Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 zu den Themen Religionskritik, Atheismus, Glaube und Vernunft, Religion und menschliche Bedürfnisse, Tod und Jenseits, religiöse Vielfalt sowie Kritik und Selbstkritik. Eine besondere Herausforderung besteht in Onfrays stark polemischer Sprache. Begriffe wie „Lebenslügen“, „Infantilismus“, „Trickserei“, „naiv“ und „einfältig“ besitzen eine deutlich abwertende Wirkung. Deshalb sollte im Unterricht konsequent zwischen sprachlicher Zuspitzung und philosophischem Argument unterschieden werden.
Als Einstieg bietet sich die Frage „Warum glauben Menschen?“ an. Die Lernenden können mögliche Antworten sammeln, beispielsweise religiöse Erfahrung, Erziehung, Gemeinschaft, Hoffnung, Sinnsuche, Vertrauen, Tradition, Angst, Umgang mit Leid oder Hoffnung angesichts des Todes. Die Antworten sollten zunächst nicht bewertet werden. Anschließend kann Onfrays Position als eine mögliche religionskritische Erklärung eingeführt werden. Die Lernenden erkennen dadurch, dass Onfray eine bestimmte Deutung der Entstehung und Funktion von Religion vertritt, die selbst argumentativ geprüft werden muss.
Eine alternative Einstiegsmöglichkeit bietet die Gegenüberstellung der Begriffe „beruhigender Glaube“ und „beunruhigende Vernunft“. Die Lernenden können zunächst erläutern, welche Vorstellung vom Verhältnis zwischen Religion und Vernunft in dieser Gegenüberstellung enthalten ist. Danach kann gefragt werden, ob Glaube immer beruhigend und Vernunft immer beunruhigend sein muss. Bereits hier wird sichtbar, dass Onfrays Formulierungen bestimmte Voraussetzungen enthalten, die nicht selbstverständlich sind.
In der ersten Erarbeitungsphase sollte die Argumentationsstruktur des Textes herausgearbeitet werden. Die Lernenden markieren zunächst Onfrays zentrale Behauptungen und ordnen ihnen die jeweiligen Begründungen und Beispiele zu. Dabei kann folgende gedankliche Struktur sichtbar werden: Menschen haben Schwierigkeiten, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Religion bietet nach Onfray beruhigende Vorstellungen. Diese Vorstellungen schützen Menschen vor der Auseinandersetzung mit Leid, Endlichkeit und Tod. Religiöser Glaube führt deshalb nach seiner Interpretation zu Selbsttäuschung und Selbstentfremdung.
Entscheidend ist, dass die Lernenden zwischen einer Beschreibung religiöser Menschen und Onfrays Interpretation ihres Verhaltens unterscheiden. Dass Menschen religiös sind, ist zunächst eine Beobachtung. Die Behauptung, sie seien religiös, weil sie unangenehme Wahrheiten verdrängen, ist dagegen eine Erklärung, die begründet werden muss. Diese Unterscheidung fördert die Fähigkeit, psychologische Religionskritik kritisch zu analysieren.
Ein wichtiger methodischer Schritt besteht deshalb darin, nach der Belegbarkeit von Onfrays Aussagen zu fragen. Die Lernenden können untersuchen, ob Onfray im Text konkrete Belege dafür liefert, dass religiöser Glaube grundsätzlich aus Angst, Verdrängung oder Selbsttäuschung entsteht. Dabei kann herausgearbeitet werden, dass seine Beispiele zwar seine Position veranschaulichen, aber nicht automatisch beweisen, dass alle religiösen Menschen aus denselben Motiven glauben.
Besonders ergiebig ist Onfrays Darstellung unterschiedlicher religiöser Praktiken. Er stellt christliche, muslimische und jüdische Regeln und Gebetsformen nebeneinander und behauptet, Menschen könnten fremde religiöse Praktiken leicht als ungewöhnlich erkennen, während sie ihre eigenen Praktiken kaum hinterfragen. Dieser Gedanke eignet sich hervorragend für die Förderung von Perspektivenwechsel und Selbstreflexion.
