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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Jean Meslier: Das Testament (1720)

Veröffentlichung:1.1.2014

Der vorliegende Textauszug aus Jean Mesliers „Das Testament“ von 1720 bietet eine radikale Kritik an Religion und insbesondere am Christentum. Meslier vertritt die Auffassung, religiöse Vorstellungen, Gottesdienste, Vorschriften und Rituale seien keine göttlichen Offenbarungen, sondern menschliche Erfindungen. Nach seiner Darstellung wurden sie von politischen und religiösen Autoritäten geschaffen und verbreitet, um Menschen zu beeinflussen und gesellschaftliche Herrschaft zu sichern. Religion erscheint damit bei Meslier nicht lediglich als Irrtum, sondern als Instrument der Kontrolle. Seine Kritik richtet sich ausdrücklich auch gegen das Christentum, dessen zentrale Lehren er als unvernünftig und naturwidrig bezeichnet. Besonders deutlich verwirft Meslier die Vorstellungen von Paradies und Hölle sowie von Belohnung und Bestrafung nach dem Tod. An die Stelle einer religiös begründeten Hoffnung auf ein Jenseits setzt er eine konsequente Orientierung am diesseitigen Leben. Menschen sollen ihre Lebenszeit sinnvoll nutzen, gut leben und die Früchte ihrer Arbeit maßvoll, friedlich und mit Freude genießen. Der Text verbindet damit Religionskritik, Herrschaftskritik und eine diesseitsorientierte Lebensauffassung.



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Der Text eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Zusammenhang mit den Themen Religionskritik, Gottesfrage, Atheismus, Glaube und Vernunft, Religion und Gesellschaft sowie Vorstellungen von Tod und Jenseits. Seine besondere didaktische Qualität besteht darin, dass Meslier mehrere Formen der Religionskritik miteinander verbindet. Er bestreitet den Wahrheitsanspruch religiöser Aussagen, kritisiert die gesellschaftliche Funktion von Religion und lehnt christliche Jenseitsvorstellungen ab. Dadurch können die Lernenden erkennen, dass Religionskritik unterschiedliche Ebenen betreffen kann.

Für den Einstieg bietet sich ein problemorientierter Impuls an. Den Lernenden kann zunächst die These vorgelegt werden, Religion könne sowohl Menschen Orientierung geben als auch zur Ausübung von Macht verwendet werden. Sie positionieren sich zu dieser Aussage und begründen ihre Einschätzungen. Die unterschiedlichen Positionen werden zunächst gesammelt, ohne sie abschließend zu bewerten. Auf diese Weise entsteht ein Problemhorizont, vor dem Mesliers Text anschließend gelesen werden kann.

Aufgrund seiner sprachlichen und argumentativen Dichte sollte der Text abschnittsweise erschlossen werden. Die Lernenden können zentrale Aussagen markieren und unterschiedlichen Kategorien zuordnen. Besonders geeignet sind die Kategorien Ursprung der Religion, Funktion der Religion, Kritik am Christentum, Kritik an Jenseitsvorstellungen und Vorstellung eines guten Lebens. Anschließend formulieren die Lernenden Mesliers Argumentationsgang mit eigenen Worten. Dabei sollte zwischen seinen Behauptungen, seinen Begründungen und seinen Schlussfolgerungen unterschieden werden. Dies verhindert, dass die teilweise polemische Sprache des Textes lediglich reproduziert wird, und fördert die Fähigkeit zur sachlichen Analyse.

Ein weiterer Schwerpunkt kann auf Mesliers Verständnis der gesellschaftlichen Funktion von Religion gelegt werden. Die Lernenden untersuchen seine Behauptung, politische und gesellschaftliche Eliten hätten Religion eingesetzt, um Menschen zu kontrollieren. Hier kann herausgearbeitet werden, dass Meslier Religion nicht nur unter der Frage betrachtet, ob religiöse Aussagen wahr sind, sondern auch danach fragt, welche gesellschaftlichen Interessen mit Religion verbunden sein können. Dies ermöglicht später einen Vergleich mit weiteren religionskritischen Positionen.

Didaktisch besonders ergiebig ist deshalb eine vergleichende Weiterarbeit. Mesliers Ansatz kann beispielsweise mit Ludwig Feuerbachs Projektionstheorie, Karl Marx' gesellschaftlicher Religionskritik oder Sigmund Freuds psychologischer Erklärung von Religion verglichen werden. Die Lernenden können Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich Ausgangspunkt, Religionsverständnis, Begründung der Kritik und Konsequenzen für das menschliche Leben untersuchen. Dabei sollte deutlich werden, dass Mesliers Position zeitlich vor den bekannteren religionskritischen Ansätzen des 19. und 20. Jahrhunderts liegt.

