des Mediums sollte zunächst die Leitfrage des Leib Seele Problems gesichert werden. Die Lernenden halten fest, dass nach dem Verhältnis von körperlichen und mentalen Vorgängen gefragt wird. Anschließend können Monismus und Dualismus arbeitsteilig erschlossen werden. Eine Gruppe formuliert die Grundannahmen des Monismus, eine andere Gruppe diejenigen des Dualismus. Danach stellen die Gruppen ihre Ergebnisse vor und entwickeln gemeinsam ein Schaubild. Beim Monismus sollte herausgearbeitet werden, dass Körper und Geist letztlich auf eine grundlegende Wirklichkeit beziehungsweise Substanz zurückgeführt werden. Beim dargestellten Physikalismus wird das Mentale auf physische Vorgänge zurückgeführt. Beim Dualismus wird dagegen zwischen dem materiellen Körper und einem eigenständigen geistigen Bereich unterschieden.
Eine besondere didaktische Bedeutung besitzt das Mary Gedankenspiel, weil es eine abstrakte philosophische Fragestellung anschaulich und lebensnah erschließt. Das Medium beschreibt Mary als Wissenschaftlerin, die ihr gesamtes Leben in einer Umgebung ohne Farberfahrungen verbringt und dennoch alle physikalischen Tatsachen über Farbwahrnehmung kennt. Verlässt Mary diesen Raum und sieht erstmals Farben, stellt sich die zentrale Frage, ob sie dadurch etwas Neues erfährt. Vor der im Medium angebotenen Erklärung sollten die Lernenden zunächst selbst eine Antwort entwickeln. Dazu kann die Klasse in zwei Positionen aufgeteilt werden. Eine Gruppe begründet, weshalb Mary neues Wissen gewinnt, die andere entwickelt Argumente dafür, dass Mary bereits alles Wissenswerte über Farben kennt. Erst anschließend wird die Erklärung des Mediums aufgegriffen.
An das Mary Gedankenspiel lässt sich der Begriff der Qualia anschließen. Die Lernenden können zunächst eigene Beispiele für subjektive Erlebnisgehalte sammeln. Dazu gehören etwa das Empfinden von Schmerz, das Schmecken eines Lebensmittels, das Hören eines Musikstücks, das Riechen eines bestimmten Duftes oder das Wahrnehmen einer Farbe. Anschließend kann diskutiert werden, ob eine vollständige naturwissenschaftliche Beschreibung eines solchen Vorgangs gleichzeitig erklärt, wie sich das entsprechende Erlebnis für einen Menschen anfühlt. Dadurch wird die philosophische Unterscheidung zwischen einer Beschreibung aus der Außenperspektive und subjektivem Erleben nachvollziehbar.
Für den Religionsunterricht sollte die philosophische Fragestellung anschließend mit religiösen Vorstellungen vom Menschen verbunden werden. Die Lernenden können untersuchen, welche Bedeutung die Vorstellung einer Seele für ein religiöses Menschenbild besitzt und welche Fragen sich daraus für Identität, Sterblichkeit und ein mögliches Leben nach dem Tod ergeben. Dabei sollte vermieden werden, die im Medium vorgestellten philosophischen Positionen vorschnell mit religiösen und nicht religiösen Weltanschauungen gleichzusetzen. Der Dualismus ist nicht automatisch eine religiöse Position und der Physikalismus nicht allein deshalb eine nicht religiöse Position. Stattdessen sollte untersucht werden, welche Konsequenzen verschiedene Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Körper und Geist für das Verständnis des Menschen haben.
Methodisch eignet sich außerdem eine strukturierte Diskussion zur Frage „Kann die Naturwissenschaft den Menschen vollständig erklären?“ Die Lernenden sammeln zunächst Argumente, die sich aus dem Physikalismus ergeben, und stellen diesen Argumente gegenüber, die sich aus der Diskussion um Qualia ergeben. Anschließend entwickeln sie ein begründetes eigenes Urteil. Eine weitere Möglichkeit stellt ein Gedankenexperiment zum Austausch des Körpers dar. Die Lernenden überlegen beispielsweise, welche Veränderungen eines Menschen möglich wären, ohne dass dieser seine persönliche Identität verliert. Dadurch können die Begriffe Körper, Gehirn, Bewusstsein, Erinnerung, Persönlichkeit und Seele differenziert werden.
Als Ergebnissicherung können die Lernenden eine Begriffskarte zum Leib Seele Problem erstellen. Im Zentrum steht die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist. Davon ausgehend werden Monismus, Physikalismus, Dualismus und Qualia angeordnet und mit kurzen Definitionen sowie Beispielen versehen. Abschließend können die Lernenden zur Ausgangsfrage „Bin ich mein Körper oder habe ich einen Körper?“ zurückkehren und ihre ursprüngliche Position überprüfen. Auf diese Weise unterstützt das Medium insbesondere die Entwicklung von Sachkompetenz, Wahrnehmungskompetenz, Deutungskompetenz, Dialogkompetenz und Urteilskompetenz.
Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1, Operator Beschreiben: Beschreiben Sie das Leib Seele Problem.
