Der Text eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders zur Behandlung der Themen Wirklichkeit, Wahrheit, Wahrnehmung, Erkenntnis und unterschiedliche Weltdeutungen. Er ermöglicht einen anschaulichen Einstieg in die philosophische Frage, ob Menschen die Wirklichkeit lediglich interpretieren oder ob eine von ihnen unabhängige Realität existiert. Diese Fragestellung ist für den Religionsunterricht von Bedeutung, da Lernende dort mit unterschiedlichen religiösen, philosophischen, alltäglichen und naturwissenschaftlichen Wirklichkeitsdeutungen konfrontiert werden. Ferraris bietet eine Position, anhand derer untersucht werden kann, welche Grenzen menschliche Deutungen besitzen.
Das Pantoffelexperiment eignet sich aufgrund seines alltäglichen Gegenstandes besonders für einen handlungsorientierten Unterrichtseinstieg. Ein Pantoffel oder ein vergleichbarer Gegenstand kann im Klassenraum auf den Boden gelegt werden. Die Lernenden erhalten zunächst die Aufgabe zu beschreiben, was sie sehen und was sie über den Gegenstand wissen. Anschließend kann die Frage gestellt werden, ob der Gegenstand auch dann vorhanden wäre, wenn niemand im Raum ihn wahrnehmen würde. Daraus lässt sich die Leitfrage entwickeln, ob Wirklichkeit von unserer Wahrnehmung und Interpretation abhängt.
In einer ersten Phase der Texterschließung sollten die Lernenden die fünf Stationen des Experiments untersuchen. Dabei kann herausgearbeitet werden, was jeweils geschieht, wenn ein Mensch, ein Hund, ein Wurm, ein Efeu und schließlich ein anderer Pantoffel auf den Gegenstand treffen. Die Lernenden können feststellen, dass die Möglichkeiten der Wahrnehmung und Verarbeitung immer weiter abnehmen. Der Mensch kann den Pantoffel sehen, berühren, sprachlich benennen und über ihn nachdenken. Der Hund kann ihn wahrnehmen und auf einen Befehl reagieren. Der Wurm verfügt über wesentlich geringere Wahrnehmungsmöglichkeiten. Der Efeu besitzt kein Bewusstsein im menschlichen Sinne. Der Pantoffel selbst nimmt überhaupt nichts wahr. Dennoch bleibt in allen Fällen eine reale Beziehung zwischen den Gegenständen bestehen.
Für das Verständnis der Argumentation ist es hilfreich, die Abfolge der Beispiele zu visualisieren. Die Lernenden können die fünf Stationen Mensch / Hund / Wurm / Efeu / Pantoffel notieren und jeweils ergänzen, welche Wahrnehmungsfähigkeiten vorhanden sind und auf welche Weise eine Begegnung mit dem Pantoffel stattfindet. Dadurch wird die argumentative Steigerung sichtbar. Je geringer Wahrnehmung, Sprache und Bewusstsein werden, desto deutlicher soll nach Ferraris werden, dass die Existenz des Gegenstandes von diesen Fähigkeiten unabhängig ist.
Anschließend sollte der Gegensatz zwischen Realismus und Konstruktivismus altersgerecht erarbeitet werden. Vereinfacht kann der Realismus zunächst mit der These verbunden werden, dass eine Wirklichkeit unabhängig von unserer Wahrnehmung und unseren Vorstellungen existiert. Der Konstruktivismus kann demgegenüber als Position eingeführt werden, die die Bedeutung menschlicher Wahrnehmungsweisen, Begriffe und Deutungen für unser Verständnis von Wirklichkeit hervorhebt. Dabei sollte darauf geachtet werden, konstruktivistische Ansätze nicht verkürzt als Behauptung darzustellen, dass es überhaupt keine äußere Wirklichkeit gebe. Ferraris richtet seine Kritik gegen Auffassungen, die seiner Ansicht nach den Anteil menschlicher Interpretation an der Wirklichkeit zu stark gewichten.
