Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 insbesondere zur Auseinandersetzung mit den Themen Wahrheit, Wirklichkeit, Wahrnehmung, Erkenntnis, Freiheit und Verantwortung. Darüber hinaus ermöglicht der Text eine Beschäftigung mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Religion sowie mit der Frage, ob Menschen grundsätzlich zu wahrer Erkenntnis fähig sind. Der Text ist sprachlich und argumentativ anspruchsvoll und sollte deshalb nicht vollständig ohne vorbereitende Erschließung eingesetzt werden. Zentrale Begriffe wie Realismus, Konstruktivismus, Perspektivität, Faktizität, Wissen, Wahrheit und Wirklichkeit sollten während der Textarbeit geklärt und anhand konkreter Beispiele veranschaulicht werden.
Als lebensnaher Einstieg eignet sich die Frage, ob zwei Menschen denselben Gegenstand unterschiedlich wahrnehmen und trotzdem beide den wirklichen Gegenstand erkennen können. Dazu kann ein Würfel oder ein anderer Gegenstand in die Mitte des Klassenraumes gestellt werden. Die Lernenden beschreiben den Gegenstand von unterschiedlichen Sitzpositionen aus. Dabei werden sie unterschiedliche Seiten und Eigenschaften wahrnehmen. Anschließend kann diskutiert werden, ob aus den verschiedenen Perspektiven folgt, dass niemand den wirklichen Gegenstand erkennt. Dieses Experiment bereitet Gabriels Beispiel des blauen Würfels unmittelbar vor.
Eine weitere Einstiegsmöglichkeit besteht in der Aussage „Jeder hat seine eigene Wahrheit“. Die Lernenden können zunächst spontan erläutern, was mit dieser Aussage gemeint sein könnte. Anschließend sollte zwischen Meinung, Perspektive, Interpretation und überprüfbarer Tatsachenbehauptung unterschieden werden. Beispielsweise kann die Aussage „Ich finde diese Musik schön“ mit der Aussage „Das Lied dauert vier Minuten“ verglichen werden. Dadurch wird deutlich, dass unterschiedliche Arten von Aussagen unterschiedliche Formen der Begründung verlangen.
Bei der Texterschließung empfiehlt sich eine Gliederung in mehrere Argumentationsschritte. Zunächst arbeiten die Lernenden heraus, welche Vorstellung Gabriel dem Konstruktivismus zuschreibt. Danach untersuchen sie, welche Gegenposition der Neue Realismus entwickelt. In einem dritten Schritt wird das Argument aus der Faktizität analysiert. Abschließend wird untersucht, welche Bedeutung Gabriel Wissen und Wahrheit für das gesellschaftliche Zusammenleben zuschreibt.
Das Argument aus der Faktizität sollte aufgrund seiner Abstraktheit besonders sorgfältig erschlossen werden. Vereinfacht lässt es sich anhand der Frage darstellen: Wenn alles konstruiert ist, was ist dann mit demjenigen, der konstruiert? Wenn beispielsweise behauptet wird, unser Gehirn konstruiere unsere gesamte Wirklichkeit, muss zumindest das Gehirn als etwas vorausgesetzt werden, über das eine wahre Aussage gemacht werden kann. Wird anschließend behauptet, auch das Gehirn sei nur konstruiert, stellt sich erneut die Frage, wodurch es konstruiert wird. Nach Gabriel lässt sich diese Reihe nicht beliebig fortsetzen. Irgendwo muss eine Wirklichkeit vorausgesetzt werden, die nicht erst durch eine weitere Konstruktion entsteht.
