Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders für die Themen Religionskritik, Atheismus, Glaube und Vernunft, Wissenschaft und Religion, Evolution und Schöpfung, religiöse Erziehung, religiöse Freiheit, Moral, Bibelverständnis, Tod und Jenseitshoffnung. Die Interviewform stellt dabei einen besonderen didaktischen Vorteil dar. Die Lernenden können nicht nur Dawkins’ Aussagen untersuchen, sondern auch nachvollziehen, wie die Fragen des Interviews seine Argumentation herausfordern und zu Präzisierungen oder Zuspitzungen führen.
Als Einstieg bietet sich die Frage „Was darf Religionskritik?“ an. Die Lernenden können zunächst Kriterien für eine sachliche Kritik entwickeln. Dazu gehören nachvollziehbare Argumente, konkrete Belege, faire Darstellung der Gegenposition und die Bereitschaft, zwischen unterschiedlichen Formen von Religion zu unterscheiden. Diese Kriterien können während der späteren Textarbeit immer wieder auf Dawkins’ Aussagen angewendet werden.
Alternativ kann mit Dawkins’ Aussage begonnen werden, er habe Angst vor der Militanz des Glaubens und vor Menschen, die davon überzeugt seien, genau zu wissen, was richtig sei und Argumente deshalb nicht mehr gelten ließen. Die Lernenden können zunächst überlegen, ob dieses Problem ausschließlich Religion betrifft oder auch bei politischen, philosophischen und nicht religiösen Weltanschauungen auftreten kann. Dadurch wird seine Kritik von Beginn an auf ein allgemeineres Problem des Umgangs mit Überzeugungen bezogen.
In der ersten Erarbeitungsphase sollte der umfangreiche Text in verschiedene Kritikbereiche gegliedert werden. Sinnvolle Kategorien sind religiöser Fanatismus, religiöse Erziehung, Wissenschaft und Religion, Entstehung von Religiosität, Religion und Moral sowie sprachliche Gestaltung der Religionskritik. Gruppen können jeweils einen Bereich bearbeiten und anschließend Dawkins’ zentrale These, seine Begründung, seine Beispiele und mögliche Einwände präsentieren.
Ein wichtiger didaktischer Schwerpunkt ist die Unterscheidung zwischen Religion allgemein und extremen Formen religiösen Glaubens. Dawkins verweist auf militante Gruppen und radikale religiöse Aussagen. Gleichzeitig räumt er auf Nachfrage ein, dass nicht jeder glaubende Mensch fanatisch sei. Die Lernenden können deshalb untersuchen, ob seine Beispiele eine Kritik an bestimmten religiösen Erscheinungsformen begründen oder ob daraus Aussagen über Religion insgesamt abgeleitet werden können. Dadurch wird die Fähigkeit gefördert, zwischen Beispiel, Verallgemeinerung und Schlussfolgerung zu unterscheiden.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Dawkins’ Kritik an religiöser Erziehung. Seine Bezeichnung religiöser Prägung als eine Form mentalen Kindesmissbrauchs ist eine sehr starke und wertende Formulierung. Die Lernenden sollten zunächst rekonstruieren, welches Argument hinter dieser Formulierung steht. Dawkins kritisiert insbesondere, dass Kindern eine religiöse Identität zugeschrieben werde, bevor sie selbstständig über Fragen von Religion, Moral und Weltanschauung urteilen könnten.
Die Unterrichtsarbeit sollte anschließend zwischen religiöser Erziehung, religiöser Sozialisation und manipulativer religiöser Beeinflussung unterscheiden. Dazu können unterschiedliche fiktive Situationen untersucht werden. Ein Kind besucht mit seiner Familie einen Gottesdienst. Eltern erzählen ihrem Kind von ihrem Glauben und machen deutlich, dass andere Menschen anders glauben können. Eine religiöse Gemeinschaft bedroht Kinder dagegen mit göttlicher Strafe, falls sie bestimmte Überzeugungen infrage stellen. Die Lernenden können diskutieren, ob diese Situationen moralisch gleich zu beurteilen sind. Dadurch wird Dawkins’ weitreichende Kritik differenziert geprüft.
