Der Text eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Zusammenhang mit den Themen Menschenbild, Menschenwürde, Freiheit, Gewissen, Verantwortung und ethisches Handeln. Er ermöglicht eine philosophische Vertiefung der Frage, warum jedem Menschen Würde zukommt und worauf die Vorstellung eines unverfügbaren Wertes des Menschen gegründet werden kann. Im Religionsunterricht bietet sich insbesondere ein Vergleich zwischen Kants philosophischer Begründung der Menschenwürde und religiösen Vorstellungen an. Im christlichen Kontext kann beispielsweise untersucht werden, in welchem Verhältnis Kants Begründung durch Vernunft und Autonomie zur Vorstellung der Gottebenbildlichkeit des Menschen steht. Dabei können die Lernenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Begründungsmodelle herausarbeiten, ohne diese vorschnell miteinander gleichzusetzen.
Aufgrund seiner sprachlichen und gedanklichen Komplexität sollte der Kanttext didaktisch erschlossen werden. Als Einstieg eignet sich eine lebensweltliche Situation, in der zwischen dem finanziellen Wert einer Sache und dem Wert einer Person unterschieden werden muss. Denkbar sind beispielsweise Fragen danach, ob alles käuflich sein darf oder ob es Dinge gibt, die grundsätzlich keinen Preis haben können. Von solchen konkreten Beispielen ausgehend können die Lernenden zunächst eigene Vorstellungen von Wert und Würde formulieren. Anschließend wird die Leitfrage entwickelt, was Kant meint, wenn er behauptet, dass der Mensch einen Wert besitzt, der sich nicht in einem Preis ausdrücken lässt.
Bei der Textarbeit empfiehlt sich eine Gliederung in Sinnabschnitte. Die Lernenden können zentrale Begriffe wie Preis, Würde, innerer Wert, Zweck an sich selbst, Moralität, Vernunft, Maxime und Autonomie markieren und mit eigenen Worten erklären. Besonders hilfreich ist eine Gegenüberstellung der Kategorien Preis und Würde. Die Lernenden können aus dem Text Beispiele sammeln und den Kategorien Marktpreis, Affektionspreis und Würde zuordnen. Auf diese Weise wird die zunächst abstrakte Argumentation Kants sichtbar strukturiert.
In einem weiteren Arbeitsschritt sollte Kants Argumentationsgang rekonstruiert werden. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen ersetzbaren und nicht ersetzbaren Werten. Darauf folgt die Bestimmung der Moralität als Voraussetzung dafür, dass ein vernünftiges Wesen Zweck an sich selbst sein kann. Schließlich begründet Kant die Würde des Menschen durch dessen Fähigkeit zur vernünftigen Selbstgesetzgebung. Die Lernenden können diesen Gedankengang in eigenen Worten formulieren oder als Begriffskette darstellen: Vernunft / Moralität / Selbstgesetzgebung / Autonomie / Zweck an sich selbst / Würde.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Kants Aussage, dass der moralische Wert einer Handlung nicht in ihren Folgen oder ihrem Nutzen liegt. An Beispielen aus der Lebenswelt lässt sich erarbeiten, was es bedeutet, aus einer moralischen Maxime heraus zu handeln. Ein geeignetes Beispiel ist das Einhalten eines Versprechens, obwohl daraus persönliche Nachteile entstehen. Die Lernenden können verschiedene Handlungsmotive vergleichen und diskutieren, weshalb für Kant eine Handlung aus moralischen Grundsätzen einen anderen Stellenwert besitzt als eine Handlung, die lediglich aus Eigeninteresse, Sympathie oder der Erwartung einer Belohnung erfolgt.
Zur Vertiefung eignet sich eine Anwendung auf aktuelle ethische Konfliktfelder. Denkbar sind Fragen zum Umgang mit Menschen mit Behinderung, zu Ausgrenzung und Diskriminierung, zu Armut, Pflege, medizinischer Ethik, digitaler Kommunikation oder zum Umgang mit menschlichen Daten. Dabei sollte jeweils geprüft werden, welche Konsequenzen sich aus der Vorstellung ergeben, dass ein Mensch niemals lediglich nach seinem Nutzen oder seiner Leistungsfähigkeit bewertet werden darf. Auf diese Weise erkennen die Lernenden die Bedeutung einer zunächst abstrakten philosophischen Position für konkrete ethische Urteilsprozesse.
Für einen religionspädagogischen Vergleich kann Kants Verständnis der Würde anschließend mit Gen 1,26 bis 27 verbunden werden. Während Kant die Würde insbesondere mit Vernunft, Moralität und Autonomie begründet, wird die besondere Stellung des Menschen in der biblischen Tradition durch seine Beziehung zu Gott und seine Gottebenbildlichkeit ausgedrückt. Die Lernenden können herausarbeiten, dass beide Ansätze den Menschen einer rein funktionalen Bewertung entziehen, dabei jedoch unterschiedliche Begründungswege wählen. Eine solche Gegenüberstellung eignet sich besonders zur Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit, Deutungsfähigkeit, Urteilsfähigkeit und Dialogfähigkeit.
