Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders für die Themen Freiheit und Verantwortung, Menschenbild, Gewissen, Schuld, moralisches Handeln, Willensfreiheit sowie Bedingungen verantwortlicher Entscheidungen. Die grundlegende Fragestellung des Textes besitzt einen hohen Lebensweltbezug: Sind Menschen tatsächlich Urheber ihrer Entscheidungen oder sind ihre Handlungen letztlich Ergebnisse von Erziehung, Erfahrungen, biologischen Voraussetzungen, Gefühlen, Bedürfnissen und gesellschaftlichen Einflüssen? Diese Frage kann sowohl philosophisch als auch religionspädagogisch bearbeitet werden und eröffnet Zugänge zu christlichen Vorstellungen von Freiheit, Verantwortung, Schuld und Gewissen.
Als Einstieg eignet sich die Frage „Kann ein Mensch jederzeit anders handeln, als er tatsächlich handelt?“ Die Lernenden können zunächst konkrete Beispiele aus ihrem Alltag untersuchen. Eine Person möchte für eine Prüfung lernen, entscheidet sich aber für eine andere Beschäftigung. Eine andere Person gerät unter Gruppendruck und beteiligt sich an der Ausgrenzung eines Mitmenschen. An solchen Situationen können die Lernenden sammeln, welche Ursachen eine Entscheidung beeinflussen. Bedürfnisse, Gefühle, Gewohnheiten, soziale Erwartungen und vernünftige Überlegungen können einander gegenübergestellt werden. Dadurch wird Kants Problemstellung vorbereitet, ohne bereits seine anspruchsvolle Begrifflichkeit vorauszusetzen.
Bei der anschließenden Textarbeit sollte zunächst Kants Begriff der Naturkausalität geklärt werden. Die Lernenden können eine einfache Kette von Ursachen und Wirkungen erstellen. Ein Ereignis besitzt eine Ursache, diese Ursache ist wiederum durch eine vorhergehende Ursache bedingt und auch diese lässt sich auf weitere Ursachen zurückführen. Anhand eines alltäglichen Beispiels kann verdeutlicht werden, dass Naturkausalität eine gesetzmäßige Verbindung zwischen verschiedenen Ereignissen bezeichnet.
Anschließend sollte Kants Begriff der Freiheit erarbeitet werden. Freiheit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht lediglich, zwischen verschiedenen Angeboten wählen zu können. Kant versteht transzendentale Freiheit grundlegender als die Möglichkeit, eine neue Reihe von Ereignissen von selbst anzufangen. Genau darin liegt das philosophische Problem. Innerhalb der Erfahrungswelt sucht der Mensch für jedes Ereignis nach einer Ursache. Freiheit soll dagegen gerade die Möglichkeit eines Anfangs bezeichnen, der nicht wiederum vollständig durch eine vorhergehende empirische Ursache bestimmt wird.
Die Unterscheidung zwischen transzendentaler und praktischer Freiheit sollte besonders sorgfältig behandelt werden. Transzendentale Freiheit bezeichnet die grundsätzliche Möglichkeit einer von selbst beginnenden Kausalität. Praktische Freiheit betrifft dagegen unmittelbar das menschliche Handeln. Sie besteht darin, dass der Mensch seinen sinnlichen Antrieben nicht notwendig folgen muss. Menschen können Wünsche und Bedürfnisse wahrnehmen, ohne ihnen zwangsläufig entsprechend zu handeln. Sie können über Gründe nachdenken, Regeln berücksichtigen und sich bewusst gegen einen unmittelbaren Antrieb entscheiden.
Kants Unterscheidung zwischen tierischer und menschlicher Willkür kann als weiterer Zugang genutzt werden. Dabei sollte darauf geachtet werden, die historische Begrifflichkeit sachlich einzuordnen. Entscheidend ist Kants Gedanke, dass menschliches Verhalten nicht vollständig mit der unmittelbaren Reaktion auf sinnliche Antriebe erklärt werden kann. Die Lernenden können Situationen sammeln, in denen Menschen bewusst auf die Erfüllung eines Wunsches verzichten, weil sie andere Gründe für wichtiger halten. Beispiele sind das Teilen trotz eigenen Interesses, das Einhalten eines Versprechens trotz persönlicher Nachteile oder das Eingreifen gegen Ungerechtigkeit trotz Angst vor negativen Folgen.