Zur methodischen Sicherung können die Lernenden eine Argumentationskette formulieren. Ausgangspunkt ist die Behauptung „Alles ist konstruiert“. Anschließend werden Fragen ergänzt wie „Wer oder was konstruiert?“, „Existiert diese Instanz wirklich?“ und „Ist diese Instanz ebenfalls konstruiert?“. Auf diese Weise können die Lernenden selbst entdecken, weshalb Gabriel einen radikalen Konstruktivismus für problematisch hält.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Gabriels Verständnis von Perspektivität. Der Neue Realismus bestreitet nicht, dass Menschen Wirklichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen. Perspektivität wird jedoch nicht mit Täuschung gleichgesetzt. Das Beispiel des blauen Würfels eignet sich hervorragend zur Veranschaulichung. Ein Mensch sieht nur bestimmte Seiten des Würfels und kann trotzdem den tatsächlichen Würfel wahrnehmen. Eine andere Person sieht denselben Würfel aus einer anderen Perspektive. Die Verschiedenheit der Perspektiven bedeutet nach Gabriel nicht, dass beide Personen ausschließlich selbst erzeugte Bilder wahrnehmen.
Für die Lernenden sollte an dieser Stelle zwischen den Aussagen „Meine Wahrnehmung ist perspektivisch“ und „Meine Wahrnehmung hat keinen Zugang zur Wirklichkeit“ unterschieden werden. Gerade diese Differenz bildet einen zentralen Gedanken des Textes. Perspektivische Erkenntnis kann nach Gabriel trotzdem Erkenntnis einer tatsächlichen Wirklichkeit sein.
Eine weitere Vertiefung kann durch einen Vergleich von Realismus und Konstruktivismus erfolgen. Dabei sollte der Konstruktivismus nicht lediglich als falsche Gegenposition dargestellt werden. Die Lernenden können zunächst nachvollziehen, weshalb konstruktivistische Ansätze auf die Bedeutung von Sprache, kulturellen Voraussetzungen, Erfahrungen und Wahrnehmungsbedingungen aufmerksam machen. Anschließend kann geprüft werden, an welchem Punkt Gabriels Kritik einsetzt. Auf diese Weise lernen die Lernenden, philosophische Positionen nicht nur zu übernehmen, sondern Argumente und Gegenargumente gegeneinander abzuwägen.
Für den Religionsunterricht bietet sich ein Transfer auf religiöse Wirklichkeitsdeutungen an. Die Frage nach der Perspektivität menschlicher Erkenntnis ist beispielsweise für Aussagen über Gott von Bedeutung. Menschen sprechen aus bestimmten religiösen, kulturellen und persönlichen Perspektiven über Gott. Daraus kann jedoch nicht ohne weitere Begründung geschlossen werden, dass Gott lediglich eine menschliche Konstruktion ist. Umgekehrt beweist Gabriels Realismus nicht die Existenz Gottes. Die Lernenden können deshalb untersuchen, welche Argumente jeweils erforderlich wären, um von einer bestimmten Perspektive zu einem Wahrheitsanspruch zu gelangen.
Auch die Frage nach religiöser Erfahrung kann aufgegriffen werden. Wenn ein Mensch ein Ereignis religiös als Erfahrung Gottes deutet und ein anderer Mensch dasselbe Ereignis anders interpretiert, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Perspektive, Interpretation und Wirklichkeit. Gabriels Ansatz kann dabei als philosophisches Instrument dienen, um deutlich zu machen, dass unterschiedliche Perspektiven nicht automatisch bedeuten, dass es keine Wahrheit gibt.
Ein weiterer Bezug ergibt sich zur Freiheit des Menschen. Gabriel kritisiert Vorstellungen, nach denen Menschen vollständig durch Natur, Gehirn, Gene oder Evolution bestimmt seien und deshalb ihre Freiheit lediglich eine Illusion sei. Im Religionsunterricht kann daran die anthropologische Frage angeschlossen werden, in welchem Umfang der Mensch frei und für sein Handeln verantwortlich ist. Bezüge zu christlichen Vorstellungen von Freiheit, Verantwortung, Schuld und Gewissen sind möglich. Dabei sollte deutlich zwischen Gabriels philosophischer Argumentation und theologischen Positionen unterschieden werden.
Methodisch eignet sich der Text für Einzelarbeit zur ersten Texterschließung, Partnerarbeit zur Begriffsklärung, Gruppenarbeit zur Rekonstruktion einzelner Argumentationsabschnitte und ein philosophisches Unterrichtsgespräch zur abschließenden Urteilsbildung. Denkbar ist außerdem eine strukturierte Diskussion, in der eine Gruppe Argumente für eine realistische und eine andere Gruppe Argumente für eine konstruktivistische Position sammelt. Entscheidend ist dabei nicht die Festlegung auf eine vorgegebene Position, sondern die Qualität der Begründungen.
