Das Medium eignet sich besonders für eine zusammenfassende und vertiefende Unterrichtsphase zum Neuen Realismus in der Jahrgangsstufe 10. Aufgrund der Vielzahl philosophischer Argumente sollte es nicht als einfacher linearer Lesetext eingesetzt werden. Sinnvoller ist eine arbeitsteilige Erschließung, bei der einzelne Argumentationslinien von den Lernenden untersucht, vereinfacht formuliert und anschließend miteinander verbunden werden. Dadurch eignet sich das Medium besonders zur Sicherung einer Unterrichtsreihe zu Wirklichkeit, Wahrheit und Erkenntnis.
Als Einstieg kann die Aussage „Alles ist relativ“ an die Tafel geschrieben werden. Die Lernenden entscheiden zunächst, ob diese Aussage selbst absolut oder relativ gemeint ist. Ist sie absolut gemeint, beansprucht zumindest diese eine Aussage eine nicht relative Gültigkeit. Ist sie selbst nur relativ gemeint, lässt sie die Möglichkeit zu, dass andere Aussagen nicht relativ sind. Damit können die Lernenden unmittelbar das im Medium dargestellte Problem der Selbstwidersprüchlichkeit des Relativismus nachvollziehen.
In einer ersten Erarbeitungsphase sollte zwischen Relativismus, Konstruktivismus und Neuem Realismus unterschieden werden. Relativistische Positionen können vereinfacht dadurch charakterisiert werden, dass Wahrheit und Erkenntnis in Abhängigkeit von bestimmten Perspektiven oder Voraussetzungen betrachtet werden. Konstruktivistische Ansätze betonen die Bedeutung menschlicher Wahrnehmung, Begriffe und Deutungsmuster für unsere Erkenntnis. Der Neue Realismus hält dagegen daran fest, dass nicht sämtliche Wirklichkeit von menschlichen Konstruktionen abhängig sein kann.
Besonders geeignet ist anschließend die Erarbeitung von Gabriels Argument der Faktizität. Der Gedankengang kann mit einer einfachen Frage erschlossen werden: Wenn alles konstruiert ist, wodurch wird dann die Konstruktion selbst hervorgebracht? Wenn beispielsweise behauptet wird, unsere Wirklichkeit werde durch das Gehirn konstruiert, wird damit zumindest die Existenz des Gehirns vorausgesetzt. Wird auch dieses wieder als Konstruktion bezeichnet, muss erneut nach der Instanz gefragt werden, die diese Konstruktion hervorbringt. Nach der im Medium dargestellten Argumentation muss deshalb an irgendeinem Punkt eine Wirklichkeit angenommen werden, die nicht selbst wieder konstruiert ist.
Das Problem eines unendlichen Begründungsprozesses kann daran angeschlossen werden. Die Lernenden können versuchen, eine Aussage immer weiter durch eine dahinterstehende Meinung zu begründen. Dadurch wird anschaulich, weshalb die im Medium dargestellte Kritik einen unbegrenzten Rückgang von einer Annahme zu einer weiteren Annahme für problematisch hält.
Ein besonders lebensnaher Zugang besteht in der Unterscheidung zwischen Wirklichkeit, Täuschung und Fiktion. Die Lernenden erhalten beispielsweise drei Aussagen: „Ich war gestern in Berlin“, „Ich habe geträumt, dass ich gestern in Berlin war“ und „In einer Geschichte reist eine erfundene Figur nach Berlin“. Anschließend wird gefragt, ob alle drei Aussagen denselben Wirklichkeitsstatus besitzen. Damit lässt sich das Argument erschließen, dass eine Erkenntnistheorie Möglichkeiten benötigt, tatsächliche Ereignisse, Vorstellungen und erfundene Ereignisse voneinander zu unterscheiden. Das Medium formuliert genau diese Schwierigkeit gegenüber einer radikalen Auffassung ausschließlich konstruierter Wirklichkeiten.
Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf dem Verhältnis von Wahrnehmung und Begriff liegen. Das Medium greift die Frage auf, ob Erfahrungen auch ohne begriffliches Wissen möglich sind. Das Beispiel eines Menschen, der auf Eis ausrutscht, oder eines Tieres, das auf einen Gegenstand reagiert, kann von den Lernenden leicht nachvollzogen werden. Dadurch lässt sich die Frage diskutieren, ob ein Gegenstand zunächst begrifflich bestimmt werden muss, bevor er erfahren werden kann.
Zur Vertiefung eignet sich anschließend Gabriels Sinnfeldontologie. Besonders wichtig ist die im Medium dargestellte Verbindung von Gegenstand und Erscheinung. Das Beispiel des Weinglases verdeutlicht, dass ein Gegenstand in unterschiedlichen Sinnfeldern erscheinen kann. Seine materielle Existenz und der optische Eindruck werden dabei nicht einfach gegeneinander ausgespielt.
Für den Religionsunterricht kann dieser Gedanke mit einem religiösen Gegenstand weitergeführt werden. Ein Kreuz kann beispielsweise als materieller Gegenstand, historisches Symbol, Kunstwerk oder religiöses Zeichen erscheinen. Die unterschiedlichen Sinnfelder müssen nicht dazu führen, dass nur eine Beschreibung wirklich ist. Gleichzeitig bedeutet die Vielfalt der Sinnfelder nicht, dass jede beliebige Aussage über das Kreuz wahr sein muss.
Die Lernenden sollten außerdem die besondere Stellung des Neuen Realismus zwischen traditionellem Realismus und Konstruktivismus nachvollziehen. Nach der im Medium dargestellten Position soll weder eine Wirklichkeit ohne jede Berücksichtigung menschlicher Perspektiven noch eine ausschließlich durch menschliche Vorstellungen erzeugte Wirklichkeit angenommen werden. Der Neue Realismus versucht vielmehr, objektive Wirklichkeit und subjektive Perspektivität miteinander zu verbinden.
Ferraris’ Pantoffelexperiment eignet sich besonders für eine handlungsorientierte Vertiefung. Ein Gegenstand wird im Klassenraum platziert. Anschließend überlegen die Lernenden, wie ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze oder ein anderer materieller Gegenstand mit diesem Gegenstand in Beziehung treten könnte. Die entscheidende Frage lautet, ob die materielle Existenz des Gegenstandes davon abhängig ist, dass er begrifflich verstanden wird. Das Medium führt mit Ferraris genau dieses Argument gegen eine ausschließlich durch Begriffe vermittelte Wirklichkeit an.
Für den Religionsunterricht besonders anspruchsvoll und ergiebig ist die im Medium angesprochene Frage nach dem Verhältnis von wissenschaftlicher Erkenntnis und kulturellen oder religiösen Weltdeutungen. Dabei muss sorgfältig zwischen Sachfragen und Sinnfragen unterschieden werden. Bei empirisch untersuchbaren Fragen können Beobachtung, Logik und wissenschaftliche Verfahren besondere Bedeutung besitzen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass religiöse, ethische oder ästhetische Aussagen nach denselben Methoden beurteilt werden müssen. Das Medium selbst verbindet diese Diskussion mit der Frage, ob wissenschaftliche und kulturelle Weltdeutungen hinsichtlich konkreter Sachfragen denselben Wahrheitsanspruch besitzen können.
Für die Lernenden sollte hier eine differenzierte Aufgabe gestellt werden. Sie können Aussagen wie „Die Erde umkreist die Sonne“, „Das Leben hat einen Sinn“, „Diese Handlung ist ungerecht“ und „Gott begleitet den Menschen“ verschiedenen Fragebereichen zuordnen. Anschließend wird untersucht, welche Methoden jeweils zur Begründung verwendet werden können. Dadurch wird verhindert, dass naturwissenschaftliche und religiöse Aussagen vorschnell entweder gleichgesetzt oder als vollständige Gegensätze behandelt werden.
Ein weiterer religionspädagogisch bedeutsamer Schwerpunkt ist die Kritik am Naturalismus. Das Medium stellt die Position dar, dass das materielle Universum nach der Sinnfeldontologie nur einen Bereich unter vielen darstellt. Vorstellungen, Gefühle, Kunst, Religion und Ideologien werden als weitere Bereiche genannt. Deshalb könne eine naturalistische Erklärung des materiellen Universums nicht ohne weiteres beanspruchen, sämtliche Wirklichkeit zu erklären.
