Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht in Klasse 10 besonders für die Themen Gewissen, Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde, Bioethik, Medizinethik, katholische Sozialethik, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Pluralismus. Der Text besitzt eine besondere didaktische Bedeutung, weil er nicht nur danach fragt, welche Entscheidung in einem ethischen Konflikt richtig ist. Er stellt vielmehr die grundlegende Frage, wer überhaupt berechtigt und verantwortlich ist, eine solche Entscheidung zu treffen.
Als Einstieg kann den Lernenden ein medizinethischer Konflikt präsentiert werden, ohne zunächst das Subsidiaritätsprinzip zu nennen. Eine schwer erkrankte erwachsene Person muss beispielsweise zwischen verschiedenen medizinischen Behandlungsmöglichkeiten wählen. Unterschiedliche Personen besitzen dazu unterschiedliche Auffassungen: die betroffene Person selbst, Familienangehörige, medizinisches Personal, eine Religionsgemeinschaft und staatliche Institutionen. Die Lernenden sollen zunächst überlegen, wer die Entscheidung treffen sollte und warum. Dadurch wird die zentrale Fragestellung von Sass unmittelbar zugänglich.
Anschließend kann die Frage erweitert werden: Wer sollte entscheiden, wenn Menschen innerhalb einer Gesellschaft sehr unterschiedliche Vorstellungen vom guten und richtigen Leben besitzen? Die Lernenden erkennen dabei, dass pluralistische Gesellschaften einerseits individuelle Freiheit ermöglichen müssen und andererseits gemeinsame Regeln benötigen. Damit lässt sich die von Sass beschriebene Spannung zwischen moralischer Beliebigkeit und autoritärer Festlegung erschließen.
Vor der vertieften Textarbeit sollten zentrale Begriffe geklärt werden. Dazu gehören Subsidiarität, Gewissen, Mündigkeit, Verantwortung, Verantwortungskompetenz, Pluralismus, Konsens, Dissens, Fundamentalismus, individuelle Entscheidungsfreiheit und gesellschaftliche Ordnung. Insbesondere der Begriff Subsidiarität sollte anhand einfacher Beispiele eingeführt werden. Ein Problem soll grundsätzlich auf der Ebene bearbeitet werden, die ihm am nächsten ist und die zur eigenständigen Lösung in der Lage ist. Erst wenn diese Ebene überfordert ist, soll eine übergeordnete Ebene unterstützend tätig werden.
Für die Texterschließung bietet sich eine Unterteilung in zentrale Argumentationsschritte an. Die Lernenden können zunächst das Ausgangsproblem bestimmen. Danach arbeiten sie das Subsidiaritätsprinzip heraus, unterscheiden seine positive und negative Seite, übertragen es auf medizinethische Entscheidungen und untersuchen schließlich seine Grenzen. Dadurch wird der anspruchsvolle Text in eine nachvollziehbare Argumentationsstruktur überführt.
Die positive Seite des Subsidiaritätsprinzips sollte besonders mit dem Begriff der Verantwortungskompetenz verbunden werden. Menschen sollen nicht lediglich allein gelassen werden, sondern dazu befähigt werden, selbst verantwortlich zu entscheiden. Staatliche, kirchliche, medizinische und gesellschaftliche Institutionen besitzen deshalb weiterhin wichtige Aufgaben. Sie sollen Informationen bereitstellen, Beratung ermöglichen, Rechte schützen und Rahmenbedingungen schaffen, innerhalb derer verantwortliche Entscheidungen möglich werden.
Die negative Seite des Subsidiaritätsprinzips begrenzt dagegen die Macht übergeordneter Institutionen. Staat, Kirche oder andere gesellschaftliche Einrichtungen sollen Entscheidungen nicht übernehmen, wenn die unmittelbar Betroffenen diese selbst verantwortlich treffen können. Dadurch wird die individuelle Gewissensfreiheit geschützt. Die Lernenden können an dieser Stelle untersuchen, warum Sass eine übermäßige staatliche oder religiöse Bevormundung kritisch betrachtet.