Für die Ergebnissicherung können die Lernenden abschließend einen kurzen Merksatz zum Neuen Realismus formulieren. Dieser sollte die drei zentralen Gedanken enthalten, dass eine vom Menschen unabhängige Wirklichkeit angenommen wird, dass Menschen diese Wirklichkeit erkennen können und dass jede menschliche Erkenntnis dennoch perspektivisch erfolgt. Dadurch wird verhindert, dass Realismus fälschlicherweise mit der Vorstellung einer vollständig voraussetzungslosen oder unfehlbaren Wahrnehmung gleichgesetzt wird.
Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Lösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator „Beschreiben“
Beschreiben Sie, welche Auffassung von Wirklichkeit Gabriel dem Konstruktivismus zuschreibt.
Mögliche Antwort: Gabriel beschreibt den Konstruktivismus als eine Position, nach der Menschen keinen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit besitzen. Zwischen dem Menschen und der Wirklichkeit stehen demnach Begriffe, Vorstellungen, kulturelle Systeme oder andere Formen der Verarbeitung. Diese bestimmen mit, wie Menschen Wirklichkeit erfahren. Beim Neurokonstruktivismus übernimmt vor allem das Gehirn diese Funktion. Das Gehirn erzeugt nach dieser Vorstellung die Bilder, die Menschen für ihre Wirklichkeit halten. Gabriel kritisiert insbesondere die Schlussfolgerung, Menschen seien deshalb grundsätzlich in ihren eigenen Konstruktionen eingeschlossen und könnten die Wirklichkeit selbst nicht erkennen.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I, Operator „Wiedergeben
Geben Sie die zentralen Aussagen des Neuen Realismus nach Gabriel in eigenen Worten wieder.
Mögliche Antwort: Der Neue Realismus geht davon aus, dass Menschen Wissen über eine tatsächliche Wirklichkeit erwerben können. Wahrheit ist deshalb nicht ausschließlich von persönlichen oder gesellschaftlichen Meinungen abhängig. Gleichzeitig bestreitet Gabriel nicht, dass Menschen Wirklichkeit aus bestimmten Perspektiven wahrnehmen und mit Begriffen beschreiben. Die Perspektivität menschlicher Erkenntnis bedeutet für ihn jedoch nicht, dass die Wirklichkeit unerkennbar ist. Menschen können wirkliche Gegenstände und Tatsachen erkennen, obwohl sie diese immer aus einer bestimmten Perspektive erfassen.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator „Erläutern“
Erläutern Sie Gabriels Argument aus der Faktizität.
Mögliche Antwort: Das Argument aus der Faktizität richtet sich gegen die Behauptung, dass alle Tatsachen lediglich Konstruktionen seien. Wenn beispielsweise behauptet wird, dass unser Gehirn unsere Wirklichkeit konstruiert, wird damit vorausgesetzt, dass es tatsächlich ein Gehirn gibt, das diese Konstruktion hervorbringt. Das Gehirn wird damit selbst als eine Wirklichkeit behandelt.
Würde nun behauptet, auch das Gehirn sei lediglich konstruiert, müsste erneut erklärt werden, wodurch es konstruiert wird. Auch diese weitere Instanz müsste wiederum in irgendeinem Sinne existieren. Gabriel schließt daraus, dass nicht alles ausschließlich Konstruktion sein kann. Eine konstruktivistische Erklärung muss selbst bestimmte Tatsachen voraussetzen. Deshalb ist nach Gabriel zumindest eine Form des Realismus unvermeidbar.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator „Analysieren“
Analysieren Sie, wie Gabriel mit dem Beispiel des blauen Würfels das Verhältnis von Perspektive und Wirklichkeit erklärt.