Gleichzeitig bietet sich eine Verbindung zum Begriff religiöse Mündigkeit an. Die Lernenden können Kriterien dafür entwickeln, wie religiöse Erziehung gestaltet sein müsste, damit Kinder später selbstständig über ihre religiösen oder nicht religiösen Überzeugungen entscheiden können. Dazu gehören beispielsweise die Begegnung mit unterschiedlichen Weltanschauungen, die Möglichkeit zum Zweifel, die Freiheit zur Ablehnung religiöser Überzeugungen und die Förderung kritischen Denkens.
Ein weiterer zentraler Schwerpunkt ist das Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Dawkins erkennt ausdrücklich an, dass religiöse Wissenschaftler existieren, erklärt jedoch, dass er die Verbindung beider Perspektiven persönlich schwer nachvollziehen könne. Besonders die Evolution betrachtet er als Erklärung, durch die wichtige Gründe für einen Schöpferglauben entfallen. Diese Aussage bietet einen guten Ausgangspunkt für die Unterscheidung zwischen naturwissenschaftlichen Erklärungen und religiösen Deutungen.
Die Lernenden können beispielsweise untersuchen, ob die Evolutionstheorie notwendigerweise die Aussage „Gott existiert nicht“ beinhaltet. Dabei sollte deutlich werden, dass eine naturwissenschaftliche Erklärung der Entwicklung des Lebens zunächst nicht automatisch eine Aussage über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes enthält. Dawkins verbindet naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit einer weitergehenden religionsphilosophischen Bewertung. Genau diese unterschiedlichen Ebenen sollten die Lernenden erkennen.
Das Gespräch über die Feinabstimmung des Universums ermöglicht anschließend die Untersuchung eines konkreten Arguments für die Existenz Gottes. Im Interview wird die Möglichkeit angesprochen, die besonderen Bedingungen des Universums als Hinweis auf einen Designer zu verstehen. Dawkins hält dies nicht für überzeugend, weil sich für ihn anschließend die Frage stellt, woher dieser Designer komme. Die Lernenden können die Argumentationsstruktur beider Seiten grafisch darstellen und prüfen, welche Fragen durch die jeweilige Erklärung beantwortet werden und welche offenbleiben.
Didaktisch besonders wichtig ist Dawkins’ Umgang mit noch ungelösten wissenschaftlichen Fragen. Er argumentiert, dass eine Erklärungslücke in einem wissenschaftlichen Modell nicht automatisch beweise, dass eine religiöse Erklärung richtig sei. Dieser Gedanke lässt sich gut auf allgemeines Argumentieren übertragen. Aus der Tatsache, dass Erklärung A unvollständig ist, folgt nicht automatisch, dass Erklärung B richtig sein muss.
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft Dawkins’ evolutionäre Erklärung von Religiosität. Er vermutet, Religion könne ein Nebenprodukt der menschlichen Neigung sein, als Kind den Aussagen von Autoritätspersonen zu vertrauen. Diese Bereitschaft könne einen evolutionären Vorteil besitzen, weil Kinder durch das Befolgen elterlicher Warnungen Gefahren vermeiden. Zugleich könnten sie dadurch auch unbegründete Vorstellungen übernehmen.
Hier sollte sorgfältig zwischen einer möglichen Erklärung für die Entstehung oder Verbreitung religiöser Vorstellungen und der Frage nach ihrer Wahrheit unterschieden werden. Selbst wenn eine religiöse Vorstellung psychologisch oder evolutionär erklärt werden könnte, wäre damit noch nicht automatisch entschieden, ob ihr Inhalt wahr oder falsch ist. Umgekehrt beweist die weite Verbreitung einer religiösen Vorstellung ebenfalls nicht deren Wahrheit. Diese Unterscheidung ist für die philosophische Argumentationskompetenz besonders wertvoll.
Dawkins’ Aussagen zur Moral eröffnen einen weiteren umfangreichen Unterrichtsbereich. Er bestreitet, dass zentrale moderne Werte einfach aus der Bibel übernommen worden seien, und verweist auf einen gesellschaftlichen moralischen Konsens. Außerdem argumentiert er, Menschen würden biblische Aussagen bereits anhand moderner moralischer Vorstellungen auswählen und bewerten.