Didaktisch wichtig ist die Unterscheidung zwischen Subsidiarität und uneingeschränktem Individualismus. Sass fordert nicht, dass jeder Mensch unabhängig von allen anderen tun darf, was er möchte. Seine Position verbindet Freiheit mit Verantwortung. Die unmittelbar Betroffenen erhalten einen besonderen Entscheidungsspielraum, müssen ihre Entscheidungen jedoch gegenüber anderen Menschen und grundlegenden gesellschaftlichen Normen verantworten.
Methodisch bietet sich zur Verdeutlichung ein Stufenmodell der Verantwortung an. Im Mittelpunkt steht die unmittelbar betroffene Person. Auf einer zweiten Ebene stehen Familie und nahestehende Menschen. Danach können religiöse oder kulturelle Gemeinschaften berücksichtigt werden. Weitere Ebenen bilden medizinische Institutionen, Ethikkommissionen, Recht und Staat. Die Lernenden können anhand verschiedener Fälle überlegen, auf welcher Ebene eine Entscheidung zunächst getroffen werden sollte und wann eine weitere Ebene eingreifen muss.
Besonders ergiebig ist Sass Gedanke, dass bei fehlendem gesellschaftlichem Konsens die unmittelbar betroffene Person eine besondere Bedeutung erhält. Die Lernenden können untersuchen, was mit der Aussage gemeint ist, dass der lebensweltlich betroffene Laie zum Experten wird. Dabei sollte herausgearbeitet werden, dass medizinische oder philosophische Fachkenntnisse dadurch nicht bedeutungslos werden. Die betroffene Person besitzt jedoch ein besonderes Wissen über ihre eigene Lebenssituation, ihre Wertvorstellungen, ihre Beziehungen und ihre persönlichen Belastungen.
Diese Überlegung eignet sich hervorragend zur Perspektivübernahme. Bei einem konstruierten medizinethischen Fall können Rollen verteilt werden. Eine Person übernimmt die Perspektive des Betroffenen, andere vertreten Familie, medizinisches Personal, eine Religionsgemeinschaft, Ethikberatung oder staatliche Institutionen. Jede Gruppe formuliert zunächst ihre Interessen, Werte und Verantwortlichkeiten. Anschließend wird geprüft, wer nach dem Subsidiaritätsprinzip welche Aufgabe besitzt.
Für den Religionsunterricht ist die Herkunft des Subsidiaritätsprinzips aus der katholischen Sozialethik besonders bedeutsam. Es kann verdeutlicht werden, dass der Mensch als verantwortungsfähige Person ernst genommen werden soll. Größere gesellschaftliche Einheiten sollen kleinere Einheiten unterstützen, ihnen aber nicht ohne Not ihre Eigenverantwortung entziehen. Dadurch lässt sich Subsidiarität mit Personalität und Solidarität in Beziehung setzen.
Das Medium ermöglicht außerdem eine vertiefte Beschäftigung mit dem Gewissensbegriff. Sass misst dem individuellen Gewissen eine zentrale Bedeutung zu. Im Unterricht kann deshalb gefragt werden, was eine verantwortete Gewissensentscheidung von einer spontanen persönlichen Meinung unterscheidet. Eine Gewissensentscheidung sollte Informationen berücksichtigen, unterschiedliche Werte abwägen, mögliche Folgen bedenken und Verantwortung gegenüber anderen Menschen einbeziehen. Dadurch lässt sich vermeiden, Gewissensfreiheit mit beliebiger persönlicher Vorliebe gleichzusetzen.
