Der Text eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Zusammenhang mit den Themen Gerechtigkeit, Gewissen, Normen, Menschenwürde, ethische Urteilsbildung sowie dem Verhältnis von Religion, Moral und Recht. Seine besondere didaktische Bedeutung liegt darin, dass Kelsen eine klare Trennung von geltendem Recht und moralischen Vorstellungen fordert. Dadurch werden Lernende mit einer Position konfrontiert, die für die religiöse und ethische Frage nach einer übergeordneten Gerechtigkeit eine besondere Herausforderung darstellt. Während religiöse Traditionen Gerechtigkeit beispielsweise auf Gott, die Würde des Menschen oder verbindliche moralische Maßstäbe beziehen können, bestreitet Kelsen nicht deren Bedeutung für menschliches Handeln, wohl aber die Möglichkeit, eine absolute Gerechtigkeitsordnung mit wissenschaftlichen Mitteln eindeutig zu erkennen.
Aufgrund der sprachlichen und argumentativen Komplexität sollte der Text im Unterricht schrittweise erschlossen werden. Als Einstieg bietet sich ein konkreter Konflikt zwischen Recht und Moral an. Die Lernenden können beispielsweise mit der Frage konfrontiert werden, ob ein staatliches Gesetz allein deshalb gerecht ist, weil es ordnungsgemäß beschlossen wurde. Ebenso kann diskutiert werden, ob es moralische Maßstäbe gibt, an denen Gesetze unabhängig von ihrer rechtlichen Gültigkeit beurteilt werden müssen. Die Lernenden formulieren zunächst spontane Positionen und begründen diese. Dadurch werden ihre eigenen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit aktiviert und als Ausgangspunkt für die Textarbeit sichtbar gemacht.
Für die anschließende Erarbeitungsphase empfiehlt sich eine Gliederung des Textes in Sinnabschnitte. Die Lernenden können zentrale Begriffe wie positives Recht, Gerechtigkeit, Interessen, Naturrecht, Ideologie, Wissenschaft und Reine Rechtslehre markieren und in eigenen Worten erklären. Anschließend werden Kelsens Argumentationsschritte herausgearbeitet. Dabei sollte insbesondere geklärt werden, weshalb Kelsen absolute Gerechtigkeit für rational nicht erkennbar hält, weshalb er Recht und Gerechtigkeit voneinander trennt und weshalb er die Naturrechtslehre kritisch beurteilt. Eine grafische Gegenüberstellung der Begriffe „Recht, wie es ist“ und „Recht, wie es sein soll“ kann das Verständnis erleichtern.
Methodisch bietet sich anschließend eine arbeitsteilige Vertiefung an. Eine Gruppe untersucht Kelsens Verständnis von Gerechtigkeit, eine weitere seine Vorstellung von Rechtswissenschaft und eine dritte seine Kritik an Naturrecht und Ideologie. Die Ergebnisse werden zusammengeführt und zu einem Schaubild verdichtet. Auf diese Weise erkennen die Lernenden, dass Kelsens einzelne Aussagen Bestandteil einer umfassenden wissenschaftstheoretischen Position sind.
Für den Religionsunterricht ist insbesondere die Kontrastierung mit religiösen Gerechtigkeitsvorstellungen ergiebig. Kelsens Position kann beispielsweise mit biblischen Vorstellungen von Gerechtigkeit, dem Doppelgebot der Liebe, der Goldenen Regel oder christlichen Vorstellungen von Menschenwürde verglichen werden. Dabei sollte jedoch vermieden werden, Kelsen lediglich als Gegenposition zu Religion darzustellen. Entscheidend ist vielmehr die unterschiedliche Fragestellung. Kelsen fragt danach, was eine Rechtswissenschaft wissenschaftlich erkennen und beschreiben kann. Religiöse Ethik beschäftigt sich dagegen auch mit normativen Fragen danach, was Menschen tun sollen und welche Ordnung als gut oder gerecht gelten kann.