Eine übersichtliche Gegenüberstellung kann die Texterschließung unterstützen. Der Naturkausalität werden Begriffe wie Ursache, Wirkung, Gesetzmäßigkeit und notwendige Abfolge zugeordnet. Der Freiheit werden Begriffe wie Spontaneität, Selbstbestimmung, Vernunft und Möglichkeit eines neuen Anfangs zugeordnet. Anschließend können die Lernenden untersuchen, weshalb zwischen beiden Bereichen ein Spannungsverhältnis entsteht.
Für die Vertiefung eignet sich die Frage nach moralischer Verantwortung. Die Lernenden können überlegen, was aus der Annahme folgen würde, dass sämtliche menschlichen Entscheidungen vollständig durch vorhergehende Ursachen bestimmt sind. Aussagen wie „Du hättest anders handeln sollen“ oder „Du bist für deine Entscheidung verantwortlich“ setzen zumindest voraus, dass einer Person eine Form von Handlungsmöglichkeit zugeschrieben wird. Dadurch lässt sich Kants Aussage erschließen, dass die Aufhebung transzendentaler Freiheit auch die praktische Freiheit gefährden würde.
Für den Religionsunterricht bietet sich anschließend ein Transfer auf das christliche Menschenbild an. Die Vorstellung des Menschen als verantwortliches Wesen kann mit Kants Freiheitsbegriff verglichen werden. Dabei können Begriffe wie Gewissen, Schuld, Sünde, Verantwortung und Vergebung einbezogen werden. Die Lernenden können untersuchen, weshalb sowohl philosophische Ethik als auch religiöse Ethik in unterschiedlicher Weise voraussetzen, dass Menschen zu ihren Handlungen Stellung nehmen und Verantwortung übernehmen können.
Methodisch eignet sich eine Kombination aus Einzelarbeit, Partnerarbeit, Fallanalyse und Unterrichtsgespräch. Die anspruchsvolle Originalsprache sollte durch ein Glossar mit Begriffen wie Kausalität, transzendental, Spontaneität, Willkür und Sinnlichkeit unterstützt werden. Die Lernenden können einzelne Abschnitte zunächst in heutige Sprache übertragen und anschließend Kants Argumentation rekonstruieren. Für leistungsstärkere Lernende eignet sich die Frage, ob Kant die Existenz menschlicher Freiheit beweist oder ob er vielmehr zeigt, weshalb Freiheit für moralisches Denken vorausgesetzt werden muss. Als Abschluss kann eine begründete Stellungnahme zur Frage formuliert werden, ob der Mensch trotz vielfältiger biologischer, psychologischer und sozialer Einflüsse als frei bezeichnet werden kann. Das Medium fördert damit philosophische Textkompetenz, ethische Argumentationsfähigkeit, Perspektivenwechsel, Deutungskompetenz und religiöse Urteilskompetenz.
Prüfungsfragen für eine Klausur der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Beschreiben
Beschreiben Sie die beiden Formen der Kausalität, die Kant im Text unterscheidet.
Musterantwort:
Kant unterscheidet zwischen Kausalität nach der Natur und Kausalität aus Freiheit. Naturkausalität bedeutet, dass ein Ereignis durch einen vorhergehenden Zustand verursacht wird. Dieser vorhergehende Zustand besitzt wiederum eine Ursache. Dadurch entsteht eine zeitliche Reihe von Ursachen und Wirkungen.
Kausalität aus Freiheit bedeutet dagegen, dass eine Reihe von Ereignissen von selbst begonnen werden kann. Eine freie Ursache wäre somit nicht vollständig durch eine vorhergehende empirische Ursache bestimmt. Kant bezeichnet diese Möglichkeit als transzendentale Freiheit.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I, Operator: Wiedergeben
Geben Sie Kants Begriff der praktischen Freiheit in eigenen Worten wieder.