Eine mögliche methodische Aufgabe besteht darin, den Satz „Mein Gewissen sagt mir das“ zu untersuchen. Die Lernenden entwickeln Kriterien dafür, wann eine Berufung auf das Gewissen ethisch überzeugend erscheint. Mögliche Kriterien sind ausreichende Information, ernsthafte Auseinandersetzung mit Gegenargumenten, Berücksichtigung anderer Menschen, Prüfung möglicher Folgen und Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Verhältnis von Expertenwissen und persönlicher Entscheidung. Medizinisches Personal verfügt über Fachwissen, die unmittelbar betroffene Person kennt jedoch ihre persönlichen Werte und ihren eigenen Lebensentwurf. Eine verantwortliche Entscheidung benötigt daher Kommunikation zwischen beiden Perspektiven. Im Unterricht kann untersucht werden, warum weder medizinisches Fachwissen allein noch eine uninformierte persönliche Entscheidung eine ausreichende Grundlage darstellen muss.
Sass Ansatz eignet sich außerdem zum Vergleich mit dem Autonomieprinzip von Beauchamp und Childress. Beide Positionen betonen die Bedeutung selbst bestimmter Entscheidungen. Sass erweitert diese Perspektive jedoch durch ein Stufenmodell der Verantwortung. Er fragt nicht nur nach der Freiheit des Individuums, sondern auch danach, wann Familie, Gemeinschaften, Institutionen und Staat Verantwortung übernehmen sollen. Ein solcher Vergleich fördert die Fähigkeit der Lernenden, verschiedene bioethische Modelle aufeinander zu beziehen.
Ebenso kann ein Vergleich mit christlichen Vorstellungen von Gewissen und Verantwortung erfolgen. Das Gewissen kann dabei nicht lediglich als subjektives Gefühl verstanden werden, sondern als Ort verantwortlicher moralischer Prüfung. Die Lernenden können untersuchen, in welchem Verhältnis persönliche Freiheit, Verantwortung vor Gott und Verantwortung gegenüber Mitmenschen stehen. Dadurch erhält die philosophische und sozialethische Argumentation eine religionspädagogische Vertiefung.
Für eine Fallanalyse eignet sich beispielsweise eine Situation, in der eine entscheidungsfähige schwer erkrankte Person eine medizinische Behandlung aus persönlichen oder religiösen Gründen ablehnt. Die Familie möchte die Behandlung, medizinisches Personal hält sie für sinnvoll und staatliche Regeln setzen bestimmte Grenzen. Die Lernenden können prüfen, wer nach Sass zunächst entscheidungsberechtigt ist, welche Unterstützungsaufgaben andere Beteiligte besitzen und unter welchen Voraussetzungen ein Eingriff in die individuelle Entscheidung gerechtfertigt sein könnte.
Ein weiterer Schwerpunkt kann auf den Grenzen der Subsidiarität liegen. Sass erkennt ausdrücklich an, dass individuelle Entscheidungsfreiheit nicht grenzenlos sein kann. Sobald Entscheidungen grundlegende Rechte anderer Menschen, das gesellschaftliche Zusammenleben oder zentrale rechtliche Schutzgüter berühren, können übergeordnete Regelungen erforderlich werden. Die Lernenden sollten deshalb nicht nur die Frage bearbeiten, wann der Staat sich zurückhalten sollte, sondern auch, wann staatliches Eingreifen notwendig sein kann.
Hier bietet sich eine strukturierte Diskussion an. Eine Gruppe sammelt Argumente für möglichst große individuelle Entscheidungsfreiheit. Eine zweite Gruppe untersucht Gründe für gesellschaftliche und rechtliche Grenzen. Eine dritte Gruppe versucht anschließend, anhand des Subsidiaritätsprinzips Kriterien für ein angemessenes Verhältnis zwischen Freiheit und Regulierung zu entwickeln.
Für die abschließende ethische Urteilsbildung kann ein Prüfschema verwendet werden. Zunächst wird geklärt, wer unmittelbar betroffen ist. Danach wird untersucht, ob diese Person selbst entscheidungsfähig ist. Anschließend wird geprüft, welche Unterstützung sie benötigt. Danach werden Familie, Gemeinschaften und Institutionen berücksichtigt. Schließlich wird untersucht, ob Rechte anderer Menschen oder grundlegende gesellschaftliche Schutzgüter betroffen sind. Erst auf dieser Grundlage wird entschieden, ob eine übergeordnete Instanz eingreifen sollte.
