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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Kant. Meinen - Glauben - Wissen

Veröffentlichung:1.1.1835

Das Medium enthält einen philosophischen Quellentext von Immanuel Kant zum Verhältnis von Meinen, Glauben und Wissen. Kant unterscheidet drei Formen des Fürwahrhaltens anhand ihrer subjektiven und objektiven Geltung. Meinen bezeichnet ein Fürwahrhalten, das sowohl subjektiv als auch objektiv unzureichend ist. Glauben ist für die urteilende Person subjektiv zureichend, wird jedoch als objektiv unzureichend erkannt. Wissen dagegen ist sowohl subjektiv als auch objektiv zureichend. Kant verbindet die subjektive Zulänglichkeit mit Überzeugung und die objektive Zulänglichkeit mit Gewissheit. Im weiteren Verlauf verdeutlicht er, dass bloßes Meinen dort problematisch wird, wo allgemeine und notwendige Gewissheit verlangt wird, etwa in Mathematik oder Moral. Glauben erhält bei Kant insbesondere eine praktische Bedeutung. Am Beispiel eines Arztes erläutert er den pragmatischen Glauben als Grundlage für Handlungen unter Bedingungen begrenzten Wissens. Mit dem Beispiel einer Wette zeigt Kant außerdem, wie sich die Stärke einer subjektiven Überzeugung überprüfen lässt. Der Text ermöglicht damit eine differenzierte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen menschlicher Gewissheit und eröffnet zugleich die Frage, welchen erkenntnistheoretischen Status religiöser Glaube besitzen kann.

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Der Text eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 insbesondere im Zusammenhang mit den Themen Glaube und Vernunft, Religion und Wissenschaft, Gottesfrage sowie Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis. Eine besondere didaktische Stärke des Mediums besteht darin, dass die im Alltag häufig wenig trennscharf verwendeten Begriffe Meinen, Glauben und Wissen von Kant präzise unterschieden werden. Lernende können dadurch ihre eigene Verwendung dieser Begriffe überprüfen und erkennen, dass Glauben bei Kant nicht einfach mit unsicherem Wissen oder einer beliebigen Meinung gleichgesetzt werden kann. Für den Religionsunterricht ist besonders die Frage ergiebig, ob und in welchem Sinn religiöse Überzeugungen als Wissen, Meinung oder Glaube verstanden werden können.

Da die historische Sprache und die komplexe Argumentation für Lernende der Jahrgangsstufe 10 anspruchsvoll sein können, empfiehlt sich eine schrittweise Erschließung. Zu Beginn können die Begriffe Meinen, Glauben und Wissen ohne Kenntnis des Textes gesammelt und anhand einfacher Aussagen unterschieden werden. Geeignet sind beispielsweise Aussagen wie „Morgen wird es regnen“, „Es gibt ein Leben nach dem Tod“, „Wasser besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff“ oder „Jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche Würde“. Die Lernenden ordnen die Aussagen zunächst intuitiv den drei Kategorien zu und begründen ihre Entscheidungen. Unterschiedliche Zuordnungen sollten ausdrücklich zugelassen werden, da gerade die Begründungen einen Zugang zur erkenntnistheoretischen Fragestellung eröffnen.

Bei der anschließenden Textarbeit empfiehlt sich eine Gliederung in Sinnabschnitte. Die Lernenden markieren Kants Definitionen von Meinen, Glauben und Wissen und übertragen sie in eigene Worte. Anschließend können die drei Begriffe in einem Schema nach subjektiver und objektiver Zulänglichkeit geordnet werden. Meinen erhält dabei weder subjektive noch objektive Zulänglichkeit, Glauben subjektive, aber keine objektive Zulänglichkeit und Wissen sowohl subjektive als auch objektive Zulänglichkeit. Dieses Schema reduziert die sprachliche Komplexität des Ausgangstextes und macht die zentrale Argumentationsstruktur sichtbar.

In einem weiteren Arbeitsschritt sollte Kants Unterscheidung anhand konkreter Beispiele überprüft werden. Besonders geeignet ist das Beispiel des Arztes. Die Lernenden können herausarbeiten, weshalb der Arzt handeln muss, obwohl ihm sicheres Wissen fehlt, und weshalb Kant hier von pragmatischem Glauben spricht. Dadurch wird deutlich, dass Glauben im Text eine praktische Funktion besitzt und nicht ausschließlich im religiösen Sinn verwendet wird. Das Beispiel der Wette kann anschließend genutzt werden, um zwischen einer bloßen Behauptung und einer tatsächlich vorhandenen subjektiven Überzeugung zu unterscheiden. Dabei sollte die Wette als Gedankenexperiment behandelt werden. Entscheidend ist nicht das tatsächliche Wetten, sondern Kants Überlegung, dass die Bereitschaft, etwas Wertvolles auf eine Behauptung zu setzen, etwas über die Stärke der eigenen Überzeugung sichtbar machen kann.

