Der Text eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10, weil er die Lernenden mit einer grundlegenden religionsphilosophischen Kritik an religiöser und metaphysischer Sprache konfrontiert. Inhaltlich kann das Medium in Unterrichtszusammenhänge zu Gottesvorstellungen, Religionskritik, Gottesfrage, Sprache über Gott sowie zum Verhältnis von Glauben und Wissen eingebunden werden. Eine besondere didaktische Stärke besteht darin, dass Carnap nicht unmittelbar danach fragt, ob Gott existiert. Er setzt bereits bei der vorgelagerten Frage an, ob bestimmte Aussagen über Gott überhaupt eine überprüfbare Bedeutung besitzen. Dadurch können die Lernenden zwischen der Wahrheitsfrage und der Bedeutungsfrage unterscheiden. Diese Differenzierung ist für die Beschäftigung mit Religionskritik von besonderer Bedeutung. Die Lernenden sollen erkennen, dass die Aussage „Der Satz ist falsch“ etwas anderes bedeutet als die Aussage „Der Satz besitzt keinen bestimmbaren Erkenntnisgehalt“.
Als Einstieg bietet sich Carnaps Beispiel des Wortes „babig“ an. Die Lehrkraft kann den Begriff zunächst ohne weitere Erläuterung präsentieren und die Lernenden Vermutungen über seine Bedeutung formulieren lassen. Anschließend erhalten einzelne Lernende die Aufgabe, Aussagen wie „Dieser Tisch ist babig“ oder „Dieser Mensch ist nicht babig“ zu beurteilen. Schnell entsteht die Frage, anhand welcher Merkmale diese Aussagen überprüft werden könnten. Auf diese Weise wird Carnaps Argument zunächst als sprachliches Problem erfahrbar, bevor die philosophische Begrifflichkeit eingeführt wird. Die Lernenden können anschließend selbst Kriterien formulieren, die ein Wort ihrer Ansicht nach erfüllen müsste, damit Aussagen mit diesem Wort sinnvoll überprüft werden können.
In einer ersten Erarbeitungsphase sollte der Text abschnittsweise erschlossen werden. Aufgrund seiner sprachlichen und argumentativen Dichte empfiehlt es sich, zentrale Begriffe wie „Scheinsatz“, „empirisch“, „Wahrheitsbedingungen“, „Metaphysik“ und „Syntax“ vorzuentlasten oder während der Textarbeit gemeinsam zu klären. Die Lernenden können Aussagen markieren, in denen Carnap seine zentrale These formuliert, und davon Beispiele sowie Begründungen unterscheiden. Eine strukturierende Aufgabe kann darin bestehen, Carnaps Argumentationsgang in eigenen Worten wiederzugeben: Ein Ausdruck benötigt Kriterien für seine Verwendung. Fehlen solche Kriterien grundsätzlich, lässt sich sein Bedeutungsgehalt nicht bestimmen. Aussagen, die entscheidend auf solchen Ausdrücken beruhen, bezeichnet Carnap deshalb als Scheinsätze. Im nächsten Schritt überträgt er dieses Prinzip auf metaphysische Begriffe.
Besondere Aufmerksamkeit sollte der Passage über den Gottesbegriff gewidmet werden. Dabei ist didaktisch darauf zu achten, Carnaps Position nicht mit der Behauptung gleichzusetzen, er habe im vorliegenden Abschnitt die Nichtexistenz Gottes bewiesen. Die Lernenden sollten vielmehr präzise herausarbeiten, dass Carnap bestimmte metaphysische Verwendungen des Wortes „Gott“ sprachkritisch untersucht. Eine geeignete Arbeitsaufgabe besteht darin, die verschiedenen Verwendungsweisen des Gottesbegriffs im Text gegenüberzustellen und zu untersuchen, weshalb Carnap einige davon für bedeutungsvoll und andere für bedeutungslos hält. Dadurch wird verhindert, dass die Auseinandersetzung vorschnell auf die persönliche Alternative „Glaube oder Unglaube“ reduziert wird.
Methodisch bietet sich anschließend eine kooperative Vertiefung an. Kleingruppen können jeweils einen metaphysischen Begriff wie „das Absolute“, „das Unendliche“ oder „Ding an sich“ untersuchen und versuchen, mögliche Wahrheitsbedingungen für Aussagen mit diesem Begriff anzugeben. Die Ergebnisse werden im Plenum verglichen. Auf diese Weise überprüfen die Lernenden Carnaps Argumentation an weiteren Beispielen, anstatt sie lediglich zu reproduzieren. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Entscheidung darüber, welche Aussagen als sinnvoll gelten können, von Carnaps zugrunde gelegtem Verständnis von Sprache, Erkenntnis und empirischer Überprüfbarkeit abhängt.