Methodisch bieten sich Einzelarbeit zur ersten Texterschließung, Partnerarbeit zur Klärung schwieriger Begriffe und Gruppenarbeit zur Rekonstruktion der Argumentation an. Eine abschließende Diskussion ermöglicht den Transfer auf die Lebenswelt. Ebenso kann eine Schreibaufgabe eingesetzt werden, in der die Lernenden Kants zentrale Aussage in verständlicher Sprache für Gleichaltrige erklären. Für leistungsstärkere Lerngruppen bietet sich zusätzlich die Frage an, ob die Begründung der Menschenwürde durch Autonomie Schwierigkeiten aufwirft, wenn Menschen ihre Autonomie zeitweise oder dauerhaft nicht ausüben können. Dadurch wird eine differenzierte Auseinandersetzung mit philosophischen und religiösen Begründungen der Menschenwürde ermöglicht.
Prüfungsfragen für eine Klausur in Jahrgangsstufe 10
Aufgabe 1: Wiedergeben
Gib Kants Unterscheidung zwischen Preis und Würde in eigenen Worten wieder und nenne jeweils ein Beispiel aus dem Text.
Musterantwort:
Nach Kant besitzt etwas einen Preis, wenn es durch etwas anderes von vergleichbarem Wert ersetzt werden kann. Fähigkeiten wie Geschicklichkeit und Fleiß können beispielsweise einen Marktpreis besitzen. Würde besitzt dagegen etwas, das keinen gleichwertigen Ersatz zulässt und deshalb einen inneren und unvergleichbaren Wert hat. Für Kant besitzen Sittlichkeit und die zur Moralität fähige Menschheit Würde. Ein Mensch darf deshalb nicht ausschließlich nach seinem Nutzen oder seiner Leistung bewertet werden.
Aufgabe 2: Erläutern
Erläutere Kants Aussage: „Autonomie ist also der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur.“
Musterantwort:
Mit Autonomie bezeichnet Kant die Fähigkeit eines vernünftigen Wesens, sich selbst moralische Gesetze zu geben und sein Handeln an vernünftigen Grundsätzen auszurichten. Der Mensch folgt damit nicht ausschließlich seinen Bedürfnissen, Interessen oder Neigungen, sondern kann prüfen, ob die Maxime seines Handelns als allgemeiner Grundsatz gelten könnte. Diese Fähigkeit zur moralischen Selbstgesetzgebung macht den Menschen zu einem Zweck an sich selbst. Sein Wert hängt deshalb nicht davon ab, welchen Nutzen er für andere besitzt. Darin liegt für Kant die Würde des Menschen.
Aufgabe 3: Herausarbeiten
Arbeite aus dem Text heraus, welche Bedeutung die Gesinnung für den moralischen Wert einer Handlung besitzt.
Musterantwort:
Für Kant hängt der moralische Wert einer Handlung nicht in erster Linie von ihren Folgen ab. Entscheidend ist vielmehr die Gesinnung, aus der heraus eine Person handelt. Damit sind insbesondere die Maximen des Willens gemeint. Eine Handlung besitzt moralischen Wert, wenn sie aus einem moralischen Grundsatz heraus erfolgt. Kant nennt beispielsweise die Treue zu einem Versprechen und Wohlwollen aus Grundsätzen. Auch wenn eine moralisch motivierte Handlung nicht den gewünschten Erfolg hat, kann sie ihren moralischen Wert behalten. Entscheidend ist somit nicht allein das Ergebnis, sondern der vernünftige und sittliche Grund des Handelns.
Aufgabe 4: Vergleichen
Vergleiche Kants Begründung der Menschenwürde mit der christlichen Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen in Gen 1,26 bis 27. Zeige mindestens eine Gemeinsamkeit und einen Unterschied auf.
Musterantwort:
Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass sowohl Kant als auch die Vorstellung der Gottebenbildlichkeit dem Menschen einen besonderen Wert zusprechen, der nicht von Besitz, gesellschaftlichem Ansehen oder wirtschaftlichem Nutzen abhängig ist. Die Begründung dieses besonderen Wertes unterscheidet sich jedoch. Bei Kant wird die Würde philosophisch durch die Fähigkeit des vernünftigen Menschen zu Moralität und Autonomie begründet. In Gen 1,26 bis 27 wird die besondere Stellung des Menschen theologisch durch seine Beziehung zu Gott und seine Erschaffung als Ebenbild Gottes begründet. Beide Vorstellungen können daher einen besonderen und nicht allein durch Leistung bestimmten Wert des Menschen begründen, gehen jedoch von unterschiedlichen Voraussetzungen aus.
Aufgabe 5: Anwenden
Wende Kants Verständnis der Menschenwürde auf folgende Situation an: Ein Unternehmen entscheidet, ältere Beschäftigte zu entlassen, weil jüngere Beschäftigte bei geringeren Kosten dieselbe Arbeit leisten können. Erläutere, welche Fragen sich aus Kants Verständnis von Würde für die Beurteilung dieser Entscheidung ergeben.