Das Medium fördert Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Perspektivübernahme, Dialogkompetenz, Argumentationskompetenz und ethische Urteilskompetenz. Seine besondere Stärke besteht darin, dass es den Lernenden ein differenziertes Modell zwischen zwei Extremen eröffnet. Auf der einen Seite steht eine uneingeschränkte individuelle Freiheit ohne gemeinsame Verantwortung. Auf der anderen Seite steht eine umfassende Regulierung durch Staat, Religion oder andere Autoritäten. Subsidiarität versucht, individuelle Gewissensfreiheit und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verbinden.
Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1: Beschreiben Sie das ethische Grundproblem, von dem Sass in seinem Text ausgeht.
Musterantwort:
Sass geht von einer pluralistischen Gesellschaft aus, in der Menschen unterschiedliche religiöse, weltanschauliche und moralische Überzeugungen besitzen. Deshalb besteht bei schwierigen ethischen Fragen häufig kein allgemeiner Konsens.
Das Problem besteht darin, gemeinsame Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben zu finden, ohne den Menschen ihre persönliche Gewissensfreiheit zu nehmen.
Sass lehnt dabei zwei Extreme ab. Einerseits soll nicht jeder unabhängig von allen gemeinsamen Regeln beliebig handeln können. Andererseits sollen Staat, Religion oder andere Autoritäten den Menschen nicht einfach eine bestimmte moralische Position aufzwingen.
Er sucht deshalb nach einem Modell, das individuelle Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbindet.
Aufgabe 2: Erläutern Sie das Subsidiaritätsprinzip in eigenen Worten.
Musterantwort:
Das Subsidiaritätsprinzip besagt, dass Entscheidungen und Aufgaben möglichst von den Menschen oder Gruppen übernommen werden sollen, die unmittelbar betroffen und zur eigenständigen Bewältigung in der Lage sind.
Eine übergeordnete Institution soll erst dann eingreifen, wenn die kleinere Einheit eine Aufgabe nicht selbst bewältigen kann oder wenn andere wichtige Interessen betroffen sind.
Auf die Medizinethik übertragen bedeutet dies, dass eine entscheidungsfähige betroffene Person grundsätzlich eine besondere Verantwortung für Entscheidungen über das eigene Leben besitzt. Familie, medizinisches Personal, Religionsgemeinschaften und staatliche Institutionen sollen zunächst unterstützen und beraten.
Erst wenn die betroffene Person nicht selbst entscheiden kann oder grundlegende Rechte anderer Menschen betroffen sind, kann eine stärkere Entscheidung durch übergeordnete Instanzen notwendig werden.
Aufgabe 3: Arbeiten Sie die positive und die negative Seite des Subsidiaritätsprinzips heraus.
Musterantwort:
Die positive Seite der Subsidiarität besteht darin, Menschen zur eigenständigen Übernahme von Verantwortung zu befähigen. Menschen sollen Kompetenzen entwickeln, damit sie Entscheidungen selbst treffen und verantworten können.
Institutionen besitzen dabei eine unterstützende Funktion. Sie sollen beispielsweise Informationen, Beratung und geeignete gesellschaftliche Rahmenbedingungen bereitstellen.
Die negative Seite der Subsidiarität setzt übergeordneten Institutionen Grenzen. Staat oder andere Einrichtungen sollen nicht eingreifen, wenn Einzelne oder kleinere Gemeinschaften eine Aufgabe selbst verantwortlich bewältigen können.
Subsidiarität bedeutet somit gleichzeitig Unterstützung und Begrenzung von Macht.
Aufgabe 4: Erklären Sie, warum Sass weder einen unbegrenzten Wertpluralismus noch einen weltanschaulichen Fundamentalismus für überzeugend hält.