Damit lässt sich unmittelbar die anthropologische Frage verbinden: Ist der Mensch vollständig durch die Beschreibung seines Gehirns erfasst? Die Lernenden können zwischen Aussagen über Vorgänge im Gehirn und Aussagen über die Person unterscheiden. Das Medium kritisiert beispielsweise Formulierungen, nach denen das Gehirn selbst denke, wolle oder fühle, und unterscheidet physische Vorgänge von personalen und psychologischen Beschreibungen.
Abschließend kann Thomas Nagels Unterscheidung zwischen Sinneswahrnehmung und Vernunft aufgegriffen werden. Nach der im Medium dargestellten Argumentation kann die grundsätzliche Zuverlässigkeit der Sinne mit ihrer evolutionären Entwicklung verbunden werden. Die Gültigkeit logischer Vernunfturteile lässt sich dagegen nicht auf dieselbe Weise begründen, weil eine solche Begründung bereits vernünftiges Schlussfolgern voraussetzen würde.
Methodisch empfiehlt sich insgesamt ein Gruppenpuzzle. Verschiedene Gruppen bearbeiten jeweils eine Argumentationslinie und beantworten vier Fragen: Gegen welche Position richtet sich das Argument? Wie lautet das Argument in eigenen Worten? Welches Beispiel veranschaulicht es? Welche mögliche Gegenfrage lässt sich formulieren? Anschließend werden die Ergebnisse gegenseitig vorgestellt. Dadurch wird verhindert, dass die Lernenden die Argumente lediglich reproduzieren. Sie müssen diese rekonstruieren, anwenden und kritisch prüfen.
Als abschließende Sicherung können die Lernenden ein Begriffsnetz erstellen, in dessen Zentrum der Neue Realismus steht. Damit werden die Begriffe Wirklichkeit, Wahrheit, Relativismus, Konstruktivismus, Faktizität, Sinnfeld, Wahrnehmung, Vernunft, Wissenschaft, Naturalismus und Religion verbunden. Eine solche Visualisierung eignet sich zugleich als Vorbereitung auf eine Klausur.
Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Lösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator „Beschreiben“
Beschreiben Sie den Selbstwiderspruch, den die Neuen Realisten in der Aussage „Alles ist relativ“ erkennen.
Mögliche Antwort: Die Aussage „Alles ist relativ“ führt nach der dargestellten Kritik zu einem Problem. Wird die Aussage als absolut gültig verstanden, gibt es mindestens eine absolute Wahrheit, nämlich die Behauptung, dass alles relativ sei. Damit widerspricht die Aussage ihrem eigenen Inhalt.
Wird die Aussage dagegen selbst nur relativ verstanden, gilt sie lediglich aus einer bestimmten Perspektive. Dann kann nicht ausgeschlossen werden, dass aus anderen Perspektiven bestimmte Aussagen nicht relativ sind. In beiden Fällen kann die Behauptung deshalb nicht problemlos als allgemeine Widerlegung absoluter Wahrheit verwendet werden.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich II, Operator „Erläutern“
Erläutern Sie Gabriels Argument der Faktizität.
Mögliche Antwort: Das Argument der Faktizität richtet sich gegen die Vorstellung, sämtliche Wirklichkeit sei konstruiert. Wenn etwas konstruiert wird, muss es eine Instanz oder einen Vorgang geben, der diese Konstruktion hervorbringt. Wird beispielsweise behauptet, das Gehirn konstruiere unsere Wirklichkeit, wird damit zumindest vorausgesetzt, dass das Gehirn tatsächlich existiert.
Wird auch das Gehirn wiederum als Konstruktion bezeichnet, muss erneut gefragt werden, wodurch diese Konstruktion entsteht. Dadurch setzt sich das Problem immer weiter fort. Gabriel folgert daraus, dass irgendwann eine Wirklichkeit vorausgesetzt werden muss, die nicht selbst wiederum konstruiert ist. Deshalb hält er eine realistische Grundannahme für unvermeidbar.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator „Analysieren“
Analysieren Sie das Problem des unendlichen Begründungsprozesses, das im Medium gegen relativistische Positionen angeführt wird.