Methodisch können den Lernenden unterschiedliche religiöse und nicht religiöse Praktiken beschrieben werden, ohne zunächst zu nennen, welcher Tradition sie zuzuordnen sind. Anschließend wird gefragt, welche Praktiken den Lernenden vertraut oder fremd erscheinen und weshalb. Dadurch kann sichtbar werden, dass die Wahrnehmung von Normalität stark durch kulturelle und religiöse Sozialisation beeinflusst werden kann.
Dabei sollte Onfrays Forderung nach Selbstkritik nicht ausschließlich auf religiöse Menschen angewendet werden. Auch atheistische und agnostische Positionen können auf ihre Voraussetzungen hin untersucht werden. Die Lernenden können fragen, ob Onfray selbst den kritischen Maßstab, den er von Religionen fordert, konsequent auf seine eigene atheistische Weltanschauung anwendet. Dadurch wird verhindert, dass Religionskritik lediglich als einseitige Kritik an Glaubenden verstanden wird. Kritische Reflexion wird vielmehr als allgemeine philosophische Aufgabe erkennbar.
Für eine arbeitsteilige Gruppenarbeit kann der Text in vier Themenbereiche gegliedert werden. Eine Gruppe untersucht Onfrays Verständnis von Glaube und Vernunft. Eine zweite beschäftigt sich mit seinem Begriff der Selbstentfremdung. Eine dritte analysiert seine Beispiele aus Christentum, Islam und Judentum. Eine vierte untersucht seine Interpretation religiöser Jenseitshoffnung. Anschließend präsentieren die Gruppen jeweils Onfrays These, seine Begründung und mögliche Einwände.
Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf der Frage liegen, ob Religion tatsächlich eine Flucht vor der Wirklichkeit darstellt. Onfray interpretiert religiöse Vorstellungen als Fiktionen, mit denen Menschen unangenehme Tatsachen vermeiden. Als Gegenposition kann untersucht werden, ob Religion Menschen auch dazu bewegen kann, sich gerade mit Leid, Schuld, Endlichkeit und Tod auseinanderzusetzen. Biblische Klage, religiöse Trauerrituale oder die christliche Erinnerung an Leiden und Tod Jesu können als mögliche Gegenbeispiele betrachtet werden.
Besonders geeignet ist die Verbindung mit dem Thema Tod und Jenseitshoffnung. Onfray interpretiert den Glauben an ein Leben nach dem Tod als Versuch, die eigene Sterblichkeit nicht akzeptieren zu müssen. Die Lernenden können diese These zunächst rekonstruieren und anschließend alternative Deutungen kennenlernen. Eine religiöse Jenseitshoffnung könnte beispielsweise nicht als Verleugnung des Todes, sondern als bewusste Auseinandersetzung mit ihm verstanden werden. Die entscheidende Frage lautet dann, ob Hoffnung angesichts des Todes notwendigerweise Selbsttäuschung bedeutet.
Hier bietet sich ein Vergleich verschiedener Positionen an. Eine atheistische Position kann die Endlichkeit des menschlichen Lebens betonen und daraus die Forderung ableiten, das gegenwärtige Leben bewusst zu gestalten. Eine christliche Position kann die Realität des Todes ebenfalls anerkennen, sie jedoch mit der Hoffnung auf Auferstehung verbinden. Die Lernenden können Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten, ohne eine bestimmte weltanschauliche Position übernehmen zu müssen.
Ein weiterer didaktischer Schwerpunkt liegt auf Onfrays Unterscheidung zwischen Glaubenden und denjenigen, die religiöse Vorstellungen verbreiten. Er betont, Glaubende nicht verachten zu wollen, richtet jedoch scharfe Vorwürfe gegen diejenigen, die seiner Ansicht nach religiöse Selbsttäuschung fördern. Die Lernenden können prüfen, ob diese Unterscheidung überzeugend ist. Dabei kann gefragt werden, ob Onfray Glaubende tatsächlich respektvoll beschreibt oder ob seine späteren Bezeichnungen seiner eigenen Behauptung widersprechen.