Musterantwort: Das Leib Seele Problem beschäftigt sich mit der Frage, in welchem Verhältnis der körperliche und der geistige Bereich des Menschen zueinander stehen. Dabei wird beispielsweise gefragt, ob Bewusstsein, Gedanken und Gefühle vollständig durch körperliche Vorgänge im Gehirn erklärt werden können oder ob das Geistige einen eigenständigen Bereich bildet. Unterschiedliche philosophische Positionen geben darauf unterschiedliche Antworten.
Aufgabe 2, Operator Erläutern: Erläutern Sie den Unterschied zwischen Monismus und Dualismus.
Musterantwort: Der Monismus geht davon aus, dass sich die Wirklichkeit letztlich auf eine einzige grundlegende Substanz zurückführen lässt. Eine im Medium dargestellte Form ist der Physikalismus. Dieser nimmt an, dass auch mentale Vorgänge physikalisch erklärbar sind. Der Dualismus geht dagegen von zwei unterschiedlichen Bereichen aus. Neben dem materiellen Körper existiert nach dieser Auffassung ein eigenständiger geistiger Bereich. Der entscheidende Unterschied besteht somit darin, dass monistische Positionen von einer grundlegenden Wirklichkeit ausgehen, während dualistische Positionen Körper und Geist als grundsätzlich verschiedene Bereiche betrachten.
Aufgabe 3, Operator Erklären: Erklären Sie den Physikalismus anhand eines Beispiels.
Musterantwort: Der Physikalismus geht davon aus, dass auch mentale Vorgänge vollständig physikalisch erklärbar sind. Ein Gefühl, ein Gedanke oder eine Wahrnehmung müsste demnach letztlich durch körperliche Vorgänge, insbesondere durch Prozesse im Gehirn, erklärt werden können. Wenn ein Mensch beispielsweise eine Farbe wahrnimmt, wäre diese Wahrnehmung aus physikalistischer Sicht vollständig durch Vorgänge im Auge, im Nervensystem und im Gehirn erklärbar. Es wäre keine zusätzliche geistige Substanz notwendig.
Aufgabe 4, Operator Darstellen: Stellen Sie das Mary Gedankenspiel in eigenen Worten dar.
Musterantwort: Mary ist eine Wissenschaftlerin, die ihr gesamtes Leben in einer Umgebung ohne Farberfahrungen verbringt. Gleichzeitig besitzt sie vollständiges naturwissenschaftliches Wissen über Farben und Farbwahrnehmung. Sie weiß beispielsweise, wie das Auge auf Farben reagiert und wie entsprechende Informationen im Gehirn verarbeitet werden. Eines Tages verlässt Mary ihre bisherige Umgebung und sieht zum ersten Mal selbst eine Farbe. Nun stellt sich die Frage, ob Mary durch diese Erfahrung etwas Neues lernt, obwohl sie zuvor bereits alle physikalischen Tatsachen über Farben kannte.
Aufgabe 5, Operator Erläutern: Erläutern Sie mithilfe des Mary Gedankenspiels den Begriff Qualia.
Musterantwort: Qualia bezeichnen den subjektiven Erlebnisgehalt mentaler Zustände. Gemeint ist damit beispielsweise nicht nur das naturwissenschaftliche Wissen darüber, wie eine Farbe wahrgenommen wird, sondern wie es sich für einen Menschen tatsächlich anfühlt, diese Farbe zu sehen. Im Mary Gedankenspiel kennt Mary alle physikalischen Informationen über Farbwahrnehmung. Trotzdem könnte sie etwas Neues erfahren, wenn sie erstmals selbst Farben sieht. Dieses persönliche Erleben ist ein Beispiel für Qualia. Im Medium wird deshalb die Frage aufgeworfen, ob solche subjektiven Erfahrungen vollständig naturwissenschaftlich erfasst werden können.
Aufgabe 6, Operator Analysieren: Analysieren Sie, inwiefern das Mary Gedankenspiel eine Herausforderung für den Physikalismus darstellt.
Musterantwort: Der Physikalismus geht davon aus, dass alles Mentale vollständig physikalisch erklärbar ist. Mary besitzt im Gedankenexperiment bereits das gesamte physikalische Wissen über Farben und Farbwahrnehmung. Wenn sie beim ersten eigenen Sehen einer Farbe trotzdem etwas Neues lernt, scheint es einen Aspekt der Farbwahrnehmung zu geben, der nicht in ihrem vollständigen physikalischen Wissen enthalten war. Dieser Aspekt wäre das subjektive Erleben der Farbe. Das Gedankenexperiment stellt den Physikalismus deshalb vor die Frage, ob physikalisches Wissen tatsächlich alle Aspekte des Bewusstseins erfassen kann. Es soll damit zeigen, dass zwischen dem Wissen über einen mentalen Zustand und dem subjektiven Erleben dieses Zustands unterschieden werden kann.
Aufgabe 7, Operator Vergleichen: Vergleichen Sie Physikalismus und Dualismus hinsichtlich ihres Verständnisses des Menschen.