Für eine religionspädagogische Vertiefung bietet sich der Transfer auf religiöse Aussagen an. Die Lernenden können beispielsweise untersuchen, welchen Status Aussagen wie „Gott existiert“, „Gott liebt den Menschen“ oder „Nach dem Tod gibt es ein Leben bei Gott“ innerhalb von Kants Unterscheidung erhalten könnten. Wichtig ist dabei eine offene Gesprächsführung. Persönliche religiöse Überzeugungen sollen weder eingefordert noch bewertet werden. Gegenstand der Analyse sind vielmehr unterschiedliche Begründungsformen religiöser Aussagen und die Frage nach ihrem Anspruch auf Wahrheit und Gewissheit.

Methodisch eignet sich eine Kombination aus Einzelarbeit, Austausch in Kleingruppen und Unterrichtsgespräch. Eine Begriffsübersicht kann als Ergebnissicherung dienen. Zur Differenzierung können einzelne Textpassagen sprachlich erschlossen und schwierige Begriffe wie subjektiv, objektiv, Fürwahrhalten, Überzeugung, Gewissheit und pragmatischer Glaube vorentlastet werden. Leistungsstärkere Lernende können zusätzlich untersuchen, weshalb Kant in Fragen der Mathematik und Sittlichkeit bloßes Meinen zurückweist. Als abschließende Transferaufgabe eignet sich eine begründete Stellungnahme zu der Frage, ob religiöser Glaube Wissen sein muss, um für einen Menschen vernünftig oder handlungsleitend sein zu können. Auf diese Weise verbindet das Medium Textkompetenz, philosophische Begriffsbildung, Argumentationsfähigkeit und religiöse Urteilskompetenz.


Prüfungsfragen für eine Klausur in Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Beschreiben

Beschreiben Sie Kants Unterscheidung zwischen Meinen, Glauben und Wissen.

Musterantwort:

Kant unterscheidet Meinen, Glauben und Wissen danach, ob ein Fürwahrhalten subjektiv und objektiv zureichend ist. Beim Meinen ist das Fürwahrhalten sowohl subjektiv als auch objektiv unzureichend. Die Person hält eine Aussage für möglich oder wahrscheinlich, besitzt aber selbst keine ausreichende Gewissheit und kann sie auch nicht allgemein begründen. Beim Glauben ist das Fürwahrhalten subjektiv zureichend. Die Person ist also selbst überzeugt, erkennt aber gleichzeitig an, dass die Aussage objektiv nicht hinreichend gesichert ist. Wissen liegt dagegen vor, wenn das Fürwahrhalten sowohl subjektiv als auch objektiv zureichend ist. Die Person ist selbst überzeugt und kann zugleich einen Anspruch auf allgemein nachvollziehbare Gewissheit erheben.


Aufgabe 2, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern

Erläutern Sie Kants Begriff des pragmatischen Glaubens anhand des im Text genannten Beispiels des Arztes.

Musterantwort:

Kant bezeichnet eine Überzeugung als pragmatischen Glauben, wenn ein Mensch handeln muss, obwohl ihm kein vollständig gesichertes Wissen zur Verfügung steht. Der Arzt erkennt bestimmte Symptome eines Kranken, kennt dessen Krankheit aber nicht mit Gewissheit. Trotzdem muss er eine Entscheidung über die Behandlung treffen. Aufgrund seiner Beobachtungen nimmt er an, dass eine bestimmte Krankheit vorliegt. Diese Annahme ist für sein Handeln ausreichend, besitzt aber keine objektive Gewissheit. Ein anderer Arzt könnte aufgrund besserer Kenntnisse zu einer anderen Diagnose gelangen. Der Arzt handelt somit aufgrund einer begründeten, aber nicht sicheren Überzeugung. Darin zeigt sich für Kant der pragmatische Charakter dieses Glaubens.


Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren

Analysieren Sie die Funktion des Beispiels der Wette für Kants Argumentation.