Methodisch können ausgewählte ethische Aussagen aus unterschiedlichen biblischen Zusammenhängen verglichen werden. Die Lernenden untersuchen, nach welchen Kriterien heutige Menschen bestimmte Aussagen als moralisch überzeugend oder problematisch beurteilen. Daraus ergibt sich die grundlegende Frage, ob moralische Maßstäbe aus religiösen Texten stammen oder ob Menschen bereits moralische Kriterien benötigen, um religiöse Texte auszulegen.
Auch Dawkins’ Kritik an einer Moral aus Angst vor göttlicher Strafe eignet sich für die Jahrgangsstufe 10. Er hält es für problematisch, wenn Menschen nur deshalb moralisch handeln, weil sie eine Bestrafung durch Gott fürchten. Die Lernenden können unterschiedliche Motive moralischen Handelns vergleichen: Angst vor Strafe, Hoffnung auf Belohnung, Mitgefühl, Vernunft, Gewissen, religiöse Überzeugung und Verantwortung gegenüber anderen Menschen.
Ein weiterer methodischer Schwerpunkt sollte auf der Sprache des Interviews liegen. Dawkins verwendet bewusst scharfe Formulierungen. Die Lernenden können entsprechende Textstellen markieren und anschließend untersuchen, ob die sprachliche Zuspitzung seine Argumentation unterstützt oder möglicherweise erschwert. Besonders interessant ist dabei, dass das Interview Dawkins selbst mit dem Vorwurf konfrontiert, sein Atheismus könne intolerant wirken. Dawkins weist diesen Vorwurf zurück und verteidigt seine Sprache als vergleichsweise zurückhaltend.
Für eine abschließende Unterrichtsphase bietet sich ein Streitgespräch zur Frage „Ist Religion ein Hindernis für kritisches Denken?“ an. Eine Gruppe rekonstruiert Dawkins’ Argumentation. Eine zweite entwickelt mögliche religiöse Gegenpositionen. Eine dritte Gruppe beobachtet, ob beide Seiten zwischen extremen und gemäßigten Formen religiöser Überzeugung unterscheiden, ob Beispiele verallgemeinert werden und ob Behauptungen ausreichend begründet sind.
Eine weitere mögliche Urteilsfrage lautet: „Sind Wissenschaft und religiöser Glaube notwendigerweise Gegensätze?“ Die Lernenden sollten dabei Dawkins’ naturwissenschaftliche Perspektive berücksichtigen, zugleich aber zwischen naturwissenschaftlicher Erklärung und religiöser Deutung unterscheiden. Entscheidend ist nicht, eine bestimmte weltanschauliche Antwort vorzugeben, sondern die Qualität der verwendeten Argumente zu beurteilen.
Das Medium fördert Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Argumentationskompetenz, Dialogkompetenz und Urteilskompetenz. Aufgrund seiner deutlichen Positionierung eignet es sich besonders für die Einübung eines kritischen Umgangs mit Religionskritik. Die Lernenden können erfahren, dass auch eine religionskritische Position selbst Gegenstand rationaler Prüfung sein muss.
4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterlösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Zusammenfassen
Fasse die zentralen Kritikpunkte zusammen, die Dawkins im Interview gegenüber Religion und religiösem Glauben formuliert.
Musterlösung:
Dawkins kritisiert verschiedene Aspekte von Religion. Eine Gefahr sieht er in religiösem Fanatismus und in Überzeugungen, die sich seiner Auffassung nach einer rationalen Diskussion entziehen. Außerdem kritisiert er die religiöse Prägung von Kindern, insbesondere wenn ihnen früh eine bestimmte religiöse Identität zugeschrieben oder mit Vorstellungen von göttlicher Strafe und Hölle Angst gemacht wird.
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft das Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Dawkins betrachtet insbesondere die Evolutionstheorie als eine Erklärung, durch die wichtige Gründe für die Annahme eines Schöpfergottes entfallen.
Darüber hinaus versucht er, die Entstehung und Verbreitung religiöser Vorstellungen evolutionär zu erklären. Schließlich bestreitet er, dass moderne moralische Werte wesentlich aus der Bibel stammen, und kritisiert eine Moral, die sich hauptsächlich auf Angst vor göttlicher Bestrafung stützt.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I bis II, Operator: Erläutern
Erläutere Dawkins’ Kritik an der religiösen Erziehung von Kindern.