Für eine weiterführende Urteilsbildung sollte Carnaps Position mit anderen Auffassungen religiöser Sprache konfrontiert werden. Denkbar sind beispielsweise religiöse Aussagen, die symbolisch, metaphorisch oder existenziell verstanden werden. Die Lernenden können untersuchen, ob eine Aussage nur dann sinnvoll sein kann, wenn sie empirisch überprüfbar ist, oder ob Sprache auch andere Formen von Bedeutung besitzen kann. Hier kann beispielsweise die Aussage „Gott ist Liebe“ untersucht werden. Die Lernenden sollen klären, ob sie als naturwissenschaftlich überprüfbare Tatsachenbehauptung, als Glaubensaussage, als Metapher oder als Ausdruck einer bestimmten Weltdeutung verstanden werden kann. Dadurch wird Carnaps Position nicht vorschnell widerlegt oder bestätigt, sondern als philosophische Position mit bestimmten Voraussetzungen analysiert.
Für eine abschließende Sicherung eignet sich eine schriftliche Stellungnahme zur Frage, ob Carnaps Kriterium ausreicht, um über die Sinnhaftigkeit religiöser Aussagen zu entscheiden. Die Lernenden sollten dabei zunächst Carnaps Argument korrekt wiedergeben, anschließend mögliche Einwände entwickeln und schließlich ein begründetes eigenes Urteil formulieren. Damit werden Sachkompetenz, Methodenkompetenz und Urteilskompetenz miteinander verbunden. Zugleich bereitet diese Aufgabenform auf Klausuren vor, da die Lernenden zwischen Wiedergabe, Analyse und eigenständiger Beurteilung unterscheiden müssen.
4. Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Lösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Beschreiben
Beschreibe, was Carnap mit seinem Beispiel des erfundenen Wortes „babig“ verdeutlichen möchte
Musterlösung:
Carnap möchte mit dem erfundenen Begriff „babig“ zeigen, dass die Verwendung eines Wortes allein noch nicht bedeutet, dass dieses Wort einen bestimmbaren Bedeutungsgehalt besitzt. Damit festgestellt werden kann, ob ein Gegenstand babig ist oder nicht, müsste es Kriterien geben, anhand derer dies überprüft werden kann. Wenn solche Kriterien grundsätzlich fehlen, können Aussagen wie „Dieser Gegenstand ist babig“ nach Carnap nicht sinnvoll auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden. Dass eine Person mit dem Wort bestimmte Vorstellungen oder Gefühle verbindet, genügt für Carnap nicht. Das Beispiel bereitet seine Kritik an metaphysischen Begriffen vor.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I bis II, Operator: Erläutern
Erläutere anhand des Textes, was Carnap unter einem „Scheinsatz“ versteht.
Musterlösung:
Als Scheinsätze bezeichnet Carnap sprachliche Äußerungen, die äußerlich wie sinnvolle Aussagen erscheinen, nach seiner Auffassung aber keinen bestimmbaren Erkenntnisgehalt besitzen. Ein solcher Satz kann grammatisch korrekt wirken und dennoch bedeutungslos sein, wenn entscheidende Begriffe des Satzes keine festgelegten Anwendungsbedingungen besitzen. Carnap verlangt, dass angegeben werden kann, unter welchen Bedingungen eine Aussage wahr oder falsch wäre. Fehlen solche Wahrheitsbedingungen grundsätzlich, handelt es sich für ihn nicht um eine echte Aussage über die Wirklichkeit, sondern um einen Scheinsatz.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Carnaps Argumentation zum Begriff „Gott“. Gehe dabei auf die unterschiedlichen Verwendungsweisen des Begriffs ein.
Musterlösung:
Carnap unterscheidet verschiedene Verwendungsweisen des Wortes „Gott“. Im mythologischen Sprachgebrauch könne der Begriff beispielsweise ein Wesen bezeichnen, das an einem bestimmten Ort existiert und bestimmte Eigenschaften besitzt. Solche Vorstellungen könnten grundsätzlich mit wahrnehmbaren Erscheinungen verbunden werden. Ähnliches gilt nach Carnap für Vorstellungen geistiger Wesen, wenn diese sich in Vorgängen der sichtbaren Welt zeigen und dadurch empirisch feststellbar sein sollen. Anders beurteilt Carnap den metaphysischen Gebrauch des Wortes. Hier soll Gott etwas Überempirisches bezeichnen, das sich grundsätzlich der Erfahrung entzieht. Nach Carnap werden damit die bisherigen empirischen Bedeutungsbedingungen aufgegeben, ohne dass neue überprüfbare Wahrheitsbedingungen angegeben werden. Deshalb betrachtet er den metaphysischen Gottesbegriff als bedeutungslos. Definitionen mit Begriffen wie „Urgrund“, „das Absolute“ oder „das Unbedingte“ lösen das Problem seiner Ansicht nach nicht, weil diese Ausdrücke selbst wieder metaphysisch und nicht empirisch bestimmt sind.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Vergleichen
Vergleiche Carnaps Umgang mit dem Begriff „babig“ mit seiner Untersuchung des Begriffs „Gott“.