Mögliche Antwort: Das Problem entsteht, wenn die Wahrheit einer Aussage immer nur von einer weiteren Meinung oder Annahme abhängig gemacht wird. Eine Aussage wäre dann wahr, weil eine bestimmte Meinung über sie besteht. Diese Meinung müsste jedoch wiederum durch eine weitere Meinung begründet werden.
Dadurch entsteht eine unbegrenzte Folge von Begründungen. Keine Aussage könnte unmittelbar als wahr gelten, weil ihre Gültigkeit immer von einer weiteren Annahme abhängig wäre. Nach der im Medium dargestellten Kritik ist dies problematisch, weil Menschen eine solche unbegrenzte Folge weder vollständig formulieren noch verstehen können.
Das Argument soll deshalb zeigen, dass Erkenntnis an irgendeiner Stelle Tatsachen oder Voraussetzungen benötigt, die nicht lediglich durch eine weitere Meinung begründet werden.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator „Erklären“
Erklären Sie anhand eines eigenen Beispiels den Unterschied zwischen einer Tatsache, einer Täuschung und einer Fiktion.
Mögliche Antwort: Eine Tatsache bezeichnet einen Sachverhalt, der tatsächlich besteht oder bestanden hat. Wenn ich gestern tatsächlich eine Kirche besucht habe, ist mein Besuch ein reales Ereignis.
Eine Täuschung liegt vor, wenn ich etwas für wirklich halte, das sich bei genauerer Prüfung anders verhält. Wenn ich aus großer Entfernung glaube, einen Kirchturm zu sehen, tatsächlich aber einen anderen Gegenstand wahrnehme, habe ich mich getäuscht.
Eine Fiktion ist dagegen bewusst Teil einer erfundenen Wirklichkeit. Wenn in einem Roman eine erfundene Figur eine Kirche besucht, existiert dieser Besuch innerhalb der Erzählung, hat aber nicht als tatsächliches historisches Ereignis stattgefunden.
Die Unterscheidung ist für den Neuen Realismus wichtig, weil eine Erkenntnistheorie erklären können muss, weshalb tatsächliche Ereignisse, Täuschungen und erfundene Ereignisse nicht denselben Status besitzen.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator „Vergleichen“
Vergleichen Sie den traditionellen Realismus, den Konstruktivismus und den Neuen Realismus hinsichtlich ihres Verständnisses von Wirklichkeit.
Mögliche Antwort: Der im Medium dargestellte traditionelle Realismus richtet seine Aufmerksamkeit besonders auf eine vom Menschen unabhängige objektive Wirklichkeit. Die subjektive Perspektive des wahrnehmenden Menschen tritt dabei in den Hintergrund.
Konstruktivistische Positionen betonen dagegen die Rolle des wahrnehmenden Subjekts. Sprache, Begriffe, Wahrnehmung und kulturelle Voraussetzungen bestimmen demnach wesentlich mit, wie Wirklichkeit erfahren wird.
Der Neue Realismus versucht beide Aspekte miteinander zu verbinden. Er hält an einer objektiven Wirklichkeit fest, erkennt jedoch gleichzeitig an, dass Menschen diese Wirklichkeit aus bestimmten Perspektiven wahrnehmen. Objektive Wirklichkeit und subjektive Perspektive müssen deshalb nicht als Gegensätze verstanden werden.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II, Operator „Erläutern“
Erläutern Sie anhand von Ferraris’ Pantoffelexperiment, weshalb Wirklichkeit nach dem Neuen Realismus nicht vollständig von menschlichen Begriffen abhängig sein kann.
Mögliche Antwort: Ferraris betrachtet einen Pantoffel, auf den unterschiedliche Lebewesen und Gegenstände treffen können. Ein Mensch kann den Pantoffel sehen, sprachlich benennen und bringen. Auch ein Hund kann auf den Gegenstand reagieren, obwohl sein begriffliches Verständnis anders ist. Ein Wurm oder eine Pflanze besitzt keine menschlichen Begriffe und kann trotzdem mit dem Gegenstand in Berührung kommen oder auf ihn reagieren.
