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Christoph Thoma

Christoph Thoma

Hannah Arendt - Hörkollagen

Veröffentlichung:1.1.2022

Die Unterrichtsstunde „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ mit zwei Seiten von Hannah Arendt thematisiert den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem und setzt sich mit der Frage nach Schuld, Verantwortung und dem Wesen des Bösen auseinander. Im Mittelpunkt steht Arendts Analyse von Eichmann als scheinbar gewöhnlichem Menschen, der nicht aus fanatischem Hass, sondern aus Gedankenlosigkeit und blindem Gehorsam heraus gehandelt habe. Das Material beschreibt die historische Rolle Eichmanns innerhalb des nationalsozialistischen Systems sowie zentrale Aussagen aus dem Gerichtsprozess. Besonders hervorgehoben wird Arendts Begriff von der „Banalität des Bösen“, wonach großes Unrecht auch durch Menschen entstehen kann, die ihre eigenen Handlungen nicht kritisch reflektieren. Ergänzend enthält das Medium Aufgabenstellungen zur historischen Einordnung, ethischen Reflexion und theologischen Auseinandersetzung.

Das Medium „Hannah Arendt. Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ behandelt die Rolle Adolf Eichmanns bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden sowie seine Rechtfertigung während des Gerichtsverfahrens in Jerusalem. Ein einleitender Abschnitt beschreibt Eichmanns Tätigkeit im Sicherheitsdienst, seine Mitwirkung an der Vertreibung jüdischer Menschen und seine Verantwortung für die Organisation von Transporten in Ghettos und Konzentrationslager. Der Auszug aus Hannah Arendts Werk zeigt, dass Eichmann die unmittelbare Tötung von Menschen bestritt und sein Handeln als Gehorsam gegenüber damals geltenden Befehlen und Gesetzen darstellte. Er bezeichnete sich als gesetzestreuen Bürger und behauptete, lediglich an der Organisation der Vernichtung mitgewirkt zu haben. Arendt macht an seinem Beispiel sichtbar, wie Gedankenlosigkeit, Realitätsferne, bürokratischer Gehorsam und fehlende persönliche Verantwortungsübernahme zu schwersten Verbrechen beitragen können. Die Formel von der Banalität des Bösen bedeutet dabei nicht, dass die Verbrechen geringfügig oder gewöhnlich gewesen seien. Sie beschreibt vielmehr die erschreckende Möglichkeit, dass ungeheures Unrecht von Menschen begangen werden kann, die ihr Handeln nicht kritisch prüfen und sich hinter Regeln, Befehlen und dienstlichen Aufgaben verbergen. Die Aufgaben des Materialblatts führen von der Wiedergabe des historischen Hintergrundes über die Erklärung von Arendts Begriff bis zur Auseinandersetzung mit Matthäus 6,19 bis 21 und zur Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei.

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Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe zwei. Es kann in Unterrichtsreihen zu Schuld, Gewissen, Verantwortung, Gehorsam, Freiheit, Menschenwürde, Antisemitismus, Nationalsozialismus, dem Bösen und christlicher Ethik eingesetzt werden. Das Material ermöglicht eine Verbindung von historischer Bildung, philosophischer Reflexion, theologischer Anthropologie und ethischer Urteilsbildung. Aufgrund des Themas der Schoah ist eine sorgfältige, sachliche und sensible Unterrichtsgestaltung unverzichtbar.

Vor der Arbeit mit dem Text sollten die historischen Grundlagen gesichert werden. Die Lernenden benötigen Kenntnisse über die nationalsozialistische Herrschaft, die Ausgrenzung und Entrechtung jüdischer Menschen, die Ghettos, die Konzentrationslager, die Vernichtungslager und den staatlich organisierten Massenmord. Eichmanns Rolle sollte präzise eingeordnet werden. Er war nicht lediglich ein unbedeutender Verwaltungsangestellter, sondern trug Verantwortung für die Organisation von Deportationen, die für viele Menschen unmittelbar in Verfolgung, Zwangsarbeit und Tod führten.

Als Einstieg kann die Frage verwendet werden, wann ein Mensch für die Folgen seines Handelns verantwortlich ist. Die Lernenden beurteilen zunächst erfundene Alltagssituationen, in denen Personen einen Befehl ausführen, eine Aufgabe weitergeben, nicht nachfragen oder sich auf eine Vorschrift berufen. Danach werden die Situationen schrittweise nach Macht, Wissen, Entscheidungsfreiheit und Folgen geordnet. Der Einstieg darf nicht zu einem unmittelbaren Vergleich gewöhnlicher Alltagssituationen mit der Schoah führen. Er dient ausschließlich dazu, Kategorien ethischer Verantwortung zu entwickeln.