Auch die Jenseitskritik des Textes bietet einen eigenständigen Zugang. Meslier verwirft Paradies und Hölle und leitet daraus eine diesseitige Lebensethik ab. Die Lernenden können untersuchen, ob aus der Ablehnung eines Lebens nach dem Tod notwendigerweise eine bestimmte Vorstellung guten Lebens folgt. Dem können christliche Vorstellungen von Auferstehung, Hoffnung und Verantwortung gegenübergestellt werden. Dabei sollte der Unterricht nicht auf eine Verteidigung oder Widerlegung einer Position hinauslaufen. Ziel ist vielmehr, Voraussetzungen, Argumente und Konsequenzen unterschiedlicher Positionen nachvollziehbar zu machen und begründet beurteilen zu können.

Methodisch eignet sich außerdem eine strukturierte Diskussion. Eine mögliche Leitfrage lautet: „Braucht moralisches Handeln die Vorstellung von Gott oder einem Leben nach dem Tod?“ Die Lernenden entwickeln zunächst aus Mesliers Text mögliche Argumente und ergänzen anschließend Gegenpositionen. In einer Diskussion müssen die jeweiligen Aussagen begründet und aufeinander bezogen werden. Dadurch werden Sachkompetenz, Urteilskompetenz und Dialogfähigkeit miteinander verbunden.

Für leistungsstärkere Lerngruppen bietet sich zusätzlich eine sprachkritische Untersuchung an. Begriffe und Formulierungen wie „Betrug“, „Unwissende“, „Märchen“, „lächerlich“ oder „absurd“ zeigen, dass Meslier nicht ausschließlich argumentativ, sondern bewusst polemisch schreibt. Die Lernenden können untersuchen, welche Wirkung diese Sprache erzielt und inwiefern zwischen der sprachlichen Schärfe einer Religionskritik und der Tragfähigkeit ihrer Argumente unterschieden werden muss.

Für die Sicherung können die Lernenden Mesliers Religionskritik in einem Schaubild mit den Bereichen Ursprung, Funktion, Wahrheitsanspruch, Jenseits und Konsequenz für die Lebensführung darstellen. Abschließend kann eine eigene begründete Stellungnahme erfolgen. Dabei ist darauf zu achten, dass nicht die persönliche Religiosität der Lernenden bewertet wird. Bewertet werden vielmehr die sachgerechte Darstellung einer Position, die Analyse ihrer Argumentation sowie die Fähigkeit, unter Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven ein begründetes Urteil zu entwickeln.


4. Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1: Beschreiben Sie Mesliers Verständnis von Religion anhand des vorliegenden Textauszugs.

Operator: Beschreiben

Musterantwort:

Meslier versteht Religion nicht als göttliche Offenbarung, sondern als menschliche Erfindung. Religiöse Vorschriften, Gottesdienste und Rituale haben seiner Auffassung nach keinen göttlichen Ursprung. Er behauptet vielmehr, dass Menschen sie geschaffen und weitergegeben hätten. Dabei betrachtet er Religion auch als gesellschaftliches Herrschaftsmittel. Politische und religiöse Autoritäten könnten religiöse Vorstellungen nutzen, um Menschen zu beeinflussen und zu kontrollieren. Meslier bezieht diese Kritik ausdrücklich auf das Christentum. Auch die christlichen Vorstellungen von Paradies, Hölle und einem Leben nach dem Tod lehnt er ab.


Aufgabe 2: Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche Argumente Meslier gegen Religion und insbesondere gegen das Christentum anführt.

Operator: Herausarbeiten

Musterantwort:

Meslier führt mehrere miteinander verbundene Argumente an. Erstens bestreitet er den göttlichen Ursprung der Religionen. Religiöse Gesetze, Vorschriften und Rituale seien von Menschen geschaffen worden. Zweitens betrachtet er Religion als Mittel gesellschaftlicher und politischer Kontrolle. Herrschende könnten religiöse Vorstellungen verwenden, um das Verhalten der Bevölkerung zu beeinflussen. Drittens kritisiert er Menschen, die religiöse Aussagen ohne Prüfung übernehmen. Er stellt dem religiösen Glauben Vernunft und einen von ihm so bezeichneten gesunden Menschenverstand gegenüber. Viertens richtet sich seine Kritik ausdrücklich gegen das Christentum. Dessen Lehren hält er für ebenso falsch wie die Lehren anderer Religionen. Schließlich bestreitet Meslier die Existenz eines Lebens nach dem Tod. Paradies und Hölle betrachtet er als erfundene Vorstellungen, die Hoffnung beziehungsweise Angst erzeugen. Daraus folgert er, dass der Mensch sein gegenwärtiges Leben sinnvoll gestalten sollte.


