Der Text entfaltet zunächst eine Sprach- und Erfahrungsebene: Leidenschaftliche Liebe entzieht sich „erklärender“ Sprache; sie überschreitet Grenzen des Sagbaren und findet eher in Poesie, Bildern und Musik Ausdruck. Diese Grundbeobachtung öffnet den Unterricht für die Frage, wie Menschen sich selbst und andere in Liebesbeziehungen verstehen: als messbare Summe von Eigenschaften – oder als unverfügbare, nicht austauschbare Person.
Als didaktischer Anker dient der Roman „Das Rosie-Projekt“: Don Tillmann, naturwissenschaftlich geprägt, versucht Partnerwahl als „Projekt“ mit einem 16-seitigen Fragebogen zu rationalisieren. Genau daran kann die Lerngruppe ein utilitaristisches bzw. funktionalistisches Menschenbild herausarbeiten: Auswahl nach Kriterien macht Menschen vergleichbar, ersetzbar, bewertbar – und rückt sie in die Nähe eines Objekts. Der Text nutzt diese Irritation bewusst, weil sie einen plausiblen Zugang zu den Themen Würde, Respekt, Anerkennung, Person und Beziehung schafft.
Darauf aufbauend führt der Artikel in den Grundbegriff Person-Sein als Kern christlicher Anthropologie ein. Zwei biblische Bezugspunkte strukturieren den Zugang:
Gen 1,27 (Ebenbildlichkeit): Person-Sein ist nicht verdient, sondern geschenkt; Würde ist bedingungslos und nicht an Leistung, Nützlichkeit oder Passung gebunden.
Gen 2,18 (Nicht allein sein): Person-Sein vollzieht sich erfahrbar in Beziehung (Ich-Du). Besonders in der erotischen Liebesbeziehung kann die Erfahrung entstehen, „gemeint“ und „gesehen“ zu sein – nicht austauschbar, sondern unverwechselbar.
Methodisch arbeitet der Beitrag mit einer klaren Dramaturgie, die für die Oberstufe sehr tragfähig ist:
Irritationsimpuls und Diskursstart: Der Satz „Ich denke, ich habe eine Lösung für das Ehefrauen-Problem gefunden“ wird sichtbar gemacht. Spontanreaktionen aktivieren Wertefragen (Frauenbild, Abwertung, Objektivierung).
Textarbeit am Romanausschnitt (M 1): Gedankenexperiment („Würdest du den Fragebogen ausfüllen?“) plus Analyse von Dons Haltung und seinem Menschenbild. Das ermöglicht eine präzise Begriffsarbeit zu Objekt/Person, Nutzen/Anerkennung, Austauschbarkeit/Einmaligkeit.
Collage als Deutungsraum (M 2): Unterschiedliche Stimmen (z. B. Don Juan als radikale Objektivierung, Infinity als Sprache der Einmaligkeit, ein Sachtext als „Kosten-Nutzen-Analyse“, Hohelied als poetische Würdigung, Klimts Kuss als Bild der Transzendenz) schaffen Vergleichsfolie für anthropologische Entwürfe. Die Collage eignet sich gut für arbeitsteilige Gruppenphasen, Deutungs- und Streitgespräche sowie Kriterienbildung („Woran erkenne ich ein Menschenbild?“).
Sachtext Person-Sein (M 3) als theologische Klärung: Das christliche Personverständnis wird als Gegenhorizont eingebracht und mit den Collage-Positionen rückgekoppelt.
Produktorientierter Abschluss: Eine kreative Fortsetzung des Romans (oder Szenenschreiben/innerer Monolog) zwingt zu einer reflektierten Entscheidung: Bleibt Don im Modus der Optimierung – oder verändert Beziehung seine Selbst- und Fremdwahrnehmung? So wird Anthropologie nicht nur „verstanden“, sondern in Haltungssprache übersetzt.
Didaktisch stark ist, dass der Text nicht moralisierend „richtige Liebe“ festlegt, sondern das Thema als Spiegel anthropologischer Grundannahmen nutzt. Dadurch ergeben sich für Lernende viele Anknüpfungspunkte: eigene Beziehungserfahrungen, Fragen nach Anerkennung und Grenzen, Unsicherheiten zwischen romantischer Idealisierung und nüchterner Zwecklogik, sowie die Spannung zwischen Selbstwert und Fremdbestätigung. Zugleich lässt sich die curricular geforderte Kompetenzarbeit gut einlösen: Ebenbildlichkeit biblisch erläutern und das christliche Menschenbild mit anderen Entwürfen (z. B. utilitaristisch, rationalistisch, hedonistisch, romantisch-idealistisch) vergleichen.