Eine weitere Einstiegsmöglichkeit besteht in der Gegenüberstellung von Aussagen wie „Ich habe nur meine Pflicht getan“, „Ich habe niemanden persönlich getötet“, „Ich war an die Gesetze gebunden“ und „Jeder Mensch ist für die Folgen seines Handelns verantwortlich“. Die Lernenden markieren Zustimmung, Ablehnung oder Unsicherheit und begründen ihre Einschätzung. Nach der Textarbeit können sie ihre Urteile erneut prüfen.

Vor der Lektüre sollten zentrale Begriffe wie Schuld, Verantwortung, Gehorsam, Befehl, Gewissen, Legalität, Legitimität und Beihilfe geklärt werden. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen legal und moralisch richtig. Ein Gesetz kann innerhalb eines Staates gelten und dennoch grundlegende Menschenrechte verletzen. Die Lernenden sollen erkennen, dass die Berufung auf geltendes Recht nicht automatisch von moralischer und strafrechtlicher Verantwortung entlastet.

Der Text kann in Sinnabschnitte gegliedert werden. Die Lernenden markieren Aussagen über Eichmanns Tätigkeit, seine Selbstrechtfertigung, seine Haltung zum Gehorsam und seine Aussagen zur eigenen Schuld. Anschließend formulieren sie zu jedem Abschnitt eine Überschrift. Eine Tabelle mit den Kategorien Aussage Eichmanns, mögliche Absicht, kritische Rückfrage und ethische Bewertung kann die Analyse strukturieren.

Der Begriff der Banalität des Bösen muss sorgfältig erschlossen werden. Lernende könnten den Ausdruck zunächst so verstehen, als habe Arendt die nationalsozialistischen Verbrechen verharmlost. Deshalb sollte ausdrücklich geklärt werden, dass banal hier nicht harmlos, unbedeutend oder alltäglich meint. Arendt richtet den Blick auf eine Form des Bösen, die nicht zwingend aus auffälliger Grausamkeit hervorgeht, sondern auch durch gedankenloses Mitmachen, Anpassung, Verwaltungssprache und die Weigerung zur persönlichen Urteilsbildung entstehen kann.

Methodisch kann ein Begriffsnetz zur Banalität des Bösen erstellt werden. Im Zentrum steht Arendts Ausdruck. Darum werden Gedankenlosigkeit, Realitätsferne, Sprachlosigkeit, Gehorsam, Bürokratie, Verantwortung, Gewissen und Urteilskraft angeordnet. Die Lernenden erklären die Verbindungen zwischen den Begriffen anhand von Textstellen. Auf diese Weise wird verhindert, dass der Begriff auf eine einzelne Definition reduziert wird.

Eine Quellenkritik sollte berücksichtigen, dass das Material nur einen kurzen Ausschnitt aus Arendts umfangreichem Bericht bietet. Die Lernenden können untersuchen, welche Informationen über Eichmann enthalten sind, welche Perspektive Arendt einnimmt und welche Fragen der Ausschnitt offenlässt. Ergänzend können kurze historische Quellen, Auszüge aus dem Urteil oder fachwissenschaftliche Einordnungen verwendet werden. Dabei sollte zwischen Eichmanns eigener Darstellung und historisch belegbaren Tatsachen unterschieden werden.

Eine strukturierte Gerichtsdebatte kann der ethischen Vertiefung dienen. Lernende übernehmen dabei keine Rolle Eichmanns und spielen die Verbrechen nicht nach. Stattdessen untersuchen Arbeitsgruppen verschiedene Rechtfertigungsmuster wie Befehl, Gesetz, persönliche Distanz zur Tötung, institutionelle Pflicht und angeblich fehlende Handlungsmöglichkeiten. Jede Gruppe prüft, ob das jeweilige Argument Verantwortung mindert oder aufhebt. Die Ergebnisse werden anhand der Kriterien Wissen, Absicht, Mitwirkung, Entscheidungsraum und Folgen beurteilt.

Das Milgram Experiment kann ergänzend behandelt werden, sofern es historisch und ethisch eingeordnet wird. Die Lernenden vergleichen die Bereitschaft zum Gehorsam in einer Versuchssituation mit der Verantwortung in einem verbrecherischen Herrschaftssystem. Dabei muss deutlich bleiben, dass ein psychologisches Experiment die Täterschaft im Nationalsozialismus weder vollständig erklärt noch entschuldigt. Antisemitische Ideologie, persönliche Interessen, institutionelle Macht und aktive Mitwirkung müssen ebenfalls berücksichtigt werden.

Die Verbindung mit Matthäus 6,19 bis 21 benötigt eine erklärende Hinführung. Der biblische Text fragt danach, woran Menschen ihr Herz binden und welche Werte ihr Handeln bestimmen. Lernende können untersuchen, ob Karriere, Anerkennung, Sicherheit, Macht oder institutioneller Gehorsam wichtiger werden können als Mitmenschlichkeit und Gewissen. Die Bibelstelle sollte jedoch nicht so verwendet werden, als erkläre materieller Besitz unmittelbar nationalsozialistische Verbrechen. Sinnvoller ist die Frage, welche inneren Bindungen moralische Wahrnehmung fördern oder behindern.