Musterlösung:
Dawkins kritisiert, dass Kindern bereits früh eine religiöse Identität zugeschrieben wird, obwohl sie nach seiner Auffassung noch nicht selbstständig über Fragen von Gott, Moral und Weltanschauung entscheiden können. Er vergleicht dies mit politischen Überzeugungen und weist darauf hin, dass normalerweise nicht von einem kleinen Kind als einem konservativen oder marxistischen Kind gesprochen werde.
Besonders problematisch findet er religiöse Erziehung, wenn Kindern mit Vorstellungen von Hölle oder göttlicher Strafe Angst gemacht wird. Er betrachtet dies als eine Form der Bevormundung.
Seine Kritik richtet sich somit gegen religiöse Erziehung, wenn diese Kindern feste Überzeugungen vermittelt, bevor sie selbstständig darüber urteilen können.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Dawkins’ Argumentation zum Verhältnis von Evolution und Gottesglaube.
Musterlösung:
Dawkins erkennt zunächst an, dass es religiöse Wissenschaftler gibt und dass Wissenschaft und persönlicher Glaube deshalb tatsächlich von einzelnen Menschen miteinander verbunden werden können.
Gleichzeitig vertritt er die Auffassung, dass die Evolutionstheorie wesentliche Gründe für die Annahme eines Schöpfergottes beseitigt. Die Entstehung und Entwicklung komplexer Lebewesen kann nach dieser Perspektive durch natürliche Prozesse erklärt werden, sodass ein unmittelbarer göttlicher Designer für diese Erklärung nicht erforderlich ist.
Dawkins geht damit von einer naturwissenschaftlichen Erklärung aus und verbindet diese mit einer religionsphilosophischen Schlussfolgerung. Dabei muss unterschieden werden zwischen der naturwissenschaftlichen Aussage, dass Evolution natürliche Prozesse erklärt, und der weitergehenden philosophischen Frage, ob daraus Aussagen über die Existenz Gottes folgen.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern
Erläutere Dawkins’ Einwand gegen die Vorstellung eines göttlichen Designers des Universums.
Musterlösung:
Im Interview wird die Feinabstimmung bestimmter Bedingungen des Universums als mögliches Argument für einen göttlichen Designer angesprochen. Die Vorstellung lautet, dass die besonderen Bedingungen des Universums auf eine planende Intelligenz zurückgeführt werden könnten.
Dawkins hält diese Erklärung für unbefriedigend. Er argumentiert, dass die Annahme eines Designers eine neue Frage erzeugt. Wenn die Komplexität des Universums durch einen intelligenten Schöpfer erklärt werden soll, müsse wiederum gefragt werden, wie dieser Schöpfer erklärt werden könne.
Dawkins sieht deshalb in der Annahme Gottes keine abschließende Erklärung des Problems.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Dawkins’ evolutionäre Erklärung für die Entstehung und Verbreitung religiöser Vorstellungen.
Musterlösung:
Dawkins vermutet, dass Religion nicht unbedingt selbst einen unmittelbaren evolutionären Vorteil besitzt. Sie könnte vielmehr ein Nebenprodukt anderer menschlicher Eigenschaften sein.
Als Beispiel nennt er die Bereitschaft von Kindern, ihren Eltern und anderen Autoritätspersonen zu vertrauen. Diese Eigenschaft kann einen Überlebensvorteil besitzen. Ein Kind, das eine Warnung vor einer Gefahr ernst nimmt, besitzt möglicherweise bessere Überlebenschancen.
Nach Dawkins kann dieselbe Bereitschaft jedoch dazu führen, dass Kinder auch unbegründete Vorstellungen übernehmen. Religiöse Ideen könnten sich auf diese Weise kulturell weiterverbreiten.
Damit bietet Dawkins eine mögliche Erklärung für die Verbreitung religiöser Vorstellungen. Diese Erklärung beantwortet jedoch für sich genommen noch nicht die Frage, ob eine bestimmte religiöse Aussage wahr oder falsch ist.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern
Erörtere die Aussage: „Wenn die Entstehung religiösen Glaubens naturwissenschaftlich erklärt werden kann, wird Gott dadurch überflüssig.“
Musterlösung:
Für die Aussage könnte sprechen, dass eine naturwissenschaftliche Erklärung zeigt, wie religiöse Vorstellungen ohne die Annahme eines tatsächlichen göttlichen Wesens entstehen und weitergegeben werden könnten. Dawkins betrachtet Religion beispielsweise als mögliches Nebenprodukt menschlicher Eigenschaften.