Musterantwort:
Praktische Freiheit bedeutet für Kant, dass der Mensch nicht notwendig seinen sinnlichen Antrieben folgen muss. Menschen besitzen zwar Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle, können sich diesen gegenüber aber verhalten. Sie können aufgrund vernünftiger Überlegungen entscheiden, einem bestimmten Antrieb nicht zu folgen. Praktische Freiheit bezeichnet deshalb die Fähigkeit des Menschen, sich unabhängig von einer zwingenden Bestimmung durch sinnliche Antriebe selbst zu bestimmen.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern
Erläutern Sie anhand eines eigenen Beispiels den Unterschied zwischen Naturkausalität und praktischer Freiheit.
Musterantwort:
Ein Mensch kann beispielsweise großen Hunger haben und vor sich Lebensmittel sehen. Der Hunger kann als sinnlicher Antrieb verstanden werden. Würde der Mensch diesem Antrieb notwendig folgen, müsste er die Lebensmittel unmittelbar nehmen und essen.
Ein Mensch kann jedoch erkennen, dass die Lebensmittel einer anderen Person gehören. Er kann deshalb trotz seines Hungers entscheiden, sie nicht zu nehmen. An diesem Beispiel lässt sich Kants Vorstellung praktischer Freiheit verdeutlichen. Der sinnliche Antrieb beeinflusst den Menschen, bestimmt seine Handlung aber nicht notwendig. Der Mensch kann sein Verhalten an vernünftigen Gründen ausrichten.
Naturkausalität bezeichnet dagegen eine notwendige Verbindung von Ursache und Wirkung. Ein natürliches Ereignis folgt unter bestimmten Bedingungen nach entsprechenden Gesetzmäßigkeiten auf ein anderes Ereignis.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysieren Sie, weshalb Kant einen Gegensatz zwischen vollständiger Naturkausalität und menschlicher Freiheit erkennt.
Musterantwort:
Naturkausalität bedeutet für Kant, dass jedes Ereignis durch eine vorhergehende Ursache bestimmt ist. Würde dieses Prinzip ohne Einschränkung auch für jede menschliche Handlung gelten, wäre jede Entscheidung das notwendige Ergebnis vorhergehender Ursachen. Wünsche, Gedanken und Entscheidungen wären dann ebenfalls Glieder einer lückenlosen Kette von Ursachen und Wirkungen.
Freiheit setzt dagegen voraus, dass der Mensch eine Handlung beginnen kann, ohne dass diese vollständig durch vorhergehende empirische Ursachen festgelegt ist. Deshalb entsteht ein Spannungsverhältnis. Wenn jede menschliche Handlung ausschließlich als notwendige Wirkung vorhergehender Ursachen verstanden wird, scheint für eine eigenständige freie Entscheidung kein Raum zu bleiben.
Kant benötigt deshalb die Idee transzendentaler Freiheit. Sie ermöglicht es ihm, eine Form von Kausalität zu denken, die nicht vollständig durch vorhergehende Naturursachen bestimmt wird.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Vergleichen
Vergleichen Sie transzendentale Freiheit und praktische Freiheit bei Kant.
Musterantwort:
Transzendentale Freiheit bezeichnet grundsätzlich das Vermögen, eine neue Reihe von Ereignissen von selbst anzufangen. Eine solche freie Ursache wäre nicht wiederum vollständig durch eine vorhergehende empirische Ursache bestimmt. Sie ist für Kant keine unmittelbar beobachtbare Tatsache innerhalb der Erfahrungswelt.
Praktische Freiheit bezieht sich dagegen konkret auf menschliches Handeln. Sie bedeutet, dass Menschen nicht notwendig durch ihre sinnlichen Antriebe bestimmt werden. Sie können sich aufgrund vernünftiger Überlegungen selbst bestimmen.
Beide Begriffe hängen bei Kant eng zusammen. Die transzendentale Freiheit bildet die grundlegende Voraussetzung für die praktische Freiheit. Wenn alle menschlichen Handlungen vollständig durch Naturursachen bestimmt wären, könnte nach Kant auch keine wirkliche praktische Freiheit bestehen.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II, Operator: Herausarbeiten
Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche Bedeutung die Vernunft für Kants Freiheitsverständnis besitzt.
Musterantwort:
Die Vernunft ermöglicht es dem Menschen nach Kant, sich gegenüber seinen sinnlichen Antrieben zu verhalten. Der Mensch besitzt Bedürfnisse und Wünsche, wird durch diese aber nicht notwendig zu einer bestimmten Handlung gezwungen.