Der Pantoffel besitzt damit Eigenschaften, die nicht davon abhängig sind, dass ein Mensch ihn begrifflich erfasst. Er kann ein Hindernis darstellen, unabhängig davon, ob das Wesen, das auf ihn trifft, überhaupt einen Begriff von einem Pantoffel besitzt.
Ferraris verwendet das Beispiel deshalb als Argument dafür, dass die Wirklichkeit nicht erst durch menschliche Begriffe hervorgebracht wird.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich II, Operator „Analysieren“
Analysieren Sie, welche Bedeutung die Sinnfeldontologie für das Verhältnis von Erscheinung und Wirklichkeit besitzt.
Mögliche Antwort: Die Sinnfeldontologie versucht die strikte Trennung zwischen Erscheinung und einer dahinterliegenden unerkennbaren Wirklichkeit zu überwinden. Gegenstände erscheinen nach dieser Auffassung immer in bestimmten Sinnfeldern.
Ein Weinglas kann beispielsweise als materieller Gegenstand erscheinen und zugleich Gegenstand meiner optischen Wahrnehmung sein. Die Wahrnehmung des Glases ist dabei nicht einfach unwirklich, nur weil sie perspektivisch erfolgt.
Dadurch können verschiedene Erscheinungsweisen eines Gegenstandes als Bestandteile der Wirklichkeit verstanden werden. Die Tatsache, dass ein Gegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven oder in verschiedenen Sinnfeldern erscheint, bedeutet nicht, dass Menschen lediglich von der Wirklichkeit getrennte Bilder wahrnehmen.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator „Beurteilen“
Beurteilen Sie die Aussage: „Wenn Menschen unterschiedliche Weltdeutungen besitzen, sind alle diese Weltdeutungen gleichermaßen wahr.“
Mögliche Antwort: Aus der Existenz unterschiedlicher Weltdeutungen folgt nicht automatisch, dass alle Aussagen denselben Wahrheitsanspruch besitzen. Menschen können dieselben Ereignisse unterschiedlich interpretieren, weil sie verschiedene Erfahrungen, kulturelle Voraussetzungen oder religiöse Überzeugungen besitzen.
Bei konkreten Sachfragen können Aussagen jedoch anhand von Beobachtungen, Belegen und logischen Schlussfolgerungen überprüft werden. Zwei widersprüchliche Tatsachenbehauptungen können deshalb nicht allein dadurch gleichermaßen wahr werden, dass verschiedene Menschen von ihnen überzeugt sind.
Bei religiösen oder weltanschaulichen Fragen ist die Situation komplexer, weil hier auch Sinn, Erfahrung und Interpretation eine Rolle spielen können. Dennoch sollten auch solche Überzeugungen begründet und kritisch geprüft werden.
Die Anerkennung unterschiedlicher Weltdeutungen ist deshalb von der Behauptung zu unterscheiden, jede Weltdeutung sei hinsichtlich ihres Wahrheitsanspruchs automatisch gleichwertig.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie, ob naturwissenschaftliche Erkenntnisse gegenüber religiösen Weltdeutungen grundsätzlich einen höheren Wahrheitsanspruch besitzen.
Mögliche Antwort: Für einen besonderen Wahrheitsanspruch naturwissenschaftlicher Erkenntnisse spricht, dass naturwissenschaftliche Aussagen anhand geregelter Verfahren untersucht werden. Beobachtung, Experimente, logische Schlussfolgerungen und die Überprüfbarkeit durch andere Personen ermöglichen eine besondere Form der Kontrolle. Bei empirischen Sachfragen besitzen naturwissenschaftliche Methoden deshalb eine hohe Bedeutung.
Religiöse Weltdeutungen beschäftigen sich jedoch häufig mit Fragen, die nicht identisch mit empirischen Sachfragen sind. Aussagen über Sinn, Hoffnung, Schuld, Erlösung oder die Beziehung des Menschen zu Gott lassen sich nicht ohne weiteres mit denselben Methoden untersuchen wie die Temperatur eines Gegenstandes.