Musterantwort:
Ein unbegrenzter Wertpluralismus wäre problematisch, wenn daraus folgen würde, dass jede Handlung allein deshalb akzeptiert werden müsste, weil eine Person sie persönlich für richtig hält. Eine Gesellschaft benötigt gemeinsame Regeln, damit Rechte geschützt und Konflikte geregelt werden können.
Fundamentalismus stellt das andere Extrem dar. Dabei wird eine bestimmte religiöse oder weltanschauliche Position als allgemein verbindlich betrachtet und anderen Menschen vorgeschrieben.
Sass sucht einen Mittelweg. Menschen sollen ihre Gewissensfreiheit behalten und eigenständig entscheiden können. Gleichzeitig benötigen Freiheit und Verantwortung gemeinsame gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen.
Das Subsidiaritätsprinzip soll diese beiden Anforderungen miteinander verbinden.
Aufgabe 5: Erläutern Sie, welche Bedeutung das individuelle Gewissen in Sass Ansatz besitzt.
Musterantwort:
Sass misst dem individuellen Gewissen eine zentrale Bedeutung bei. Menschen sollen moralische Entscheidungen möglichst eigenständig treffen und dafür Verantwortung übernehmen.
Das Gewissen ist dabei nicht einfach mit einem spontanen Gefühl oder einer persönlichen Vorliebe gleichzusetzen. Eine verantwortliche Gewissensentscheidung verlangt die Auseinandersetzung mit Informationen, Werten, möglichen Folgen und den Interessen anderer Menschen.
Institutionen sollen das Gewissen deshalb nicht ersetzen. Sie sollen vielmehr dazu beitragen, dass Menschen ihre Verantwortungskompetenz entwickeln können.
Gewissensfreiheit und Verantwortung gehören bei Sass eng zusammen.
Aufgabe 6: Erläutern Sie die Aussage von Sass, dass bei fehlendem gesellschaftlichem Konsens der betroffene Laie zum Experten werden kann.
Musterantwort:
Sass meint damit nicht, dass medizinisches, theologisches oder juristisches Fachwissen bedeutungslos wird. Experten besitzen weiterhin wichtiges Wissen und können Menschen beraten.
Wenn Experten jedoch bei einer ethischen Frage zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen und kein gesellschaftlicher Konsens besteht, erhält die unmittelbar betroffene Person eine besondere Bedeutung.
Sie kennt ihre persönliche Lebenssituation, ihre Wertvorstellungen, ihre Beziehungen und die Auswirkungen einer Entscheidung auf das eigene Leben.
Deshalb soll ihre verantwortliche Gewissensentscheidung besonders ernst genommen werden. Der Betroffene wird in diesem Sinne zum Experten seiner eigenen Lebenswelt.
Aufgabe 7: Analysieren Sie das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung in Sass Ansatz.
Musterantwort:
Sass verbindet individuelle Freiheit eng mit Verantwortung. Freiheit bedeutet für ihn nicht, dass Menschen ohne Rücksicht auf andere handeln dürfen.
Menschen sollen möglichst selbst entscheiden können. Gleichzeitig müssen sie die Folgen ihrer Entscheidungen berücksichtigen und Verantwortung gegenüber anderen Menschen übernehmen.
Auch die Gesellschaft besitzt Verantwortung. Sie soll Bedingungen schaffen, unter denen Menschen informiert und selbst bestimmt entscheiden können.
Das Subsidiaritätsprinzip verbindet deshalb Freiheit und Verantwortung. Es schützt den Entscheidungsspielraum des Einzelnen, verlangt aber zugleich verantwortliche Gewissensbildung und Rücksicht auf andere.
Aufgabe 8: Vergleichen Sie Sass Subsidiaritätsprinzip mit dem Autonomieprinzip von Beauchamp und Childress.