Mögliche Antwort: Gabriel verwendet den blauen Würfel, um zu zeigen, dass perspektivische Wahrnehmung nicht mit Täuschung gleichgesetzt werden darf. Eine Person sieht den Würfel aufgrund ihrer Position nur aus einem bestimmten Blickwinkel. Sie kann beispielsweise die Rückseite nicht gleichzeitig sehen. Eine andere Person kann den Würfel aus einer anderen Perspektive wahrnehmen.
Nach Gabriel folgt aus dieser Begrenzung jedoch nicht, dass die Person lediglich ein selbst erzeugtes Bild des Würfels erkennt. Sie nimmt vielmehr den tatsächlichen Würfel aus einer bestimmten Perspektive wahr. Der Gegenstand und die Perspektive müssen deshalb unterschieden werden, ohne sie vollständig voneinander zu trennen.
Das Beispiel unterstützt Gabriels realistische Position, weil unterschiedliche Perspektiven auf denselben wirklichen Gegenstand möglich sind. Erkenntnis ist damit perspektivisch, ohne deshalb grundsätzlich von der Wirklichkeit abgeschnitten zu sein.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator „Vergleichen“
Vergleichen Sie Realismus und Konstruktivismus hinsichtlich ihres Verständnisses von Wirklichkeit und Erkenntnis.
Mögliche Antwort: Realistische Positionen gehen grundsätzlich davon aus, dass eine Wirklichkeit unabhängig davon existiert, ob Menschen sie wahrnehmen oder über sie nachdenken. Der Neue Realismus ergänzt dies durch die Annahme, dass Menschen diese Wirklichkeit grundsätzlich erkennen können. Dabei kann die Erkenntnis durchaus perspektivisch sein.
Konstruktivistische Positionen betonen stärker, dass menschliche Erkenntnis von Begriffen, Sprache, Erfahrungen, gesellschaftlichen Bedingungen oder Wahrnehmungsprozessen geprägt wird. Unser Bild der Wirklichkeit entsteht demnach nicht unabhängig von unseren Erkenntnisbedingungen.
Gabriel übernimmt einen Teil dieser Einsicht, weil auch er die Bedeutung von Begriffen und Perspektiven anerkennt. Er widerspricht jedoch der Schlussfolgerung, dass Menschen deshalb keinen Zugang zu tatsächlichen Dingen und Tatsachen besitzen. Der zentrale Unterschied besteht somit in der Frage, welche Konsequenzen aus der Perspektivität menschlicher Erkenntnis gezogen werden.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II, Operator „Erklären“
Erklären Sie den Unterschied zwischen Perspektivität und Täuschung anhand eines eigenen Beispiels.
Mögliche Antwort: Perspektivität bedeutet, dass ein Gegenstand oder ein Ereignis von einem bestimmten Standpunkt aus wahrgenommen wird. Täuschung bedeutet dagegen, dass eine Wahrnehmung oder Annahme in einem entscheidenden Punkt nicht mit dem Sachverhalt übereinstimmt.
Ein Gebäude sieht beispielsweise aus großer Entfernung sehr klein aus. Dies bedeutet nicht, dass die Wahrnehmung insgesamt eine Täuschung ist. Die Person sieht tatsächlich das Gebäude, allerdings aus großer Entfernung. Würde sie dagegen behaupten, das Gebäude sei tatsächlich nur zwanzig Zentimeter hoch, wäre dies eine falsche Einschätzung seiner Größe.
Das Beispiel zeigt, dass eine begrenzte Perspektive nicht automatisch bedeutet, dass Menschen die Wirklichkeit überhaupt nicht erkennen können. Dies entspricht Gabriels Argumentation.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator „Beurteilen“
Beurteilen Sie die Aussage: „Wenn jeder Mensch die Wirklichkeit aus seiner eigenen Perspektive wahrnimmt, kann es keine objektive Wahrheit geben.“ Beziehen Sie Gabriels Position ein.
Mögliche Antwort: Aus der Tatsache unterschiedlicher Perspektiven folgt nicht zwingend, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Mehrere Menschen können denselben Gegenstand aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Ihre Wahrnehmungen unterscheiden sich, beziehen sich aber dennoch auf denselben Gegenstand.