Musterantwort:

Das Beispiel der Wette dient Kant dazu, die Stärke einer subjektiven Überzeugung sichtbar zu machen. Menschen können eine Aussage zunächst mit großer Sicherheit vertreten. Sobald sie jedoch etwas Wertvolles auf die Wahrheit dieser Aussage setzen sollen, können Zweifel auftreten. Je größer der mögliche Verlust ist, desto genauer prüft die Person, wie sicher sie tatsächlich von ihrer Behauptung überzeugt ist. Die Wette funktioniert damit als gedanklicher Prüfstein für die subjektive Gewissheit. Kant zeigt auf diese Weise, dass die sprachlich geäußerte Sicherheit einer Person nicht unbedingt der tatsächlichen Stärke ihrer Überzeugung entspricht.


Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Vergleichen

Vergleichen Sie Kants Verständnis von Glauben mit einem alltäglichen Verständnis des Wortes Glauben.

Musterantwort:

Im Alltag wird das Wort Glauben häufig im Sinn von Vermuten verwendet. Die Aussage „Ich glaube, dass es morgen regnet“ kann bedeuten, dass jemand etwas für wahrscheinlich hält, sich aber nicht sicher ist. Nach Kants Begrifflichkeit könnte eine solche Aussage eher dem Meinen entsprechen, wenn weder eine feste subjektive Überzeugung noch objektive Gewissheit vorliegt. Glauben besitzt bei Kant dagegen eine stärkere subjektive Geltung. Wer glaubt, ist persönlich überzeugt, weiß aber zugleich, dass diese Überzeugung keine für alle Menschen zwingende objektive Gewissheit besitzt. Kants Begriff des Glaubens unterscheidet sich daher von der alltäglichen Gleichsetzung von Glauben und bloßem Vermuten.


Aufgabe 5, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen

Beurteilen Sie auf der Grundlage des Textes die Aussage: „Was man nicht wissen kann, ist lediglich eine Meinung.“

Musterantwort:

Die Aussage ist mit Kants Unterscheidung nicht vollständig vereinbar. Kant kennt zwischen Meinung und Wissen eine weitere Form des Fürwahrhaltens, nämlich den Glauben. Beim Meinen ist eine Annahme sowohl subjektiv als auch objektiv unzureichend. Beim Glauben kann eine Person dagegen subjektiv fest überzeugt sein, obwohl sie weiß, dass ihre Überzeugung objektiv nicht ausreichend begründet werden kann. Deshalb folgt aus fehlendem Wissen nicht automatisch, dass nur eine Meinung vorliegt. Kants Unterscheidung macht vielmehr deutlich, dass Überzeugungen unterschiedliche Grade und Formen der Begründung besitzen können.


Aufgabe 6, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern

Erörtern Sie unter Bezugnahme auf Kant, ob religiöser Glaube vernünftig sein kann, obwohl religiöse Aussagen nicht in derselben Weise gewusst werden können wie mathematische Aussagen.

Musterantwort:

Für die Annahme, dass religiöser Glaube vernünftig sein kann, spricht zunächst Kants grundsätzliche Unterscheidung von Glauben und Wissen. Glauben ist für Kant nicht einfach eine unbegründete Meinung. Eine Person kann subjektiv zureichende Gründe besitzen und von einer Aussage überzeugt sein, ohne objektive Gewissheit beanspruchen zu können. Übertragen auf Religion bedeutet dies, dass religiöse Überzeugungen für einen Menschen begründet und handlungsleitend sein können, auch wenn sie nicht wie mathematische Aussagen bewiesen werden können.

Gegen eine vorschnelle Gleichsetzung von religiösem Glauben mit vernünftiger Erkenntnis spricht jedoch, dass subjektive Überzeugung allein noch keine objektive Wahrheit garantiert. Dass ein Mensch fest an eine religiöse Aussage glaubt, beweist nach Kants Unterscheidung nicht, dass diese Aussage für jeden Menschen als Wissen gelten muss.

Daher lässt sich auf Grundlage des Textes festhalten, dass zwischen vernünftigem Glauben und objektivem Wissen unterschieden werden muss. Religiöser Glaube kann für eine Person eine begründete und handlungsleitende Überzeugung darstellen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch ein Anspruch auf objektive Gewissheit. Gerade diese Unterscheidung ermöglicht es, religiöse Überzeugungen ernst zu nehmen, ohne Glauben und Wissen gleichzusetzen.

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