Gerade dieser mögliche Widerspruch eignet sich für eine sprachkritische Analyse. Die Lernenden können zunächst alle Bezeichnungen sammeln, mit denen Onfray Glaubende charakterisiert. Anschließend vergleichen sie diese mit seiner Aussage, er verachte Glaubende nicht. Daraus entsteht die Frage, ob Inhalt und sprachliche Gestaltung des Textes miteinander übereinstimmen. Die Lernenden lernen dadurch, nicht nur zu fragen, was ein Autor behauptet, sondern auch, wie seine Wortwahl seine Position vermittelt.
Für eine weiterführende Diskussion kann die Aussage „Eine tröstende Vorstellung ist nicht allein deshalb falsch, weil sie tröstet“ verwendet werden. Damit lässt sich ein möglicher Einwand gegen Onfrays Argumentation formulieren. Selbst wenn religiöser Glaube Menschen Trost bietet, folgt daraus logisch noch nicht, dass seine Inhalte falsch sind. Umgekehrt beweist die tröstende Wirkung einer Vorstellung selbstverständlich auch nicht ihre Wahrheit. Die Lernenden können dadurch zwischen der psychologischen Funktion einer Überzeugung und ihrem Wahrheitsanspruch unterscheiden
Dieser Unterschied ist für die Beurteilung des gesamten Textes von zentraler Bedeutung. Onfray entwickelt vor allem eine psychologische Erklärung religiösen Glaubens. Daraus ergibt sich jedoch die weitere philosophische Frage, ob aus der Erklärung, warum ein Mensch etwas glaubt, bereits geschlossen werden kann, dass das Geglaubte falsch ist. Die Lernenden können erkennen, dass Entstehungsgrund und Wahrheitsfrage zwei unterschiedliche Ebenen darstellen.
Methodisch eignet sich abschließend ein philosophisches Streitgespräch zur Frage „Ist Religion Trost oder Täuschung?“ Eine Gruppe rekonstruiert Onfrays Position, eine zweite entwickelt mögliche religiöse Gegenargumente und eine dritte beobachtet die Qualität der Argumentation. Die beobachtende Gruppe achtet besonders darauf, ob Behauptungen begründet werden, ob Verallgemeinerungen vorkommen und ob zwischen psychologischer Wirkung und Wahrheit unterschieden wird.
Als abschließende Urteilsfrage bietet sich an: „Macht die Fähigkeit zur Selbstkritik eine religiöse oder nicht religiöse Weltanschauung glaubwürdiger?“ Diese Frage greift einen besonders produktiven Gedanken Onfrays auf, ohne seine gesamte Religionskritik vorauszusetzen. Die Lernenden können erkennen, dass kritische Selbstprüfung nicht nur von religiösen Menschen, sondern grundsätzlich von allen weltanschaulichen Positionen verlangt werden kann. Das Medium fördert damit Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Argumentationskompetenz, Dialogkompetenz und Urteilskompetenz.
4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterlösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Zusammenfassen
Fasse Onfrays zentrale Kritik am religiösen Glauben in eigenen Worten zusammen.
Musterlösung:
Onfray interpretiert religiösen Glauben als eine Form der Selbsttäuschung. Nach seiner Auffassung fällt es vielen Menschen schwer, unangenehme Tatsachen wie Leid, Unsicherheit und die eigene Sterblichkeit anzuerkennen. Religion biete ihnen beruhigende Vorstellungen, mit deren Hilfe sie diesen Tatsachen ausweichen könnten.
Onfray kritisiert außerdem, dass Menschen fremde religiöse Praktiken leicht als ungewöhnlich betrachten, während sie ihre eigenen religiösen Vorstellungen kaum hinterfragen. Deshalb fordert er, den kritischen Geist auch auf die eigene Weltanschauung anzuwenden.
Besonders kritisch beurteilt Onfray den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Diesen deutet er als Versuch, die menschliche Sterblichkeit zu verdrängen.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I bis II, Operator: Erläutern
Erläutere, was Onfray mit der Gegenüberstellung von „beruhigendem Glauben“ und „beunruhigender Vernunft“ ausdrücken möchte.