Aufgabe 3: Analysieren Sie den Argumentationsgang und die sprachliche Gestaltung des Textauszugs.

Operator: Analysieren

Musterantwort:

Meslier beginnt mit einer grundlegenden These: Religion sei eine menschliche Erfindung und keine göttliche Wahrheit. Anschließend erklärt er, wie Religion seiner Auffassung nach entstanden sei und aufrechterhalten werde. Zunächst seien religiöse Vorstellungen von bestimmten Menschen erfunden, anschließend von anderen verbreitet und schließlich durch politische Autoritäten gestützt worden. Daraus entwickelt Meslier seine These von Religion als Herrschaftsinstrument.

Im nächsten Schritt überträgt er seine allgemeine Religionskritik ausdrücklich auf das Christentum. Dadurch verhindert er, dass seine christlichen Adressaten seine Aussagen ausschließlich auf andere Religionen beziehen. Schließlich wendet er sich den Jenseitsvorstellungen zu. Weil es seiner Auffassung nach weder Paradies noch Hölle gebe, müsse der Mensch sein Leben auf das Diesseits ausrichten.

Sprachlich arbeitet Meslier mit stark wertenden und polemischen Begriffen. Er bezeichnet Religion unter anderem als Täuschung und Betrug und christliche Lehren als absurd. Dadurch entsteht eine scharfe Abgrenzung gegenüber religiösen Positionen. Die direkte Anrede seiner Leser erzeugt zugleich den Eindruck eines persönlichen Appells. Die Sprache soll die Adressaten nicht nur informieren, sondern sie dazu bewegen, traditionelle religiöse Vorstellungen grundsätzlich infrage zu stellen.


Aufgabe 4: Erläutern Sie den Zusammenhang zwischen Religionskritik und Herrschaftskritik bei Meslier.

Operator: Erläutern

Musterantwort:

Mesliers Religionskritik ist eng mit einer Kritik gesellschaftlicher und politischer Herrschaft verbunden. Religion ist für ihn nicht lediglich eine falsche Vorstellung über Gott und die Welt. Er behauptet darüber hinaus, dass religiöse Vorstellungen bestimmten gesellschaftlichen Gruppen nützen. Herrschende könnten Religion einsetzen, um Menschen zum Gehorsam zu bewegen. Besonders Vorstellungen von göttlichen Geboten, Belohnung im Paradies und Bestrafung in der Hölle könnten nach dieser Argumentation das Verhalten von Menschen beeinflussen. Wer auf eine Belohnung nach dem Tod hofft oder eine Bestrafung fürchtet, könnte eher bereit sein, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse zu akzeptieren. Deshalb bedeutet die Befreiung von religiösen Vorstellungen für Meslier zugleich eine Befreiung von einem Instrument gesellschaftlicher Kontrolle.


Aufgabe 5: Vergleichen Sie Mesliers Religionskritik mit einer Ihnen bekannten religionskritischen Position, beispielsweise von Ludwig Feuerbach oder Karl Marx.

Operator: Vergleichen

Musterantwort am Beispiel von Karl Marx:

Meslier und Marx betrachten Religion nicht nur als Frage persönlicher Überzeugungen, sondern stellen einen Zusammenhang zwischen Religion und gesellschaftlichen Verhältnissen her. Meslier behauptet, Religion sei von Menschen geschaffen und von Herrschenden genutzt worden, um die Bevölkerung leichter kontrollieren zu können. Auch Marx untersucht Religion im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Bedingungen und Herrschaftsverhältnissen.

Ein Unterschied besteht im Schwerpunkt der jeweiligen Erklärung. Meslier beschreibt Religion stark als bewusste menschliche Erfindung und teilweise als gezielte Täuschung. Bei Marx entsteht Religion dagegen im Zusammenhang mit gesellschaftlichem Leid und entfremdeten Lebensverhältnissen. Religion kann Trost angesichts realer Not bieten, zugleich aber dazu beitragen, dass die Ursachen dieser Not nicht verändert werden. Beide Positionen stimmen somit darin überein, dass Religion gesellschaftliche Funktionen erfüllen kann. Sie unterscheiden sich jedoch darin, wie sie die Entstehung und Wirkung von Religion erklären.