Weitere biblische Bezüge bieten die Erzählung von Kain und Abel, die prophetische Kritik an Unrecht, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und die Aussage aus Apostelgeschichte 5,29, dass man Gott mehr gehorchen müsse als Menschen. Die Lernenden vergleichen verschiedene Formen von Verantwortung, Schuld, Wegsehen, Hilfe und Widerstand. Dabei kann herausgearbeitet werden, dass biblische Ethik den Menschen nicht als bloßen Befehlsempfänger versteht, sondern ihm Urteilskraft und Verantwortung zuschreibt.

Die abschließende Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei, sollte begrifflich vorbereitet werden. Die Lernenden sammeln anthropologische Positionen und prüfen deren Voraussetzungen. Aus christlicher Perspektive kann der Mensch zugleich als Ebenbild Gottes, als freies und verantwortliches Wesen sowie als fehlbarer und schuldfähiger Mensch verstanden werden. Eine differenzierte Antwort vermeidet die Behauptung, einzelne Menschen seien ihrem Wesen nach vollständig böse, und fragt stattdessen nach Entscheidungen, Strukturen und Bedingungen, unter denen Menschen Unrecht tun oder ihm widerstehen.

Als produktive Aufgabe können die Lernenden einen kurzen philosophischen Kommentar zu der Frage verfassen, warum Denken eine ethische Tätigkeit sein kann. Sie beziehen sich dabei auf Arendt und erläutern, wie kritisches Nachdenken, Perspektivwechsel und Gewissensbildung verantwortliches Handeln fördern. Eine andere Möglichkeit ist die Entwicklung eines Kriterienkatalogs für verantwortlichen Gehorsam. Darin wird festgehalten, wann Anweisungen geprüft, abgelehnt oder öffentlich kritisiert werden müssen.

Das Thema erfordert klare Schutzregeln. Antisemitische Aussagen dürfen nicht als gleichberechtigte Diskussionsposition behandelt werden. Die Würde der Opfer und die historische Tatsache der Schoah stehen nicht zur Debatte. Persönliche oder familiäre Bezüge müssen nicht offengelegt werden. Auf schockierende Bilder, künstliche Betroffenheitsübungen und nachgestellte Opfersituationen sollte verzichtet werden. Eine sachliche Sprache, historische Genauigkeit und die Orientierung an den Erfahrungen der Verfolgten bewahren die notwendige Ernsthaftigkeit.

Zur Ergebnissicherung formulieren die Lernenden eine Antwort auf die Leitfrage, wie gewöhnliches berufliches Handeln zu außergewöhnlichem Unrecht beitragen kann. Dabei sollen sie mindestens drei Begriffe aus der Textarbeit verwenden. Eine tragfähige Erkenntnis besteht darin, dass persönliche Verantwortung nicht dort endet, wo Befehle, Gesetze oder institutionelle Abläufe beginnen. Moralische Urteilskraft verlangt, die Folgen des eigenen Handelns wahrzunehmen, die Perspektive betroffener Menschen einzubeziehen und verbrecherischen Anweisungen zu widersprechen.


Die Unterrichtsstunde eignet sich besonders für den Religionsunterricht in der Oberstufe im Rahmen der Themen Ethik, Schuld, Verantwortung, Nationalsozialismus und Menschenbild. Didaktisch eröffnet der Text einen vertieften Zugang zur Frage nach persönlicher Verantwortung innerhalb gesellschaftlicher und politischer Systeme. Lernende können erkennen, dass Unrecht nicht nur durch einzelne „böse“ Menschen entsteht, sondern auch durch Gedankenlosigkeit, Anpassung und fehlende moralische Reflexion. Methodisch bietet sich zunächst eine arbeitsteilige Texterschließung an, bei der unterschiedliche Abschnitte des Materials analysiert und anschließend gemeinsam zusammengeführt werden. Ebenso sinnvoll ist eine Verbindung mit biblischen Texten zur Frage von Schuld und Gewissen, etwa mit der Bergpredigt oder Gleichnissen zur Verantwortung des Menschen. In Diskussionen und Schreibaufgaben können Lernende eigene Positionen zur Frage entwickeln, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei. Auch ein Vergleich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen wie Mitläufertum, Ausgrenzung oder Verantwortung in sozialen Medien ermöglicht eine hohe Lebensweltorientierung. Besonders geeignet ist das Medium zudem für einen fächerübergreifenden Unterricht mit Geschichte oder Philosophie. Zur Vertiefung können Filmausschnitte, Zeitzeugenberichte oder biografische Materialien ergänzend eingesetzt werden. Durch die anspruchsvolle Sprache empfiehlt sich eine intensive sprachliche Begleitung und eine gemeinsame Sicherung zentraler Begriffe und Gedanken.

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10.2 Dem Zeitgeist widerstehen: Kirche und Diktatur.

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