Musterantwort: Der Physikalismus versteht auch mentale Vorgänge als grundsätzlich physikalisch erklärbar. Bewusstsein und andere mentale Zustände benötigen nach dieser Auffassung keine eigenständige geistige Substanz. Der Dualismus unterscheidet dagegen zwischen dem materiellen Körper und einem eigenständigen geistigen Bereich. Gemeinsam ist beiden Positionen, dass sie das Verhältnis zwischen körperlichen und mentalen Vorgängen erklären wollen. Sie unterscheiden sich jedoch grundsätzlich darin, ob für die Erklärung des Geistigen neben dem Physischen ein eigenständiger Bereich angenommen werden muss.
Aufgabe 8, Operator Erörtern: Erörtern Sie die Aussage: „Wenn wir eines Tages das menschliche Gehirn vollständig verstehen, verstehen wir auch den Menschen vollständig.“
Musterantwort: Für die Aussage spricht die Annahme des Physikalismus, dass mentale Vorgänge letztlich durch physische Prozesse erklärbar sind. Wenn Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen auf Vorgängen im Gehirn beruhen, könnte ein vollständiges Wissen über diese Prozesse auch zu einem umfassenden Verständnis des Menschen beitragen. Gegen die Aussage kann das Problem der Qualia angeführt werden. Selbst wenn alle körperlichen Vorgänge bekannt wären, könnte weiterhin die Frage bestehen, ob damit auch erklärt ist, wie sich eine Erfahrung subjektiv anfühlt. Das Mary Gedankenspiel verdeutlicht genau diese Schwierigkeit. Die Aussage hängt deshalb wesentlich davon ab, ob subjektives Erleben vollständig auf physikalische Prozesse zurückgeführt werden kann.
Aufgabe 9, Operator Beurteilen: Beurteilen Sie auf Grundlage des Mediums die Aussage: „Das Mary Gedankenspiel beweist, dass der Dualismus richtig ist.“
Musterantwort: Das Mary Gedankenspiel kann als Argument gegen die Vorstellung verstanden werden, dass physikalisches Wissen alle Aspekte des Bewusstseins vollständig erfasst. Wenn Mary beim ersten Sehen einer Farbe etwas Neues lernt, obwohl sie bereits alle physikalischen Tatsachen kennt, scheint subjektives Erleben nicht ohne Weiteres mit physikalischem Wissen gleichgesetzt werden zu können. Daraus folgt jedoch noch nicht zwingend, dass der Dualismus bewiesen ist. Das Medium selbst weist darauf hin, dass weiterer Diskussionsbedarf besteht und einzelne Positionen mit ihren Argumenten und Gegenargumenten genauer betrachtet werden müssten. Das Gedankenexperiment eröffnet daher eine philosophische Problemstellung, liefert aber für sich genommen keinen abschließenden Beweis für eine bestimmte Position.
Aufgabe 10, Operator Erörtern: Erörtern Sie, welche Bedeutung das Leib Seele Problem für religiöse Vorstellungen vom Menschen haben kann.
Musterantwort: Das Leib Seele Problem ist für religiöse Vorstellungen vom Menschen bedeutsam, weil es die Frage berührt, ob der Mensch vollständig durch seinen materiellen Körper beschrieben werden kann oder ob es darüber hinaus eine geistige Dimension gibt. Die Annahme eines vom Körper unterscheidbaren geistigen Bereichs kann zunächst mit bestimmten Vorstellungen einer Seele in Verbindung gebracht werden. Daraus ergeben sich weitere Fragen nach Identität, Tod und einem möglichen Weiterbestehen des Menschen. Allerdings lässt sich aus den im Medium dargestellten philosophischen Positionen allein keine bestimmte religiöse Vorstellung ableiten. Für den Religionsunterricht eröffnet das Leib Seele Problem deshalb vor allem die Möglichkeit, philosophische Vorstellungen von Körper und Geist mit religiösen Vorstellungen vom Menschen zu vergleichen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede herauszuarbeiten.
Aufgabe 11, Operator Stellung nehmen: Nehmen Sie begründet zu der Aussage Stellung: „Der Mensch ist mehr als die Summe seiner körperlichen Vorgänge.“
Musterantwort: Für die Aussage kann das subjektive Erleben angeführt werden. Menschen erleben Farben, Schmerzen, Freude oder Angst aus einer persönlichen Perspektive. Das Mary Gedankenspiel stellt die Frage, ob eine vollständige physikalische Beschreibung solche Erfahrungen tatsächlich vollständig erfasst. Daraus kann die Auffassung entstehen, dass zum Verständnis des Menschen mehr gehört als die Beschreibung körperlicher Prozesse. Andererseits kann ein Vertreter des Physikalismus argumentieren, dass auch subjektive Erfahrungen auf Vorgängen des Gehirns beruhen und deshalb grundsätzlich physikalisch erklärbar sein könnten. Eine begründete Stellungnahme muss deshalb deutlich machen, welches Verständnis des Verhältnisses zwischen Körper und Geist vorausgesetzt wird und welche Bedeutung subjektiven Erfahrungen für die eigene Argumentation zukommt.