Eine weitere Vertiefung ermöglicht die Arbeit mit konkreten Fallbeispielen. Die Lernenden können untersuchen, ob Recht und moralische Bewertung bei einem Fall zum gleichen Ergebnis gelangen oder auseinanderfallen. Historische Beispiele ungerechter Gesetze können dabei die Frage aufwerfen, ob die strikte Unterscheidung zwischen Geltung und Gerechtigkeit notwendig ist oder Schwierigkeiten erzeugt. Wichtig ist die begriffliche Präzision: Die Feststellung, dass ein Gesetz rechtlich gilt, ist nicht identisch mit der Aussage, dass dieses Gesetz moralisch gerecht ist. Gerade diese Unterscheidung unterstützt die Entwicklung ethischer Urteilskompetenz.
In einer abschließenden Urteilsphase können die Lernenden Kelsens Aussage „Gerechtigkeit ist ein irrationales Ideal“ diskutieren. Sie sollten dabei zunächst Kelsens Position sachgerecht rekonstruieren und erst anschließend eine eigene begründete Stellungnahme entwickeln. Als Kriterien können Vernunft, Menschenwürde, religiöse Überzeugungen, gesellschaftliche Interessen und die Funktion des Rechts herangezogen werden. Die Unterrichtsarbeit fördert damit Wahrnehmungskompetenz, Deutungskompetenz, Sachkompetenz, Argumentationsfähigkeit und ethische Urteilskompetenz. Zugleich üben die Lernenden grundlegende Verfahren der Textanalyse, indem sie Thesen identifizieren, Argumentationen rekonstruieren, Begriffe erläutern, unterschiedliche Positionen vergleichen und ein begründetes eigenes Urteil formulieren.
Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1: Geben Sie Kelsens zentrale Aussagen über das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit in eigenen Worten wieder. Operator: wiedergeben
Musterantwort: Kelsen unterscheidet deutlich zwischen Recht und Gerechtigkeit. Nach seiner Auffassung können Menschen durch rationale Erkenntnis nicht feststellen, welche gesellschaftliche Ordnung absolut gerecht ist. In einer Gesellschaft bestehen unterschiedliche Interessen, zwischen denen eine Rechtsordnung entscheiden oder einen Ausgleich herstellen muss. Gerechtigkeit ist für Kelsen zwar ein wichtiges menschliches Ideal, kann aber nicht wissenschaftlich eindeutig erkannt werden. Die Rechtswissenschaft soll deshalb untersuchen, welches Recht tatsächlich gilt und wie dieses Recht aufgebaut ist. Sie soll dagegen nicht entscheiden, ob dieses Recht moralisch gerecht oder ungerecht ist.
Aufgabe 2: Erläutern Sie Kelsens Aussage „Gerechtigkeit ist ein irrationales Ideal“. Operator: erläutern
Musterantwort: Mit dieser Aussage meint Kelsen nicht, dass Gerechtigkeit bedeutungslos sei. Er bezeichnet sie ausdrücklich als wichtig für menschliches Wollen und Handeln. Irrational ist das Ideal für ihn insofern, als sich eine absolut gerechte Ordnung nicht mit wissenschaftlichen und rationalen Methoden eindeutig bestimmen lässt. Menschen können unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was gerecht ist. Diese Vorstellungen hängen unter anderem mit unterschiedlichen Interessen und Wertvorstellungen zusammen. Wissenschaft kann nach Kelsen geltendes Recht untersuchen, aber nicht beweisen, dass eine bestimmte Rechtsordnung absolut gerecht ist.
Aufgabe 3: Arbeiten Sie heraus, welche Kritik Kelsen an der Naturrechtslehre übt. Operator: herausarbeiten
Musterantwort: Kelsen kritisiert an der Naturrechtslehre vor allem den Anspruch, eine absolut richtige und gerechte Ordnung aus der Natur, der menschlichen Vernunft oder dem göttlichen Willen ableiten zu können. Nach seiner Auffassung besteht dabei die Gefahr, geltendes Recht nicht nur zu beschreiben, sondern zugleich als gerecht zu legitimieren. Wissenschaft und moralische oder politische Bewertung werden dadurch miteinander vermischt. Kelsen bezeichnet dies als ideologisch, weil eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung gerechtfertigt und verklärt werden kann. Seine Reine Rechtslehre möchte diese Verbindung vermeiden und das geltende Recht unabhängig von seiner moralischen Bewertung wissenschaftlich untersuchen.
