Das Gleichnis im engeren Sinne ist kurz, benutzt alltägliche Bilder und enthält nur einen zentralen Vergleichspunkt zwischen der Bildhälfte und der Sachhälfte, etwa beim Gleichnis vom Senfkorn. Die Parabel hingegen ist eine frei erfundene Erzählung mit einer überraschenden Wendung, wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Die Beispielerzählung, bekannt etwa durch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, zeigt konkrete Handlungsanweisungen für das Verhalten der Zuhörer und endet meist mit einem Appell. Die Allegorie wird in der älteren Theologie als literarisches Produkt der Evangelisten betrachtet, nicht als ursprüngliche Form Jesu, da sie mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig interpretiert.
Im weiteren Verlauf des Videos wird der mittelalterliche vierfache Schriftsinn erläutert, der einen Bibeltext auf vier Ebenen deutet: historisch, allegorisch, moralisch und anagogisch. Anschließend wird die theologische Funktion der Gleichnisse besprochen. Viele Forscher sehen die Verkündigung des Reiches Gottes als zentrales Motiv, wobei moderne Ansätze zusätzlich christologische und eschatologische Aspekte betonen. So zeigen Gleichnisse wie das vom Senfkorn, dass das Reich Gottes zunächst unscheinbar erscheint, aber schließlich groß wird.
Schließlich wird erläutert, dass Gleichnisse immer einen ethischen Appell enthalten, der zu einem veränderten Verhalten gegenüber Gott und den Mitmenschen aufruft. Neuere Forschungen gehen über Jülichers Ansatz hinaus, indem sie den historischen und sozialen Kontext der Gleichnisse stärker berücksichtigen und zwischen ihrer Bedeutung im Leben Jesu und in der frühen Gemeinde unterscheiden. Der Theologe Klaus Berger erweitert das Modell von Bildhälfte und Sachhälfte um zusätzliche Dimensionen, um die Mehrschichtigkeit und Wirkungsgeschichte der Gleichnisse besser zu erfassen.