Musterantwort:
Beide Ansätze betonen die Bedeutung individueller Selbstbestimmung. Das Autonomieprinzip von Beauchamp und Childress verlangt, dass Menschen über medizinische Angelegenheiten, die sie selbst betreffen, möglichst eigenständig entscheiden können.
Auch Sass stellt die unmittelbar betroffene Person in den Mittelpunkt. Sein Subsidiaritätsprinzip erweitert die Perspektive jedoch um verschiedene Ebenen der Verantwortung.
Wenn die betroffene Person eine Entscheidung nicht allein treffen kann, können Familie, nahestehende Menschen, Gemeinschaften und schließlich Institutionen Verantwortung übernehmen.
Beide Ansätze schützen somit Selbstbestimmung. Sass betont darüber hinaus besonders die Frage, auf welcher gesellschaftlichen Ebene Verantwortung übernommen werden sollte.
Aufgabe 9: Wenden Sie das Subsidiaritätsprinzip auf folgenden Fall an: Eine entscheidungsfähige schwer erkrankte erwachsene Person lehnt aus persönlichen Überzeugungen eine medizinisch empfohlene Behandlung ab. Die Familie möchte die Behandlung unbedingt durchführen lassen.
Musterantwort:
Nach dem Subsidiaritätsprinzip besitzt zunächst die unmittelbar betroffene Person eine besondere Entscheidungskompetenz. Wenn sie entscheidungsfähig, ausreichend informiert und sich der Folgen ihrer Entscheidung bewusst ist, sollte ihre Gewissensentscheidung grundsätzlich ernst genommen werden.
Die Familie besitzt eine wichtige unterstützende Funktion. Sie kann beraten, Sorgen äußern und Hilfe anbieten. Sie sollte die Entscheidung jedoch nicht allein deshalb übernehmen, weil sie eine andere Auffassung besitzt.
Auch medizinisches Personal hat die Aufgabe, umfassend zu informieren und mögliche Folgen verständlich darzustellen.
Nach Sass sollte eine übergeordnete Instanz nicht ohne ausreichenden Grund die Verantwortung der betroffenen Person ersetzen. Die persönliche Entscheidungsfreiheit erhält deshalb in diesem Fall ein großes Gewicht.
Aufgabe 10: Analysieren Sie die Rolle des Staates innerhalb des Subsidiaritätsprinzips.
Musterantwort:
Der Staat besitzt bei Sass sowohl eine unterstützende als auch eine begrenzte Rolle.
Er soll rechtliche und gesellschaftliche Bedingungen schaffen, unter denen Menschen verantwortlich entscheiden können. Dazu gehören beispielsweise der Schutz grundlegender Rechte und die Bereitstellung verlässlicher rechtlicher Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig soll der Staat Entscheidungen nicht unnötig zentral steuern. Wenn eine Person oder kleinere Gemeinschaft eine Angelegenheit selbst verantwortlich regeln kann, soll staatliches Eingreifen begrenzt bleiben.
Der Staat soll somit nicht jede moralische Entscheidung selbst treffen. Er muss aber dort eingreifen können, wo grundlegende Rechte, der Schutz anderer Menschen oder das gesellschaftliche Zusammenleben gefährdet werden.
Aufgabe 11: Vergleichen Sie Subsidiarität mit einer ausschließlich staatlich geregelten Medizinethik.
Musterantwort:
Bei einer ausschließlich staatlich geregelten Medizinethik würde der Staat möglichst genau festlegen, welche Entscheidungen in bestimmten Situationen zulässig sind. Dies könnte Rechtssicherheit schaffen und Menschen vor Missbrauch schützen.
Ein Nachteil wäre jedoch, dass individuelle Lebenssituationen und Gewissensentscheidungen möglicherweise zu wenig berücksichtigt würden.
Das Subsidiaritätsprinzip geht deshalb von einer anderen Reihenfolge aus. Zunächst sollen die unmittelbar Betroffenen selbst Verantwortung übernehmen. Übergeordnete Institutionen unterstützen und setzen notwendige Grenzen.