Musterantwort:
Aus Kants Verständnis der Menschenwürde ergibt sich zunächst die Frage, ob die betroffenen Personen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihres wirtschaftlichen Nutzens betrachtet werden. Eine solche Betrachtung würde Menschen vor allem nach ihrem Preis beziehungsweise ihrer wirtschaftlichen Leistung bewerten. Nach Kant besitzt der Mensch jedoch als vernunftfähiges Wesen Würde und darf deshalb nicht lediglich als austauschbares Mittel behandelt werden. Für die Beurteilung müsste daher geprüft werden, ob die Beschäftigten als eigenständige Personen und Zwecke an sich selbst respektiert werden und ob ihre Interessen angemessen berücksichtigt werden. Kants Position bedeutet dabei nicht automatisch, dass jede wirtschaftlich begründete Kündigung ausgeschlossen ist. Sie verlangt jedoch, Menschen nicht ausschließlich auf Kosten, Leistung und Nutzen zu reduzieren.
Aufgabe 6: Beurteilen
Beurteile die Aussage: „Der Wert eines Menschen hängt davon ab, was er für die Gesellschaft leisten kann.“ Beziehe Kants Verständnis von Menschenwürde begründet in deine Beurteilung ein.
Musterantwort:
Aus der Perspektive Kants ist die Aussage abzulehnen, wenn mit Wert die grundlegende Würde eines Menschen gemeint ist. Leistung kann einen bestimmten gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Wert besitzen. Kant würde diesen jedoch von der Würde unterscheiden. Würde kann nicht durch größere Leistung erhöht oder durch fehlende Leistung vermindert werden, weil sie einen inneren und unvergleichbaren Wert bezeichnet. Die Aussage wäre zudem problematisch, weil Menschen, die beispielsweise aufgrund ihres Alters, einer Krankheit oder anderer Umstände wenig leisten können, dadurch einen geringeren Wert erhalten würden. Nach Kant lässt sich die Würde des Menschen jedoch nicht anhand seines Nutzens bestimmen. Für eine differenzierte Beurteilung muss deshalb zwischen der Bewertung bestimmter Leistungen und der grundlegenden Würde einer Person unterschieden werden.
Aufgabe 7: Erörtern
Erörtere, ob Kants Begründung der Menschenwürde durch Autonomie ausreicht, um die gleiche Würde aller Menschen zu begründen.
Musterantwort:
Für Kants Position spricht, dass die Menschenwürde nicht von Besitz, Erfolg, sozialem Status oder konkreter Leistung abhängig gemacht wird. Der Mensch besitzt Würde als vernünftiges und zur Moralität fähiges Wesen. Dadurch wird verhindert, dass Menschen lediglich nach ihrem Nutzen bewertet werden.
Eine Schwierigkeit entsteht jedoch bei der Frage, wie Menschen einbezogen werden, die ihre Fähigkeit zur autonomen Entscheidung noch nicht, zeitweise nicht oder dauerhaft nicht ausüben können. Dazu gehören beispielsweise kleine Kinder oder Menschen mit bestimmten schweren Beeinträchtigungen. Wenn Würde ausschließlich von der tatsächlich ausgeübten Autonomie abhängig gemacht würde, könnten daraus problematische Konsequenzen entstehen.
Kants Aussage kann allerdings so verstanden werden, dass nicht die konkrete einzelne autonome Entscheidung über die Würde bestimmt, sondern die Zugehörigkeit zur vernünftigen menschlichen Natur. Im Vergleich dazu bietet die christliche Vorstellung der Gottebenbildlichkeit eine andere Begründung. Würde wird hier nicht von einer bestimmten Fähigkeit oder Leistung abhängig gemacht, sondern mit der Beziehung des Menschen zu Gott verbunden. Die Gegenüberstellung zeigt, dass philosophische und religiöse Begründungen unterschiedliche Antworten auf die Frage geben können, weshalb Menschen unabhängig von ihrer konkreten Leistungsfähigkeit Würde besitzen.
5. Mögliche Klausurzusammenstellung
Für eine Klausur der Jahrgangsstufe 10 bietet sich eine Kombination verschiedener Anforderungsbereiche an. Im ersten Teil können die Lernenden Kants Unterscheidung zwischen Preis und Würde wiedergeben und zentrale Begriffe erklären. Im zweiten Teil rekonstruieren sie den Zusammenhang von Moralität, Autonomie und Menschenwürde. Im dritten Teil wenden sie Kants Position auf einen ethischen Konflikt an und entwickeln ein begründetes Urteil. Dadurch werden Reproduktion, Reorganisation und Transfer sowie Reflexion und Urteilsbildung miteinander verbunden.
Eine mögliche übergeordnete Klausurfrage lautet: „Warum besitzt der Mensch nach Kant Würde und welche Bedeutung hat dieses Verständnis für den Umgang mit anderen Menschen?“ Diese Leitfrage ermöglicht es, Texterschließung, philosophische Argumentation, ethischen Transfer und eine begründete eigene Urteilsbildung miteinander zu verbinden.