Besonders ergiebig ist die Unterscheidung zwischen Tatsachen und Bewertungen. Ferraris selbst deutet diese Differenz an, wenn er zwischen der Frage, ob der Pantoffel auf dem Teppich liegt, und der Frage unterscheidet, ob etwas legitim ist. Ob sich ein Pantoffel an einer bestimmten Stelle befindet, kann durch Beobachtung und Berührung überprüft werden. Die Frage, ob eine Handlung gerecht oder ungerecht, richtig oder falsch ist, verlangt dagegen Argumente, Wertmaßstäbe und Diskussionen. Die Lernenden können weitere Beispiele sammeln und untersuchen, welche Aussagen sich unmittelbar an der Wirklichkeit überprüfen lassen und welche eine Interpretation oder Bewertung erfordern.
Hier bietet sich ein unmittelbarer Bezug zum Religionsunterricht an. Aussagen wie „In diesem Raum befindet sich ein Kreuz“ sind zunächst Aussagen über einen wahrnehmbaren Gegenstand. Die Frage, was dieses Kreuz bedeutet, führt dagegen zu religiösen, historischen und persönlichen Deutungen. Für christliche Gläubige kann es ein Zeichen für Jesus Christus, Erlösung, Leiden oder Hoffnung sein. Eine andere Person kann darin zunächst einen kulturellen oder historischen Gegenstand sehen. Die materielle Existenz des Gegenstandes und seine Bedeutung sollten deshalb zunächst voneinander unterschieden werden.
Ein weiterer methodischer Zugang besteht darin, die Lernenden selbst Varianten des Pantoffelexperiments entwickeln zu lassen. Sie können beispielsweise einen Stein, einen Baum, ein Smartphone oder ein Kirchengebäude auswählen und untersuchen, wie Menschen, Tiere und unbelebte Gegenstände darauf reagieren können. Anschließend wird geprüft, ob die neuen Beispiele Ferraris’ Argument stützen oder ob sich Schwierigkeiten ergeben. Dadurch wechseln die Lernenden von der bloßen Wiedergabe zur Anwendung und Prüfung eines philosophischen Arguments.
Für eine Vertiefung bietet sich die Gegenposition an. Die Lernenden können überlegen, was ein Vertreter des Konstruktivismus Ferraris entgegenhalten könnte. Ein möglicher Einwand besteht darin, zwischen der Existenz eines Gegenstandes und unserem Wissen über diesen Gegenstand zu unterscheiden. Selbst wenn der Pantoffel unabhängig vom Menschen existiert, könnte argumentiert werden, dass jede menschliche Beschreibung des Pantoffels durch Sprache, Vorwissen, Perspektive und Begriffe beeinflusst wird. Damit können die Lernenden erkennen, dass die Frage nach einer unabhängigen Wirklichkeit und die Frage nach unserem Zugang zu dieser Wirklichkeit nicht identisch sind.
Für leistungsstärkere Lernenden eignet sich ein Vergleich mit der Sinnfeldontologie von Markus Gabriel. Während Ferraris mit seinem Experiment die Widerständigkeit und Unabhängigkeit der Wirklichkeit gegenüber unseren Interpretationen betont, kann bei Gabriel untersucht werden, wie Gegenstände in unterschiedlichen Sinnfeldern erscheinen. Die Lernenden können prüfen, ob sich beide Positionen tatsächlich widersprechen oder ob sie unterschiedliche Aspekte des Verhältnisses von Gegenstand, Wahrnehmung und Wirklichkeit hervorheben.
Im Religionsunterricht kann abschließend die Frage aufgegriffen werden, welche Konsequenzen Ferraris’ Position für religiöse Wahrheitsansprüche haben könnte. Dabei ist eine wichtige Grenze herauszuarbeiten: Aus der Tatsache, dass eine vom Menschen unabhängige Wirklichkeit existiert, folgt noch nicht die Wahrheit einer bestimmten religiösen Aussage. Ferraris’ Argument kann jedoch dazu beitragen, die grundsätzliche Frage zu stellen, ob Wirklichkeit vollständig von menschlichen Vorstellungen und Deutungen abhängig ist. Dies kann als Ausgangspunkt für eine differenzierte Beschäftigung mit religiöser Erfahrung, Gottesvorstellungen und dem Verhältnis von Glaube, Vernunft und Wirklichkeit dienen.
Methodisch bietet sich insgesamt eine Kombination aus Gedankenexperiment, konkreter Anschauung, Einzelarbeit, Partnerarbeit, Gruppenarbeit und philosophischem Unterrichtsgespräch an. Zur Ergebnissicherung können die Lernenden Ferraris’ Argumentationsgang in eigenen Worten formulieren und anschließend einen begründeten Einwand entwickeln. Dadurch werden Textverständnis, Argumentationskompetenz, Perspektivwechsel, Transferfähigkeit und Urteilsbildung miteinander verbunden.
Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Lösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator „Beschreiben“
Beschreiben Sie den Ablauf des von Ferraris dargestellten Experiments mit dem Pantoffel.
Mögliche Antwort: Ferraris untersucht in seinem Gedankenexperiment nacheinander, wie ein Mensch, ein Hund, ein Wurm, ein Efeu und schließlich ein Pantoffel mit einem auf einem Teppich liegenden Pantoffel in Beziehung treten. Ein Mensch kann den Pantoffel sehen, sprachlich benennen und einer anderen Person bringen. Auch ein Hund kann den Pantoffel wahrnehmen und nach entsprechender Dressur auf einen Befehl hin bringen. Ein Wurm kann den Pantoffel nicht auf menschliche Weise erkennen, trifft beim Kriechen aber auf ihn und muss ihn umgehen oder über ihn hinwegkriechen. Auch ein Efeu besitzt keine menschliche Wahrnehmung und kann dennoch auf Hindernisse seiner Umgebung reagieren. Schließlich treffen auch zwei Pantoffel als materielle Gegenstände aufeinander. Ferraris verringert damit schrittweise die Bedeutung von Bewusstsein, Sprache und Wahrnehmung.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich II, Operator „Erläutern“
Erläutern Sie mithilfe des Pantoffelexperiments die Auffassung von Wirklichkeit, die Ferraris vertritt.
Mögliche Antwort: Ferraris möchte zeigen, dass die Wirklichkeit nicht erst dadurch entsteht, dass Menschen sie wahrnehmen, sprachlich beschreiben oder interpretieren. Der Pantoffel befindet sich auf dem Teppich unabhängig davon, wer oder was auf ihn trifft. Menschen, Hunde, Würmer und Pflanzen verfügen über sehr unterschiedliche Wahrnehmungsmöglichkeiten. Trotzdem können sie auf denselben Gegenstand treffen. Selbst zwei unbelebte Gegenstände können miteinander in Berührung kommen. Daraus folgert Ferraris, dass Gegenstände eine vom menschlichen Bewusstsein unabhängige Wirklichkeit besitzen. Menschliche Wahrnehmungen und Interpretationen können unterschiedlich sein, aber die Wirklichkeit setzt diesen Interpretationen Grenzen.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator „Analysieren“
Analysieren Sie, welche Funktion die Abfolge Mensch, Hund, Wurm, Efeu und Pantoffel für Ferraris’ Argumentation besitzt.
Mögliche Antwort: Die Abfolge besitzt die Funktion einer schrittweisen Zuspitzung. Beim Menschen sind Wahrnehmung, Sprache, Begriffe und bewusstes Denken vorhanden. Beim Hund sind die sprachlichen und gedanklichen Möglichkeiten bereits deutlich anders. Der Wurm besitzt nur sehr begrenzte Wahrnehmungsfähigkeiten. Beim Efeu fehlen menschliche Formen von Bewusstsein und Wahrnehmung vollständig. Der Pantoffel besitzt schließlich überhaupt kein Bewusstsein.
Trotz dieser immer größer werdenden Unterschiede bleibt die materielle Begegnung mit dem Pantoffel möglich. Ferraris möchte dadurch zeigen, dass die Wirklichkeit eines Gegenstandes nicht von den geistigen Fähigkeiten desjenigen abhängt, der ihm begegnet. Je weniger Bewusstsein und Interpretation eine Rolle spielen, desto deutlicher soll sein Argument werden, dass der Pantoffel unabhängig von menschlichen Begriffen existiert.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator „Erklären“
Erklären Sie, weshalb Ferraris zwischen der Frage nach dem Vorhandensein des Pantoffels und der Frage nach der Legitimität einer Handlung unterscheidet.
Mögliche Antwort: Ferraris möchte verdeutlichen, dass nicht alle Fragen auf dieselbe Weise beantwortet werden. Ob sich ein Pantoffel auf einem Teppich befindet, lässt sich durch Wahrnehmung überprüfen. Man kann hinschauen oder den Pantoffel berühren. Eine Diskussion verändert zunächst nichts an der materiellen Tatsache, dass der Gegenstand vorhanden ist.