Der Unterschied besteht somit vor allem darin, wo die Entscheidung zunächst angesiedelt wird. Subsidiarität beginnt bei den Betroffenen und bewegt sich nur bei Bedarf zu übergeordneten Ebenen.
Aufgabe 12: Erörtern Sie die Aussage: „Über medizinethische Fragen sollte immer die unmittelbar betroffene Person allein entscheiden.“ Beziehen Sie Sass Position ein.
Musterantwort:
Für die Aussage spricht, dass die betroffene Person die Folgen einer Entscheidung unmittelbar tragen muss. Sie kennt außerdem ihre persönlichen Wertvorstellungen, Überzeugungen und ihren eigenen Lebensentwurf. Das Subsidiaritätsprinzip stärkt deshalb ihre Entscheidungskompetenz.
Gegen die Aussage spricht jedoch das Wort „allein“. Sass versteht Subsidiarität nicht als völlige Isolation des Einzelnen. Menschen benötigen Informationen, Beratung und Unterstützung.
Außerdem können Entscheidungen andere Menschen oder grundlegende gesellschaftliche Interessen betreffen. In solchen Situationen können Grenzen individueller Freiheit notwendig sein.
Auch wenn eine Person nicht entscheidungsfähig ist, müssen andere Menschen Verantwortung übernehmen.
Die unmittelbar betroffene Person sollte daher grundsätzlich eine zentrale Stellung besitzen. Subsidiarität bedeutet jedoch nicht, dass jede medizinethische Entscheidung ausschließlich privat und unabhängig von allen anderen getroffen werden kann.
Aufgabe 13: Beurteilen Sie die Bedeutung des Gewissens für medizinethische Entscheidungen.
Musterantwort:
Das Gewissen besitzt für medizinethische Entscheidungen eine große Bedeutung, weil medizinische Konflikte häufig grundlegende persönliche Wertvorstellungen betreffen.
Sass betont zu Recht, dass Menschen nicht lediglich Objekte medizinischer oder staatlicher Entscheidungen sein sollen. Sie sollen selbst Verantwortung übernehmen.
Eine Gewissensentscheidung ist jedoch nur dann überzeugend, wenn sie verantwortet erfolgt. Dazu gehören ausreichende Informationen, die Auseinandersetzung mit anderen Positionen, die Prüfung möglicher Folgen und die Berücksichtigung betroffener Mitmenschen.
Das Gewissen sollte deshalb weder durch Autoritäten vollständig ersetzt noch als Begründung für beliebiges Handeln verstanden werden. Gewissensfreiheit benötigt Gewissensbildung und Verantwortungsbereitschaft.
Aufgabe 14: Erörtern Sie, wo die Grenzen individueller Entscheidungsfreiheit in der Medizinethik liegen können.
Musterantwort:
Für eine möglichst große Entscheidungsfreiheit spricht die Würde des Menschen als selbst bestimmter und verantwortungsfähiger Person. Menschen sollten nicht unnötig bevormundet werden.
Grenzen können jedoch entstehen, wenn eine Entscheidung erhebliche Auswirkungen auf andere Menschen besitzt. Auch der Schutz besonders verletzlicher Menschen kann gesellschaftliche Regeln erforderlich machen.
Weitere Grenzen können entstehen, wenn eine Person nicht entscheidungsfähig ist oder wenn ihre Entscheidung nicht freiwillig zustande gekommen ist.
Sass erkennt außerdem Grenzen dort an, wo grundlegende Voraussetzungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens betroffen sind.
Individuelle Freiheit besitzt deshalb eine hohe Bedeutung, ist aber mit Verantwortung verbunden. Staatliche Einschränkungen benötigen ihrerseits eine nachvollziehbare Begründung und sollten nicht weiter reichen als erforderlich.