Problematisch wäre deshalb sowohl die Behauptung, naturwissenschaftliche und religiöse Aussagen hätten bei jeder Frage denselben Erkenntnisstatus, als auch die Annahme, naturwissenschaftliche Methoden könnten automatisch sämtliche religiösen und existenziellen Fragen beantworten.
Entscheidend ist, zunächst die Art der jeweiligen Aussage zu bestimmen. Bei empirischen Sachfragen besitzen wissenschaftliche Verfahren besondere Möglichkeiten der Überprüfung. Bei Sinnfragen und religiösen Deutungen müssen zusätzlich andere Formen der Begründung berücksichtigt werden.
Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator „Beurteilen“
Beurteilen Sie die Aussage: „Wenn das Gehirn beim Denken aktiv ist, dann denkt das Gehirn.“
Mögliche Antwort: Die Aussage muss differenziert betrachtet werden. Naturwissenschaftlich kann untersucht werden, welche Vorgänge im Gehirn auftreten, wenn ein Mensch denkt, sich erinnert oder eine Entscheidung trifft. Daraus lässt sich jedoch nicht ohne weiteres folgern, dass das Gehirn im selben Sinne denkt wie die gesamte Person.
Das Medium kritisiert genau diese Gleichsetzung. Aussagen über elektrische, chemische und biologische Vorgänge gehören zu einer anderen Beschreibungsebene als Aussagen über Gedanken, Wünsche, Gründe und Entscheidungen einer Person.
Man kann deshalb sagen, dass Gehirnvorgänge eine notwendige körperliche Grundlage menschlichen Denkens darstellen können, ohne deshalb das Gehirn selbst als handelnde oder denkende Person zu behandeln. Die Unterscheidung zwischen biologischen Vorgängen und personalen Handlungen sollte erhalten bleiben.
Aufgabe 11, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie, ob der Mensch vollständig durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse erklärt werden kann.
Mögliche Antwort: Für eine naturwissenschaftliche Erklärung des Menschen spricht, dass Menschen körperliche Lebewesen sind. Biologie, Medizin und Neurowissenschaft können zahlreiche Vorgänge untersuchen, die für Wahrnehmung, Verhalten und Denken von Bedeutung sind. Solche Erkenntnisse sind unverzichtbar für ein umfassendes Verständnis des Menschen.
Das Medium wendet jedoch gegen eine vollständige naturalistische Erklärung ein, dass menschliche Wirklichkeit nicht ausschließlich aus materiellen Vorgängen besteht. Menschen besitzen Gedanken, Gefühle, Vorstellungen, religiöse Überzeugungen und kulturelle Beziehungen. Die Sinnfeldontologie versteht diese ebenfalls als Bereiche der Wirklichkeit.
Im Religionsunterricht kann außerdem berücksichtigt werden, dass religiöse Menschen den Menschen beispielsweise als Geschöpf Gottes und als verantwortliches Wesen verstehen. Eine solche Aussage verfolgt eine andere Fragestellung als eine biologische Beschreibung des menschlichen Körpers.
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse erklären daher wesentliche Aspekte des Menschen. Ob sie eine vollständige Beschreibung aller Dimensionen menschlicher Wirklichkeit ermöglichen, hängt davon ab, ob man Wirklichkeit ausschließlich auf materiell untersuchbare Vorgänge beschränkt. Genau diese Beschränkung wird im Medium infrage gestellt.
Aufgabe 12, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie das Verhältnis von Sinneswahrnehmung und Vernunft als Quellen menschlicher Erkenntnis.
Mögliche Antwort: Sinneswahrnehmung ermöglicht Menschen einen unmittelbaren Zugang zu ihrer Umgebung. Durch Sehen, Hören, Berühren, Riechen und Schmecken erhalten sie Informationen über Gegenstände und Ereignisse. Sinneswahrnehmungen können allerdings fehlerhaft sein. Optische Täuschungen zeigen beispielsweise, dass Menschen nicht jeder einzelnen Wahrnehmung uneingeschränkt vertrauen können.