Gabriels Beispiel des blauen Würfels verdeutlicht dies. Eine Person sieht die Vorderseite, während eine andere Person aufgrund ihres Standortes eine andere Seite sieht. Beide Perspektiven können zutreffend sein. Die unterschiedlichen Perspektiven beseitigen nicht die Existenz des Würfels.
Allerdings kann Perspektivität dazu führen, dass menschliche Erkenntnis begrenzt oder unvollständig ist. Deshalb ist es sinnvoll, unterschiedliche Perspektiven miteinander zu vergleichen und eigene Aussagen zu überprüfen. Objektivität muss dann nicht bedeuten, überhaupt keine Perspektive zu besitzen. Sie kann vielmehr darin bestehen, Behauptungen nachvollziehbar zu begründen und durch andere Perspektiven überprüfen zu lassen.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie die Aussage: „Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit.“ Berücksichtigen Sie Gabriels Unterscheidung zwischen Perspektive, Meinung und Wahrheit.
Mögliche Antwort: Für die Aussage spricht zunächst, dass Menschen unterschiedliche Erfahrungen machen und Situationen aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen. Persönliche Bewertungen können deshalb verschieden sein. Zwei Menschen können beispielsweise dasselbe Musikstück hören und es unterschiedlich beurteilen. Die Aussagen „Ich finde dieses Lied schön“ und „Ich finde dieses Lied langweilig“ können die jeweiligen persönlichen Bewertungen zutreffend ausdrücken.
Problematisch wird die Aussage jedoch, wenn daraus geschlossen wird, jede Tatsachenbehauptung sei lediglich eine persönliche Wahrheit. Die Frage, ob Hamburg nördlich von Köln liegt, hängt nicht davon ab, welche Meinung eine Person dazu besitzt. Eine falsche Tatsachenbehauptung wird nicht dadurch wahr, dass jemand fest von ihr überzeugt ist.
Gabriel würde deshalb zwischen Perspektivität und einem vollständigen Relativismus unterscheiden. Menschen erkennen Wirklichkeit aus bestimmten Perspektiven, aber daraus folgt nicht, dass Wahrheit ausschließlich eine persönliche Angelegenheit ist. Unterschiedliche Perspektiven können Anlass sein, Aussagen genauer zu prüfen, ohne den Begriff der Wahrheit aufzugeben.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator „Stellung nehmen“
Nehmen Sie begründet zu der Aussage Stellung: „Was ich nicht wahrnehme, kann für mich keine Wirklichkeit besitzen.“ Beziehen Sie den Neuen Realismus in Ihre Überlegungen ein.
Mögliche Antwort: Die Aussage kann zunächst verständlich erscheinen, weil Menschen viele Kenntnisse über die Wirklichkeit durch ihre Wahrnehmung gewinnen. Dennoch wäre es problematisch, die Existenz eines Gegenstandes davon abhängig zu machen, ob eine bestimmte Person ihn wahrnimmt. Ein Baum im Wald hört nicht auf zu existieren, nur weil gerade niemand auf ihn blickt.
Der Neue Realismus betont gerade die Unabhängigkeit der Wirklichkeit von unserer jeweiligen Aufmerksamkeit. Menschen können Dinge übersehen, falsch einschätzen oder ignorieren, ohne dass diese deshalb verschwinden. Auch Sachverhalte, die unangenehm oder schwer anzuerkennen sind, können weiterhin bestehen.
Gleichzeitig ist zwischen der Existenz eines Sachverhaltes und unserem Wissen darüber zu unterscheiden. Etwas kann existieren, obwohl ich nichts davon weiß. Meine persönliche Erkenntnis bestimmt daher nicht allein, was wirklich ist.
Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie, welche Bedeutung Gabriels Neuer Realismus für die Frage nach religiöser Wahrheit haben kann.
Mögliche Antwort: Der Neue Realismus kann zunächst die Frage eröffnen, ob religiöse Aussagen allein deshalb als menschliche Konstruktionen betrachtet werden müssen, weil sie aus bestimmten kulturellen, historischen und persönlichen Perspektiven formuliert werden. Gabriel geht davon aus, dass Perspektivität nicht automatisch bedeutet, dass Menschen von der Wirklichkeit getrennt sind. Übertragen auf Religion könnte deshalb gefragt werden, ob auch religiöse Aussagen trotz ihrer Perspektivität einen Anspruch auf Wahrheit erheben können.