Aufgabe 15: Vergleichen Sie Sass Verständnis von Gewissensfreiheit mit einer christlichen Vorstellung von Gewissen und Verantwortung.
Musterantwort:
Sass versteht das Gewissen als wichtigen Ort individueller moralischer Entscheidung. Menschen sollen selbst prüfen, abwägen und Verantwortung übernehmen.
Auch in christlicher Ethik besitzt das Gewissen eine hohe Bedeutung. Der Mensch wird als verantwortliche Person verstanden, die moralische Entscheidungen nicht lediglich aufgrund äußeren Zwangs treffen soll.
Eine christliche Perspektive kann das Gewissen zusätzlich in die Beziehung zu Gott einordnen. Gewissensentscheidungen stehen dann auch in Verbindung mit Nächstenliebe, Menschenwürde und Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen.
Eine Gemeinsamkeit besteht somit in der Betonung persönlicher Verantwortung. Ein Unterschied liegt darin, dass Sass seinen Ansatz besonders auf die Bedingungen einer pluralistischen Gesellschaft ausrichtet, während christliche Gewissensvorstellungen zusätzlich religiös begründet werden können.
Aufgabe 16: Entwickeln Sie aus Sass Subsidiaritätsprinzip ein Schema zur Bearbeitung eines medizinethischen Konflikts.
Musterantwort:
Im ersten Schritt wird die unmittelbar betroffene Person bestimmt. Es wird gefragt, wer die Folgen der Entscheidung hauptsächlich trägt.
Im zweiten Schritt wird die Entscheidungsfähigkeit geprüft. Es muss geklärt werden, ob die Person die Situation verstehen und eine eigenständige Entscheidung treffen kann.
Im dritten Schritt werden Information und Beratung betrachtet. Die Person muss die notwendigen Informationen erhalten, um verantwortlich entscheiden zu können.
Im vierten Schritt werden nahestehende Personen berücksichtigt. Familie und Freunde können beraten und unterstützen.
Im fünften Schritt können religiöse oder kulturelle Gemeinschaften eine unterstützende Rolle übernehmen, wenn die betroffene Person dies wünscht.
Im sechsten Schritt wird die Rolle von Institutionen und Staat geprüft. Ein Eingreifen kann erforderlich sein, wenn die betroffene Person überfordert ist oder grundlegende Rechte anderer Menschen gefährdet werden.
Im siebten Schritt werden Freiheit und Verantwortung gegeneinander abgewogen.
Abschließend wird ein begründetes Urteil darüber formuliert, auf welcher Ebene die Entscheidung getroffen werden sollte und welche Unterstützung oder Begrenzung notwendig ist.
Aufgabe 17: Nehmen Sie begründet Stellung zu der Aussage: „Je weniger gesellschaftlicher Konsens über eine bioethische Frage besteht, desto wichtiger wird die Gewissensentscheidung der unmittelbar Betroffenen.“
Musterantwort:
Für die Aussage spricht Sass Subsidiaritätsprinzip. Wenn selbst Theologen, Ethiker, Juristen und Politiker keine gemeinsame Antwort auf eine bioethische Frage finden, erscheint es problematisch, eine bestimmte Position für alle Menschen verbindlich zu machen.
Die unmittelbar betroffene Person kennt außerdem ihre eigene Lebenssituation und ihre persönlichen Wertvorstellungen besonders gut. Deshalb sollte ihre Gewissensentscheidung ein großes Gewicht erhalten.
Allerdings kann fehlender Konsens nicht bedeuten, dass keinerlei gemeinsame Regeln mehr gelten. Menschenwürde, Rechte anderer Menschen und grundlegende gesellschaftliche Schutzpflichten müssen weiterhin berücksichtigt werden.
Die Gewissensentscheidung der Betroffenen gewinnt bei fehlendem gesellschaftlichem Konsens somit an Bedeutung. Sie bleibt jedoch in Verantwortung gegenüber Mitmenschen und gesellschaftlichen Grundnormen eingebunden.