Musterlösung:
Onfray geht davon aus, dass die Wirklichkeit unangenehme und belastende Tatsachen enthält. Dazu gehören Leid, Unsicherheit und Tod. Die Vernunft zwingt den Menschen nach seiner Auffassung dazu, diese Tatsachen anzuerkennen.
Religion bietet nach Onfrays Interpretation dagegen beruhigende Vorstellungen. Der Glaube an Gott, Sinn und Unsterblichkeit könne Menschen Hoffnung und Sicherheit vermitteln.
Onfray bewertet diese beruhigende Wirkung jedoch negativ. Er betrachtet sie als Flucht vor der Wirklichkeit. Seine Gegenüberstellung beruht deshalb auf der Annahme, dass Vernunft zur Anerkennung einer unangenehmen Wirklichkeit führt, während religiöser Glaube diese Wirklichkeit durch tröstende Vorstellungen verdeckt.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Onfrays Argumentation über Religion als Form der Selbsttäuschung.
Musterlösung:
Onfray beginnt mit der Annahme, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, unangenehme Wahrheiten über ihr Leben zu akzeptieren. Daraus entwickelt er die These, Menschen könnten Vorstellungen bevorzugen, die ihnen Trost und Sicherheit geben.
Im nächsten Schritt verbindet er dieses Verhalten mit Religion. Religiöse Vorstellungen deutet er als beruhigende Erklärungen, die Menschen vor einer vollständigen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit schützen.
Anschließend führt Onfray unterschiedliche religiöse Praktiken an. Er möchte damit zeigen, dass Menschen fremde religiöse Vorstellungen kritisch betrachten können, ohne dieselben kritischen Maßstäbe auf ihre eigenen Überzeugungen anzuwenden.
Schließlich überträgt er seine Argumentation auf die menschliche Sterblichkeit. Die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod interpretiert er als Versuch, die Endlichkeit des menschlichen Lebens nicht vollständig akzeptieren zu müssen.
Seine Argumentation verbindet damit eine psychologische Erklärung von Religion mit einer grundsätzlichen Kritik an religiösen Wahrheitsansprüchen.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Herausarbeiten
Arbeite heraus, welche Funktion der Tod in Onfrays Religionskritik besitzt.
Musterlösung:
Der Tod besitzt für Onfray eine zentrale Bedeutung, weil er die Endlichkeit des menschlichen Lebens besonders deutlich macht. Nach seiner Auffassung fällt es Menschen schwer, die eigene Sterblichkeit vollständig anzuerkennen.
Religiöse Vorstellungen von Unsterblichkeit deutet Onfray als Reaktion auf diese Schwierigkeit. Der Mensch wünsche sich, den Tod überwinden zu können, und entwickle deshalb Vorstellungen eines Weiterlebens nach dem Tod.
Für Onfray ist die Jenseitshoffnung daher kein Beleg für eine Wirklichkeit nach dem Tod, sondern Ausdruck eines menschlichen Bedürfnisses nach Trost und Sicherheit. Der Tod wird somit zu einem zentralen Beispiel für seine These, Religion entstehe aus dem Wunsch, unangenehme Tatsachen nicht akzeptieren zu müssen.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Onfrays Vergleich christlicher, muslimischer und jüdischer Religionspraxis. Erläutere, welche Aussage er damit begründen möchte.
Musterlösung:
Onfray stellt verschiedene religiöse Praktiken nebeneinander. Er verweist beispielsweise auf christliche Speisegewohnheiten, muslimische Speisevorschriften und jüdische religiöse Regeln sowie auf unterschiedliche Formen des Gebets.
Dabei interessiert ihn weniger der konkrete Inhalt dieser Praktiken als die Art, wie Menschen sie wahrnehmen. Nach seiner Darstellung betrachten Menschen die Praktiken anderer Religionen häufig kritisch oder mit Verwunderung, während ihnen die eigenen religiösen Gewohnheiten selbstverständlich erscheinen.