Gleichzeitig folgt aus Gabriels Realismus nicht, dass eine bestimmte religiöse Aussage wahr ist. Aus der Annahme einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit lässt sich beispielsweise nicht unmittelbar die Existenz Gottes ableiten. Religiöse Wahrheitsansprüche benötigen eigene Begründungen und müssen argumentativ untersucht werden.
Für den Religionsunterricht ist Gabriels Position deshalb besonders geeignet, um zwischen Perspektive und Beliebigkeit zu unterscheiden. Religiöse Überzeugungen entstehen in bestimmten Traditionen und Deutungszusammenhängen. Dies allein entscheidet jedoch noch nicht darüber, ob ihre Aussagen wahr oder falsch sind. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, mit welchen Erfahrungen, Argumenten und Gründen ein religiöser Wahrheitsanspruch vertreten werden kann.
Aufgabe 11, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie, ob naturwissenschaftliche und religiöse Aussagen unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit darstellen können.
Mögliche Antwort: Naturwissenschaftliche und religiöse Aussagen können sich auf unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit beziehen. Naturwissenschaften untersuchen beispielsweise, wie natürliche Vorgänge ablaufen, welche Ursachen festgestellt werden können und welche Gesetzmäßigkeiten sich beobachten lassen. Religiöse Aussagen beschäftigen sich häufig mit Fragen nach Sinn, Orientierung, Hoffnung, Verantwortung und dem Verhältnis des Menschen zu Gott.
Daraus kann folgen, dass beide Zugänge nicht zwangsläufig miteinander konkurrieren. Eine naturwissenschaftliche Erklärung der Entstehung des Universums und eine religiöse Frage nach der Bedeutung der Schöpfung behandeln beispielsweise nicht notwendig dieselbe Fragestellung.
Allerdings darf die Unterscheidung verschiedener Perspektiven nicht dazu verwendet werden, jeden möglichen Widerspruch zu vermeiden. Wenn zwei Aussagen tatsächlich denselben Sachverhalt betreffen und sich widersprechen, müssen ihre jeweiligen Begründungen geprüft werden.
Gabriels Neuer Realismus kann in dieser Diskussion darauf aufmerksam machen, dass Perspektivität und Wahrheit keine Gegensätze sein müssen. Menschen können unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit besitzen und trotzdem danach fragen, welche Aussagen begründet und wahr sind.
Aufgabe 12, Anforderungsbereich III, Operator „Stellung nehmen“
Nehmen Sie begründet Stellung zu der Frage, ob die Anerkennung einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit Auswirkungen auf Freiheit und Verantwortung haben kann.
Mögliche Antwort: Die Anerkennung einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit kann für Freiheit und Verantwortung bedeutsam sein, weil die Folgen menschlichen Handelns nicht allein davon abhängen, wie Menschen sie interpretieren. Eine Person kann beispielsweise versuchen, die Folgen ihres Handelns zu verdrängen. Dadurch verschwinden diese Folgen jedoch nicht.
Gabriel verbindet seine realistische Position mit der Kritik an der Vorstellung, Menschen könnten ihre Verantwortung vollständig an äußere Ursachen abgeben. Wenn jede Handlung ausschließlich mit Gehirn, Genen, Natur oder Evolution erklärt würde, könnte der Eindruck entstehen, persönliche Freiheit und Verantwortung seien bedeutungslos. Gabriel wendet sich gegen eine solche vorschnelle Schlussfolgerung.
Für Fragen der Verantwortung ist deshalb wichtig, sowohl die tatsächlichen Bedingungen menschlichen Handelns als auch die Fähigkeit des Menschen zur Entscheidung und Reflexion zu untersuchen. Im Religionsunterricht lässt sich daran die Frage anschließen, was es bedeutet, einen Menschen als freies und verantwortliches Wesen zu verstehen.