Die Vernunft ermöglicht es dagegen, Zusammenhänge zu erkennen, Schlussfolgerungen zu ziehen und Aussagen auf Widersprüche zu prüfen. Nach der im Medium aufgegriffenen Argumentation Thomas Nagels besitzt die Vernunft dabei einen besonderen Status. Soll die Zuverlässigkeit vernünftigen Denkens mit einer evolutionären Theorie begründet werden, muss bereits logisch argumentiert werden. Die Vernunft würde damit zur Begründung ihrer eigenen Zuverlässigkeit verwendet.
Sinneswahrnehmung und Vernunft können deshalb als unterschiedliche und miteinander verbundene Erkenntnisquellen verstanden werden. Wahrnehmungen liefern Informationen über Wirklichkeit, während Vernunft dazu beiträgt, diese Informationen zu ordnen, zu prüfen und Schlussfolgerungen aus ihnen zu ziehen.
Aufgabe 13, Anforderungsbereich III, Operator „Stellung nehmen“
Nehmen Sie begründet zu der Aussage Stellung: „Der Neue Realismus bietet einen geeigneten Weg zwischen naivem Realismus und Konstruktivismus.“
Mögliche Antwort: Für diese Einschätzung spricht, dass der Neue Realismus zwei wichtige Einsichten miteinander zu verbinden versucht. Einerseits erkennt er an, dass eine Wirklichkeit unabhängig von den Vorstellungen einzelner Menschen besteht. Andererseits berücksichtigt er, dass Menschen diese Wirklichkeit aus bestimmten Perspektiven wahrnehmen.
Damit muss nicht behauptet werden, menschliche Wahrnehmung sei immer vollständig und fehlerfrei. Gleichzeitig wird vermieden, aus der Perspektivität menschlicher Erkenntnis zu schließen, Menschen hätten überhaupt keinen Zugang zur tatsächlichen Wirklichkeit.
Die Sinnfeldontologie verstärkt diesen Ansatz, weil sie unterschiedliche Erscheinungsweisen und Gegenstandsbereiche anerkennt. Ein Gegenstand kann in verschiedenen Sinnfeldern erscheinen, ohne dadurch seine Wirklichkeit zu verlieren.
Der Ansatz kann deshalb als Möglichkeit verstanden werden, objektive Wirklichkeit und menschliche Perspektivität miteinander zu verbinden. Ob die philosophischen Einzelargumente vollständig überzeugen, muss jedoch jeweils eigenständig geprüft werden.
Aufgabe 14, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie, welche Bedeutung der Neue Realismus für den Umgang mit religiösen Wahrheitsansprüchen haben kann.
Mögliche Antwort: Der Neue Realismus kann zunächst dazu beitragen, religiöse Wahrheitsansprüche nicht allein deshalb zurückzuweisen, weil sie aus einer bestimmten religiösen oder kulturellen Perspektive formuliert werden. Wenn jede menschliche Erkenntnis perspektivische Elemente besitzt, folgt daraus nicht automatisch, dass keine wahren Aussagen möglich sind.
Die Sinnfeldontologie eröffnet außerdem die Möglichkeit, religiöse Wirklichkeit als einen Bereich menschlicher Wirklichkeit zu thematisieren, ohne sämtliche Wirklichkeit auf das materiell messbare Universum zu reduzieren. Religiöse Erfahrungen, Vorstellungen und Überzeugungen können dadurch als tatsächliche Bestandteile menschlichen Lebens betrachtet werden.
Daraus folgt jedoch nicht, dass der Inhalt jeder religiösen Aussage wahr ist. Dass eine Person tatsächlich an Gott glaubt, beweist beispielsweise noch nicht, dass Gott existiert. Ebenso bedeutet die Existenz religiöser Sinnfelder nicht, dass alle religiösen Wahrheitsansprüche gleichermaßen zutreffen.
Der Neue Realismus kann deshalb für den Religionsunterricht vor allem dazu beitragen, zwischen der Wirklichkeit religiöser Erfahrungen und Überzeugungen und der Wahrheit konkreter religiöser Aussagen zu unterscheiden. Religiöse Wahrheitsansprüche bleiben Gegenstand von Argumentation, Reflexion und begründeter Urteilsbildung.