Bei der Frage, ob eine Handlung legitim, gerecht oder moralisch richtig ist, reicht das bloße Hinsehen dagegen nicht aus. Hier müssen Argumente, Werte, Regeln und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt werden. Ferraris unterscheidet somit zwischen Tatsachen über die materielle Wirklichkeit und Fragen, bei denen menschliche Bewertungen und Interpretationen eine wichtige Rolle spielen.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator „Vergleichen“
Vergleichen Sie eine realistische und eine konstruktivistische Auffassung von Wirklichkeit. Beziehen Sie das Pantoffelexperiment in Ihren Vergleich ein.
Mögliche Antwort: Eine realistische Position geht grundsätzlich davon aus, dass eine Wirklichkeit unabhängig von unserer Wahrnehmung und unseren Vorstellungen existiert. Der Pantoffel liegt nach dieser Auffassung auf dem Teppich, unabhängig davon, ob ein Mensch ihn sieht, ein Hund ihn wahrnimmt oder überhaupt jemand über ihn nachdenkt. Ferraris vertritt mit seinem Experiment eine solche realistische Grundposition.
Konstruktivistische Ansätze betonen dagegen stärker, dass menschliche Erkenntnis durch Wahrnehmung, Sprache, Vorwissen und Begriffe geprägt wird. Daraus muss jedoch nicht zwingend folgen, dass keine unabhängige Außenwelt existiert. Vielmehr kann betont werden, dass unser Wissen über diese Außenwelt immer durch bestimmte menschliche Voraussetzungen geprägt ist.
Der entscheidende Unterschied liegt somit darin, welchen Stellenwert die vom Menschen unabhängige Wirklichkeit und welchen Stellenwert menschliche Konstruktionen für unsere Erkenntnis erhalten.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II, Operator „Anwenden“
Wenden Sie Ferraris’ Argumentation auf einen Stein an, der auf einem Waldweg liegt.
Mögliche Antwort: Ein Mensch kann den Stein sehen, ihn als Stein erkennen und ihm ausweichen. Ein Tier kann auf den Stein treffen, ohne denselben Begriff von einem Stein zu besitzen wie ein Mensch. Eine Pflanze kann beim Wachstum auf den Stein treffen und ihre Wachstumsrichtung verändern. Auch ein rollender Gegenstand kann vom Stein aufgehalten oder abgelenkt werden, obwohl keiner der beiden Gegenstände über Bewusstsein verfügt.
Das Beispiel unterstützt Ferraris’ Argumentation, weil der Stein unabhängig davon Wirkungen entfaltet, ob er bewusst wahrgenommen oder sprachlich als Stein bezeichnet wird. Seine materielle Existenz hängt somit nicht davon ab, dass ein Mensch ihn interpretiert.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator „Beurteilen“
Beurteilen Sie die Aussage: „Jeder Mensch konstruiert seine eigene Wirklichkeit. Deshalb gibt es keine vom Menschen unabhängigen Tatsachen.“ Beziehen Sie Ferraris’ Position ein.
Mögliche Antwort: Die Aussage muss differenziert betrachtet werden. Es ist plausibel, dass Menschen Situationen unterschiedlich wahrnehmen und interpretieren. Persönliche Erfahrungen, Sprache, Erwartungen und kulturelle Voraussetzungen können beeinflussen, welche Bedeutung Menschen einem Ereignis oder Gegenstand geben.
Daraus folgt jedoch nicht zwingend, dass es überhaupt keine vom Menschen unabhängigen Tatsachen gibt. Ferraris’ Pantoffelexperiment soll genau diese Schlussfolgerung zurückweisen. Der Pantoffel stellt ein Hindernis dar, unabhängig davon, ob ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze oder ein unbelebter Gegenstand auf ihn trifft. Die Interpretation des Gegenstandes kann unterschiedlich sein, seine materiellen Eigenschaften sind jedoch nicht beliebig veränderbar.
Deshalb sollte zwischen einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit und unterschiedlichen menschlichen Deutungen dieser Wirklichkeit unterschieden werden. Dass Menschen Wirklichkeit interpretieren, bedeutet nicht automatisch, dass sie jede Wirklichkeit selbst hervorbringen.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie die Aussage: „Was wirklich ist, hängt davon ab, wie wir es wahrnehmen und deuten.“ Beziehen Sie Ferraris’ Position sowie ein eigenes Beispiel ein.