Aufgabe 6: Beurteilen Sie Mesliers Behauptung, religiöse Vorstellungen von Paradies und Hölle dienten vor allem dazu, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen. Beziehen Sie mindestens eine mögliche Gegenposition in Ihre Argumentation ein.

Operator: Beurteilen

Musterantwort:

Mesliers Behauptung lässt sich zunächst dadurch stützen, dass Vorstellungen von Belohnung und Bestrafung tatsächlich Auswirkungen auf menschliches Verhalten haben können. Wenn Menschen davon überzeugt sind, dass ihr Verhalten Konsequenzen nach dem Tod besitzt, kann dies ihre Entscheidungen im gegenwärtigen Leben beeinflussen. Mesliers Kritik macht deshalb auf eine mögliche gesellschaftliche Funktion religiöser Jenseitsvorstellungen aufmerksam.

Seine Argumentation ist jedoch sehr weitgehend, weil er religiöse Jenseitsvorstellungen überwiegend auf ihre Funktion als Mittel der Beeinflussung reduziert. Aus christlicher Perspektive können Vorstellungen von Auferstehung und ewigem Leben beispielsweise als Ausdruck der Hoffnung verstanden werden, dass Tod und Leid nicht das letzte Wort haben. Außerdem folgt aus der Tatsache, dass eine religiöse Vorstellung das Verhalten von Menschen beeinflusst, noch nicht automatisch, dass sie ausschließlich zu diesem Zweck erfunden wurde oder deshalb falsch ist.

Ein begründetes Urteil muss daher zwischen der möglichen gesellschaftlichen Wirkung religiöser Vorstellungen und der Frage nach ihrem Wahrheitsanspruch unterscheiden. Mesliers Kritik kann auf problematische Formen religiöser Angsterzeugung aufmerksam machen. Seine allgemeine Erklärung aller Jenseitsvorstellungen als bloße Instrumente der Kontrolle bedarf jedoch zusätzlicher Begründungen.


Aufgabe 7: Erörtern Sie ausgehend von Mesliers Text die Frage, ob moralisches Handeln eine religiöse Begründung benötigt.

Operator: Erörtern

Musterantwort:

Mesliers Text legt eine negative Antwort nahe. Da er Gott, Paradies und Hölle ablehnt, kann moralisches Verhalten für ihn nicht von der Erwartung einer göttlichen Belohnung oder der Angst vor einer göttlichen Bestrafung abhängen. Dennoch fordert er ein gutes, maßvolles und friedliches Leben. Damit vertritt er zumindest indirekt die Vorstellung, dass Menschen auch ohne religiösen Glauben moralische Maßstäbe entwickeln können.

Für diese Position spricht, dass moralisches Handeln beispielsweise mit Vernunft, Mitgefühl, gegenseitigem Respekt oder der Verantwortung für andere Menschen begründet werden kann. Menschen könnten moralisch handeln, weil sie erkennen, dass ein friedliches Zusammenleben Regeln und gegenseitige Rücksichtnahme voraussetzt.

Demgegenüber kann Religion für Gläubige eine wichtige Grundlage moralischer Orientierung darstellen. Christliche Ethik kann beispielsweise Verantwortung gegenüber Gott und den Mitmenschen miteinander verbinden. Religiöse Überzeugungen können Menschen außerdem zu Solidarität, Vergebung und dem Einsatz für andere motivieren.

Daraus lässt sich unterscheiden zwischen der Frage, ob Religion moralisches Handeln fördern kann, und der Frage, ob Religion dafür zwingend notwendig ist. Mesliers Position zeigt, dass sich eine Vorstellung guten Lebens auch ohne die Annahme einer göttlichen Belohnung oder Bestrafung formulieren lässt. Religiöse Positionen können moralisches Handeln dagegen zusätzlich aus einer Beziehung zu Gott und einem religiösen Menschenbild begründen. Die Beurteilung hängt daher wesentlich davon ab, welche Grundlage für moralische Normen vorausgesetzt wird.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

Q3.1 Moralisch argumentieren – Modelle der Ethik.

Q3.1 Moralisch argumentieren – Modelle der Ethik.

Q3.1 Moralisch argumentieren – Modelle der Ethik.

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Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 12/2 Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins

12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

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