Aufgabe 4: Vergleichen Sie Kelsens Verständnis von Gerechtigkeit mit einer christlichen Vorstellung von Gerechtigkeit. Operator: vergleichen
Musterantwort: Kelsen und eine christliche Gerechtigkeitsvorstellung unterscheiden sich zunächst in ihrer Begründung. Kelsen hält absolute Gerechtigkeit für rational nicht eindeutig erkennbar. Wissenschaft kann seiner Ansicht nach keine verbindliche Antwort darauf geben, welche Ordnung vollkommen gerecht ist. Christliche Ethik kann Gerechtigkeit dagegen auf Gott und auf normative Vorstellungen vom Umgang mit dem Menschen beziehen. Dazu gehören beispielsweise die Nächstenliebe, die Goldene Regel und die besondere Würde jedes Menschen. Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass sowohl Kelsens Überlegungen als auch christliche Ethik gesellschaftliche Konflikte und menschliches Handeln betreffen. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, dass Kelsen wissenschaftliche Erkenntnis und moralische Bewertung trennen möchte, während christliche Ethik ausdrücklich normative Aussagen darüber trifft, wie Menschen handeln sollen.
Aufgabe 5: Beurteilen Sie die These, dass ein Gesetz rechtlich gültig sein kann, obwohl es moralisch ungerecht erscheint. Beziehen Sie Kelsens Position und eine begründete eigene Position ein. Operator: beurteilen
Musterantwort: Aus Kelsens Perspektive muss zunächst zwischen der rechtlichen Gültigkeit eines Gesetzes und seiner moralischen Bewertung unterschieden werden. Ob ein Gesetz gilt, ist eine andere Frage als diejenige, ob Menschen es für gerecht halten. Diese Unterscheidung ist sinnvoll, weil dadurch deutlich wird, dass die Beschreibung einer Rechtsordnung nicht automatisch ihre moralische Zustimmung bedeutet. Gleichzeitig können Menschen Gesetze anhand moralischer Maßstäbe kritisieren. Gerade Erfahrungen mit Gesetzen, die Menschen benachteiligen oder ihre Würde verletzen, zeigen die Bedeutung moralischer Kritik am geltenden Recht. Daher lässt sich begründet vertreten, dass ein Gesetz rechtlich gültig und dennoch aus einer bestimmten ethischen Perspektive moralisch ungerecht sein kann. Kelsens Unterscheidung hilft dabei, beide Ebenen begrifflich auseinanderzuhalten.
Aufgabe 6: Erörtern Sie, ob Recht ohne eine Vorstellung von Gerechtigkeit auskommen kann. Operator: erörtern
Musterantwort: Für Kelsens Position spricht, dass in pluralistischen Gesellschaften sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit bestehen. Würde jede Gruppe ihre eigene Vorstellung als absolut gerecht betrachten, könnten Konflikte kaum rational gelöst werden. Eine Rechtsordnung schafft dagegen verbindliche Regeln, auch wenn nicht alle Menschen diese Regeln moralisch für richtig halten. Zudem ermöglicht die Trennung von Recht und Moral eine möglichst sachliche wissenschaftliche Untersuchung des geltenden Rechts.
Gegen eine vollständige Trennung kann eingewendet werden, dass Gesetze das Leben von Menschen unmittelbar beeinflussen und deshalb immer wieder moralisch beurteilt werden müssen. Begriffe wie Menschenwürde, Gleichheit und Verantwortung zeigen, dass gesellschaftliche Vorstellungen von Gerechtigkeit für die Gestaltung von Recht eine wichtige Rolle spielen können. Auch aus christlicher Sicht kann die Frage gestellt werden, ob eine Rechtsordnung Menschen gerecht behandelt und ihre Würde respektiert.
Insgesamt ist deshalb zwischen der wissenschaftlichen Beschreibung des Rechts und seiner ethischen Bewertung zu unterscheiden. Kelsens Ansatz macht verständlich, weshalb die Gültigkeit eines Gesetzes nicht automatisch seine Gerechtigkeit beweist. Gleichzeitig bleibt für gesellschaftliche und religiöse Ethik die Aufgabe bestehen, geltendes Recht anhand begründeter moralischer Maßstäbe zu prüfen.