Mögliche Antwort: Für die Aussage spricht, dass Menschen Gegenstände und Ereignisse tatsächlich unterschiedlich wahrnehmen und deuten können. Ein altes Kirchengebäude kann beispielsweise für eine gläubige Person ein heiliger Ort sein, für eine kunstgeschichtlich interessierte Person ein bedeutendes Bauwerk und für einen Touristen eine Sehenswürdigkeit. Die Bedeutung, die der Kirche zugeschrieben wird, hängt somit teilweise von der jeweiligen Perspektive ab.
Ferraris würde jedoch darauf hinweisen, dass daraus nicht folgt, dass die Kirche als materielles Gebäude nur aufgrund dieser Wahrnehmungen existiert. Ihre Mauern stellen auch dann ein Hindernis dar, wenn niemand sie als religiös oder kulturell bedeutsam interpretiert. Die materielle Wirklichkeit setzt den möglichen Deutungen Grenzen.
Deshalb ist es sinnvoll, zwischen der Existenz eines Gegenstandes und seiner Bedeutung für Menschen zu unterscheiden. Wahrnehmungen und Deutungen können unterschiedlich sein, ohne dass deshalb die gesamte Wirklichkeit von diesen Deutungen abhängig sein muss.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator „Stellung nehmen“
Nehmen Sie begründet zu der Aussage Stellung: „Über Tatsachen muss man nicht diskutieren, über ihre Bedeutung aber schon.“
Mögliche Antwort: Die Aussage macht zunächst auf eine wichtige Unterscheidung aufmerksam. Bestimmte Tatsachen können durch Beobachtung oder andere geeignete Verfahren überprüft werden. Ob ein Pantoffel auf einem Teppich liegt, lässt sich beispielsweise feststellen. Darüber hinaus kann aber diskutiert werden, wem der Pantoffel gehört, weshalb er dort liegt oder welche Bedeutung er für eine Person besitzt.
Allerdings können auch Tatsachen Gegenstand von Diskussionen werden, wenn unklar ist, welche Beobachtungen zuverlässig sind oder wie bestimmte Informationen ausgewertet werden müssen. Besonders bei komplexen Sachverhalten kann die Feststellung von Tatsachen selbst eine sorgfältige Untersuchung erfordern.
Ferraris’ grundlegende Unterscheidung bleibt dennoch hilfreich. Die Wirklichkeit ist nicht beliebig von unseren Meinungen abhängig. Gleichzeitig können Menschen denselben Sachverhalt unterschiedlich bewerten und ihm unterschiedliche Bedeutungen geben. Deshalb sollten die Feststellung eines Sachverhalts und seine anschließende Interpretation oder Bewertung voneinander unterschieden werden.
Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“
Erörtern Sie, welche Bedeutung Ferraris’ Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Interpretation für religiöse Aussagen haben kann.
Mögliche Antwort: Ferraris’ Position kann für religiöse Fragestellungen zunächst verdeutlichen, dass zwischen der Existenz eines Gegenstandes und seiner Deutung unterschieden werden sollte. Ein Kreuz kann beispielsweise als materieller Gegenstand vorhanden sein. Seine religiöse Bedeutung ergibt sich jedoch nicht allein aus seinen materiellen Eigenschaften. Für christliche Gläubige kann es auf Jesus Christus, Tod, Auferstehung, Erlösung oder Hoffnung verweisen. Andere Menschen können denselben Gegenstand anders deuten.
Daraus folgt jedoch weder, dass religiöse Aussagen automatisch wahr sind, noch dass sie lediglich beliebige menschliche Konstruktionen darstellen. Ferraris’ Argument allein entscheidet beispielsweise nicht die Frage, ob Gott existiert. Das Pantoffelexperiment betrifft zunächst die Annahme einer vom menschlichen Denken unabhängigen Wirklichkeit.
Für den Religionsunterricht ist die Unterscheidung dennoch hilfreich, weil sie dazu auffordert, verschiedene Ebenen einer Aussage genau zu bestimmen. Es kann gefragt werden, welche Tatsachen überprüfbar sind, welche Deutungen vorgenommen werden und mit welchen Argumenten ein Wahrheitsanspruch begründet wird. Dadurch kann das Verhältnis von Wirklichkeit, religiöser Deutung und Wahrheit differenziert untersucht werden.