Dagegen muss zwischen der Entstehung einer Überzeugung und ihrer Wahrheit unterschieden werden. Selbst wenn erklärt werden kann, weshalb Menschen an Gott glauben, folgt daraus nicht automatisch, dass Gott nicht existiert. Auch die Entstehung einer richtigen Überzeugung kann psychologisch oder biologisch erklärt werden.
Eine naturwissenschaftliche Erklärung religiösen Verhaltens kann deshalb bestimmte Fragen nach der Entstehung von Religion beantworten. Die philosophische Frage nach der Existenz Gottes wird dadurch jedoch nicht automatisch entschieden.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern
Erörtere Dawkins’ These, dass moderne moralische Werte nicht wesentlich aus der Bibel stammen.
Musterlösung:
Für Dawkins’ Position spricht, dass moderne Gesellschaften zahlreiche moralische Vorstellungen vertreten, die nicht einfach aus einzelnen biblischen Vorschriften übernommen werden. Er verweist unter anderem auf Gleichberechtigung sowie die Ablehnung von Sklaverei und Folter.
Außerdem enthält die Bibel Texte aus unterschiedlichen historischen Zusammenhängen. Moderne Lesende übernehmen nicht jede darin enthaltene Vorschrift. Dies spricht dafür, dass zusätzliche moralische Kriterien verwendet werden, um biblische Aussagen zu beurteilen.
Gegen eine vollständige Trennung moderner Moral von christlichen Traditionen könnte eingewendet werden, dass biblische und christliche Vorstellungen wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Menschenwürde und Verantwortung die europäische Kultur mitgeprägt haben können.
Dawkins’ Argument fordert deshalb dazu auf, genauer zu untersuchen, wie religiöse Traditionen und andere historische Entwicklungen gemeinsam zur Entstehung moderner moralischer Vorstellungen beigetragen haben.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile Dawkins’ Kritik an moralischem Verhalten aus Angst vor göttlicher Strafe.
Musterlösung:
Dawkins kritisiert die Vorstellung, Menschen seien nur deshalb moralisch, weil sie Angst vor göttlicher Bestrafung haben. Für seine Kritik spricht, dass moralisches Handeln aus Mitgefühl, Verantwortung oder Einsicht möglicherweise einen höheren Grad an Selbstständigkeit besitzt als Verhalten, das ausschließlich aus Angst vor Strafe entsteht.
Allerdings muss religiöse Moral nicht notwendig auf Angst beruhen. Religiöse Menschen können moralisches Handeln beispielsweise mit Nächstenliebe, Dankbarkeit, Verantwortung oder der Würde des Menschen begründen.
Dawkins’ Kritik ist deshalb besonders überzeugend gegenüber einer Moral, die ausschließlich durch Angst vor Strafe motiviert wird. Sie lässt sich jedoch nicht ohne weitere Begründung auf jede Form religiös motivierter Moral übertragen.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator: Prüfen
Prüfe die Aussage: „Dawkins beweist mit seinen naturwissenschaftlichen Argumenten, dass Gott nicht existiert.“
Musterlösung:
Die Aussage geht über das hinaus, was die im Interview dargestellten naturwissenschaftlichen Argumente unmittelbar zeigen. Dawkins argumentiert, dass die Evolutionstheorie wichtige Vorgänge ohne die Annahme eines göttlichen Designers erklären kann. Außerdem bietet er natürliche Erklärungen für die mögliche Entstehung religiöser Vorstellungen an.
Daraus folgt zunächst, dass Gott für bestimmte naturwissenschaftliche Erklärungen nicht vorausgesetzt werden muss. Dies ist jedoch nicht identisch mit einem Beweis der Nichtexistenz Gottes.
Die Frage nach der Existenz Gottes ist eine weitergehende religionsphilosophische Frage. Dawkins verwendet naturwissenschaftliche Erkenntnisse als Argumente für seine atheistische Position, doch die naturwissenschaftlichen Erklärungen allein stellen keinen unmittelbaren Beweis der Nichtexistenz Gottes dar.
Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile die sprachliche Schärfe von Dawkins’ Religionskritik im Hinblick auf eine sachliche Auseinandersetzung mit Religion.
Musterlösung:
Eine zugespitzte Sprache kann Aufmerksamkeit erzeugen und problematische Erscheinungsformen von Religion deutlich benennen. Dawkins möchte nach eigener Aussage das kritische Bewusstsein gegenüber Religion stärken.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass starke Formulierungen unterschiedliche Formen religiösen Glaubens zu wenig differenzieren. Besonders weitreichende Begriffe können dazu führen, dass sich Glaubende pauschal angegriffen fühlen und die eigentliche argumentative Auseinandersetzung erschwert wird.
Für eine sachliche Religionskritik ist deshalb entscheidend, konkrete Behauptungen, Praktiken und Institutionen zu untersuchen und ausreichend zu begründen, weshalb sie problematisch sind. Sprachliche Schärfe kann ein Argument unterstützen, ersetzt aber nicht dessen Begründung.
Aufgabe 11, Anforderungsbereich III, Operator: Stellung nehmen
Nimm begründet zu der Frage Stellung: „Sind Wissenschaft und religiöser Glaube grundsätzlich unvereinbar?“
Musterlösung:
Für eine Unvereinbarkeit könnte sprechen, dass Wissenschaft und bestimmte religiöse Vorstellungen zu unterschiedlichen Erklärungen derselben Vorgänge gelangen können. Wird beispielsweise eine religiöse Schöpfungserzählung als naturwissenschaftliche Beschreibung verstanden, können Konflikte mit der Evolutionstheorie entstehen.
Gegen eine grundsätzliche Unvereinbarkeit spricht, dass Wissenschaft und Religion unterschiedliche Fragen behandeln können. Naturwissenschaft untersucht beispielsweise, durch welche Prozesse sich Leben entwickelt. Religion kann dagegen nach Sinn, Hoffnung, Verantwortung oder einer umfassenden Deutung der Wirklichkeit fragen.
Auch Dawkins räumt im Interview ein, dass es religiöse Wissenschaftler gibt. Daraus folgt zumindest, dass einzelne Menschen beide Perspektiven miteinander verbinden können.
Ob Wissenschaft und Religion miteinander vereinbar sind, hängt deshalb wesentlich davon ab, welche Aussagen Religion über die empirische Wirklichkeit macht und welches Verständnis von religiösen Texten und naturwissenschaftlichen Erklärungen vorausgesetzt wird.
Aufgabe 12, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern
Erörtere die Frage: „Sollten Kinder religiös erzogen werden oder religiöse Überzeugungen erst kennenlernen, wenn sie selbstständig darüber entscheiden können?“
Musterlösung:
Gegen eine frühe religiöse Erziehung spricht Dawkins’ Argument, dass Kinder zunächst noch nicht selbstständig über komplexe Fragen von Religion und Weltanschauung entscheiden können. Werden ihnen religiöse Überzeugungen als unumstößliche Wahrheiten vermittelt oder wird mit Angst gearbeitet, kann ihre spätere Entscheidungsfreiheit eingeschränkt werden.
Für religiöse Erziehung spricht, dass Kinder grundsätzlich innerhalb kultureller und weltanschaulicher Zusammenhänge aufwachsen. Eltern vermitteln immer bestimmte Werte, Traditionen und Vorstellungen vom guten Leben. Religiöse Traditionen können dabei Gemeinschaft, Orientierung, Rituale und Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit grundlegenden Lebensfragen vermitteln.
Entscheidend erscheint daher die Art der religiösen Erziehung. Eine Erziehung, die Fragen, Zweifel, andere Religionen und nicht religiöse Weltanschauungen zulässt, unterscheidet sich deutlich von einer Erziehung, die Kritik verbietet oder Angst erzeugt.
Religiöse Bildung und die Entwicklung weltanschaulicher Selbstständigkeit müssen deshalb nicht grundsätzlich Gegensätze sein. Eine zentrale Aufgabe religiöser Bildung kann gerade darin bestehen, Lernenden die Fähigkeit zu vermitteln, später selbstständig und begründet über religiöse und nicht religiöse Überzeugungen zu urteilen.