Musterlösung:
Carnap behandelt beide Begriffe nach demselben sprachkritischen Prinzip. Beim Wort „babig“ fragt er, anhand welcher Kriterien festgestellt werden kann, ob etwas babig ist. Wenn keine Kriterien genannt werden können, besitzt der Ausdruck nach seiner Auffassung keine Bedeutung. Beim metaphysischen Gebrauch des Wortes „Gott“ stellt Carnap dieselbe Frage. Wenn keine empirischen Wahrheitsbedingungen angegeben werden können, hält er auch diesen Begriff in seiner metaphysischen Verwendung für bedeutungslos. Ein Unterschied besteht darin, dass „babig“ ein bewusst erfundenes Beispiel ist, während „Gott“ ein traditionsreicher religiöser und philosophischer Begriff ist. Das erfundene Beispiel dient Carnap somit als Modell, mit dessen Hilfe er seine spätere Kritik am metaphysischen Sprachgebrauch verständlich macht.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern
Erörtere die These: „Nur Aussagen, die empirisch überprüft werden können, können sinnvolle Aussagen über die Wirklichkeit sein.“ Beziehe Carnaps Argumentation ein.
Musterlösung:
Für die These spricht zunächst, dass die Forderung nach empirischer Überprüfbarkeit sprachliche Klarheit ermöglicht. Wer eine Behauptung über die Wirklichkeit aufstellt, sollte erklären können, woran ihre Wahrheit oder Falschheit erkannt werden könnte. Carnaps Beispiel „babig“ verdeutlicht, dass eine Aussage problematisch wird, wenn keinerlei Kriterien für die Verwendung ihrer zentralen Begriffe angegeben werden können. Sein Ansatz schützt damit vor scheinbaren Erklärungen, die zwar bedeutungsvoll klingen, aber keinen überprüfbaren Inhalt besitzen.
Gegen die These kann eingewendet werden, dass menschliche Sprache nicht ausschließlich aus empirisch überprüfbaren Aussagen besteht. Aussagen über Werte, Hoffnung, Liebe, Sinn oder religiösen Glauben können für Menschen Bedeutung besitzen, obwohl sie nicht auf dieselbe Weise wie naturwissenschaftliche Aussagen überprüft werden können. Eine religiöse Aussage wie „Gott ist Liebe“ könnte beispielsweise als Glaubensaussage oder symbolische Deutung verstanden werden und nicht als naturwissenschaftliche Hypothese. Deshalb hängt die Beurteilung von Carnaps Position wesentlich davon ab, ob empirische Überprüfbarkeit tatsächlich als notwendige Voraussetzung jeder sinnvollen Aussage angesehen wird. Carnaps Ansatz besitzt eine große Stärke bei der Prüfung von Tatsachenbehauptungen. Ob sein Bedeutungskriterium sämtliche Formen religiöser, ethischer und existenzieller Sprache angemessen erfasst, bleibt jedoch diskutierbar.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile Carnaps Auffassung, dass mit einem Wort verbundene Vorstellungen und Gefühle nicht ausreichen, um ihm Bedeutung zu verleihen. Entwickle ein begründetes Urteil und beziehe ein Beispiel aus religiöser Sprache ein.
Musterlösung:
Carnaps Auffassung ist zunächst nachvollziehbar, weil persönliche Vorstellungen und Gefühle allein keine eindeutige Verständigung gewährleisten. Wenn jede Person mit einem Ausdruck ausschließlich private Empfindungen verbindet und keine gemeinsamen Kriterien für seine Verwendung existieren, kann nur schwer entschieden werden, was mit einer Aussage tatsächlich behauptet wird. Carnaps Forderung nach klaren Bedeutungsbedingungen fördert deshalb eine präzise Sprache.
Gleichzeitig lässt sich einwenden, dass religiöse Sprache nicht immer den Anspruch erhebt, empirisch überprüfbare Tatsachen in derselben Weise wie naturwissenschaftliche Aussagen zu beschreiben. Die Aussage „Gott trägt mich“ wird beispielsweise normalerweise nicht als Behauptung verstanden, dass Gott einen Menschen körperlich trägt. Sie kann Vertrauen, Hoffnung und eine religiöse Deutung der eigenen Existenz ausdrücken. Ihre Bedeutung entsteht damit auch aus ihrem sprachlichen und religiösen Zusammenhang. Carnaps Kritik ist daher besonders überzeugend, wenn metaphysische Aussagen als überprüfbare Tatsachenbehauptungen auftreten. Für symbolische, metaphorische oder existenzielle religiöse Sprache müsste jedoch zusätzlich geprüft werden, ob sein empirisches Bedeutungskriterium überhaupt der jeweiligen Funktion dieser Sprache gerecht wird.