Dadurch unterscheidet Kant die menschliche Willkür von einer vollständig durch sinnliche Antriebe bestimmten Willkür. Der Mensch kann Gründe prüfen und sich selbst zu einer Handlung bestimmen. Die Vernunft eröffnet somit einen Abstand zu unmittelbaren Bedürfnissen.
Für Kants Freiheitsverständnis ist dies entscheidend. Freiheit bedeutet nicht, überhaupt keine Wünsche oder äußeren Einflüsse zu besitzen. Freiheit zeigt sich vielmehr darin, dass diese Einflüsse die menschliche Entscheidung nicht notwendig festlegen müssen.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteilen Sie mithilfe von Kants Freiheitsverständnis die Aussage: „Wer seinen eigenen Wünschen folgt, handelt frei.“
Musterantwort:
Nach Kants Freiheitsverständnis reicht das Befolgen eigener Wünsche nicht aus, um eine Handlung als frei zu bezeichnen. Ein Wunsch kann zwar aus der Person selbst stammen, dennoch kann er ein sinnlicher Antrieb sein, der das Verhalten stark beeinflusst.
Wenn ein Mensch jedem auftretenden Wunsch unmittelbar folgen müsste, wäre dies gerade keine Freiheit im kantischen Sinn. Entscheidend ist vielmehr, ob die Person sich zu ihren eigenen Wünschen verhalten und auch gegen sie entscheiden kann.
Ein Mensch kann beispielsweise den Wunsch besitzen, in einer Prüfung unerlaubte Hilfsmittel zu verwenden, weil er eine gute Note erreichen möchte. Wenn er diesen Wunsch prüft und sich aufgrund moralischer Überlegungen dagegen entscheidet, zeigt sich eine Form praktischer Freiheit. Nach Kant besteht Freiheit deshalb nicht einfach darin, tun zu können, was man möchte, sondern darin, nicht notwendig durch sinnliche Antriebe bestimmt zu werden.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern
Erörtern Sie die Frage, ob moralische Verantwortung ohne Freiheit möglich ist. Beziehen Sie Kants Position und ein eigenes Beispiel in Ihre Überlegungen ein.
Musterantwort:
Für die Auffassung, dass moralische Verantwortung Freiheit voraussetzt, spricht zunächst die Bedeutung moralischer Forderungen. Wenn einem Menschen gesagt wird, er hätte anders handeln sollen, wird damit vorausgesetzt, dass eine andere Handlung zumindest grundsätzlich möglich gewesen wäre. Wäre sein Verhalten vollständig und unausweichlich durch vorhergehende Ursachen festgelegt, wäre fraglich, weshalb ihm die Handlung moralisch zugerechnet werden sollte.
Diese Überlegung entspricht Kants Position. Wenn alle menschlichen Handlungen ausschließlich durch Naturkausalität bestimmt wären, würde nach Kant auch die praktische Freiheit aufgehoben. Moralische Verantwortung setzt deshalb voraus, dass der Mensch nicht notwendig seinen sinnlichen Antrieben folgen muss.
Dies lässt sich beispielsweise am Umgang mit Gruppendruck verdeutlichen. Eine Person wird von anderen aufgefordert, einen Mitmenschen zu beleidigen. Der Gruppendruck beeinflusst ihre Entscheidung erheblich. Trotzdem kann die Person überlegen, ob die Handlung richtig ist, und sich gegen die Gruppe entscheiden. Dass ein Einfluss vorhanden ist, bedeutet somit noch nicht, dass keine Freiheit besteht.
Andererseits können Bedingungen auftreten, welche die Entscheidungsmöglichkeiten eines Menschen erheblich einschränken. Deshalb muss bei konkreten Fällen berücksichtigt werden, unter welchen Voraussetzungen eine Handlung erfolgt ist.
Kants Position verdeutlicht den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Freiheit und Verantwortung. Moralische Verantwortung wird sinnvoll, wenn Menschen als Wesen verstanden werden, die sich zu ihren Antrieben und Einflüssen verhalten und Entscheidungen aufgrund von Gründen treffen können. Gerade deshalb besitzt die Frage nach der menschlichen Freiheit eine zentrale Bedeutung für Ethik und religiöse Vorstellungen von Schuld, Gewissen und Verantwortung.