Damit möchte Onfray zeigen, dass kritisches Denken häufig leichter auf fremde Überzeugungen angewendet wird als auf die eigene Weltanschauung. Seine Forderung lautet deshalb, denselben kritischen Maßstab auch auf die eigenen Überzeugungen und Praktiken anzuwenden.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern
Erörtere die These: „Religion ist eine Flucht vor unangenehmen Wahrheiten.“
Musterlösung:
Für Onfrays These spricht, dass Religion Menschen Trost angesichts von Leid, Unsicherheit und Tod vermitteln kann. Die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod kann beispielsweise die Angst vor der eigenen Sterblichkeit verringern. Religion kann somit tatsächlich eine psychologische Funktion besitzen.
Aus dieser Funktion folgt jedoch nicht automatisch, dass Religion eine Flucht vor der Wirklichkeit darstellt. Religiöse Traditionen beschäftigen sich häufig ausdrücklich mit Leid, Tod, Schuld und menschlicher Endlichkeit. Trauerrituale oder biblische Klagen können Menschen beispielsweise gerade dazu bringen, sich mit belastenden Erfahrungen auseinanderzusetzen.
Außerdem muss zwischen der Wirkung einer Vorstellung und ihrer Wahrheit unterschieden werden. Eine Vorstellung wird nicht allein dadurch falsch, dass sie Menschen Trost gibt. Ebenso wird sie nicht allein dadurch wahr, dass Menschen sie als hilfreich erleben.
Onfrays These beschreibt somit eine mögliche Funktion von Religion, ist jedoch zu prüfen, wenn sie als allgemeine Erklärung für jeden religiösen Glauben verstanden wird.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile Onfrays Forderung, Menschen sollten ihren kritischen Geist nicht nur auf fremde Religionen, sondern auch auf die eigene Weltanschauung anwenden.
Musterlösung:
Die Forderung besitzt eine hohe Bedeutung für einen reflektierten Umgang mit Religion und Weltanschauung. Menschen übernehmen zahlreiche Vorstellungen durch Familie, Gesellschaft und Kultur. Dadurch können eigene Überzeugungen selbstverständlich erscheinen, während fremde Vorstellungen ungewöhnlich wirken.
Die kritische Prüfung der eigenen Position kann helfen, solche Unterschiede bewusst wahrzunehmen. Dies gilt für religiöse ebenso wie für atheistische und agnostische Weltanschauungen.
Allerdings sollte kritische Prüfung nicht mit pauschaler Ablehnung verwechselt werden. Eine Überzeugung kritisch zu untersuchen bedeutet zunächst, nach ihren Gründen, Voraussetzungen und möglichen Einwänden zu fragen.
Onfrays Forderung nach Selbstkritik kann deshalb als wichtiges Prinzip philosophischer und religiöser Bildung verstanden werden, sofern sie auf alle Weltanschauungen gleichermaßen angewendet wird.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator: Prüfen
Prüfe die Aussage: „Wenn religiöser Glaube Menschen Trost spendet, ist damit bewiesen, dass religiöse Aussagen falsch sind.“
Musterlösung:
Die Aussage ist logisch nicht überzeugend. Aus der psychologischen Wirkung einer Überzeugung kann nicht unmittelbar auf ihren Wahrheitsgehalt geschlossen werden.
Eine Vorstellung kann tröstlich und trotzdem wahr sein. Ebenso kann eine Vorstellung tröstlich und falsch sein. Umgekehrt kann eine unangenehme Vorstellung wahr oder falsch sein. Die emotionale Wirkung entscheidet deshalb nicht über die Wahrheit einer Aussage.
Onfrays Hinweis auf die tröstende Funktion von Religion kann erklären, warum Menschen möglicherweise bestimmte Überzeugungen attraktiv finden. Eine solche Erklärung beantwortet jedoch noch nicht die Frage, ob Gott existiert oder ob eine konkrete religiöse Aussage wahr ist.
Für die Wahrheitsfrage wären deshalb weitere Argumente notwendig.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile, ob Onfrays sprachliche Darstellung religiöser Menschen mit seiner Aussage vereinbar ist, er verachte Glaubende nicht.
Musterlösung:
Onfray erklärt ausdrücklich, dass er Glaubende nicht verachte und sie weder lächerlich noch bemitleidenswert finde. Gleichzeitig verwendet er im weiteren Verlauf stark wertende Begriffe und beschreibt religiösen Glauben unter anderem als Ausdruck von Leichtgläubigkeit und kindlicher Weltdeutung.
Dadurch entsteht eine Spannung zwischen seiner ausdrücklichen Erklärung und seiner sprachlichen Darstellung. Seine Wortwahl kann bei Lesenden den Eindruck hervorrufen, dass religiöse Menschen als intellektuell weniger selbstständig dargestellt werden.
Allerdings unterscheidet Onfray zwischen Glaubenden und denjenigen, die nach seiner Auffassung religiöse Vorstellungen bewusst aufrechterhalten und verbreiten. Gegen Letztere richtet sich seine Kritik besonders stark.
Trotz dieser Unterscheidung bleibt seine Sprache gegenüber Glaubenden teilweise deutlich abwertend. Bei der Beurteilung des Textes sollte deshalb zwischen seiner erklärten Absicht und der tatsächlichen Wirkung seiner Wortwahl unterschieden werden.
Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern
Erörtere die Frage: „Ist die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod Ausdruck einer Verdrängung des Todes oder eine mögliche Form der Auseinandersetzung mit dem Tod?“
Musterlösung:
Onfray interpretiert die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod als Verdrängung. Nach seiner Auffassung können Menschen ihre Sterblichkeit nur schwer akzeptieren und entwickeln deshalb die Hoffnung, nach dem Tod weiterzuleben.
Für diese Interpretation spricht, dass Jenseitsvorstellungen Menschen Trost geben und die Angst vor dem Tod verringern können. Eine Person könnte sich deshalb möglicherweise an eine solche Vorstellung halten, weil sie die endgültige Endlichkeit des Lebens nicht akzeptieren möchte.
Dagegen spricht, dass religiöse Jenseitshoffnung den Tod nicht notwendigerweise leugnet. Christliche Traditionen thematisieren Sterben, Trauer und Tod ausdrücklich. Die Hoffnung auf Auferstehung setzt sogar voraus, dass die Realität des Todes zunächst anerkannt wird.
Deshalb sind unterschiedliche Deutungen möglich. Jenseitshoffnung kann psychologisch der Beruhigung dienen. Sie kann zugleich eine religiöse Form sein, sich mit Tod und Endlichkeit auseinanderzusetzen. Ob sie wahr ist, lässt sich allein aus ihrer psychologischen Funktion weder beweisen noch widerlegen.
Aufgabe 11, Anforderungsbereich III, Operator: Stellung nehmen
Nimm begründet zu der Frage Stellung: „Müssen religiöse und atheistische Weltanschauungen denselben kritischen Maßstäben unterworfen werden?“
Musterlösung:
Für gleiche kritische Maßstäbe spricht, dass sowohl religiöse als auch atheistische Menschen Aussagen über Mensch, Welt und Wirklichkeit vertreten können. Wenn von religiösen Menschen verlangt wird, ihre Überzeugungen zu begründen und mögliche Gegenargumente ernst zu nehmen, sollte dies grundsätzlich auch für atheistische Positionen gelten.
Dies entspricht sogar einem wichtigen Gedanken Onfrays. Er fordert, den kritischen Geist nicht nur auf andere Menschen, sondern auch auf die eigenen Überzeugungen anzuwenden.
Dabei muss berücksichtigt werden, welche Behauptung tatsächlich vertreten wird. Ein Mensch, der lediglich keinen Gottesglauben besitzt, behauptet nicht automatisch, die Nichtexistenz Gottes beweisen zu können. Ein Mensch, der ausdrücklich behauptet, Gott existiere nicht, vertritt dagegen eine Aussage, für die Gründe verlangt werden können.
Ein reflektierter Umgang mit Weltanschauungen sollte deshalb religiöse und nicht religiöse Positionen gleichermaßen nach ihren Argumenten, Voraussetzungen und Konsequenzen fragen.