Die Ursachen für die Flucht sind dramatisch. In Eritrea herrscht ein repressives Regime, das die gesamte Bevölkerung durch unbegrenzten Militärdienst, Folter, Zwangsarbeit und Unterdrückung kontrolliert. Auch außergerichtliche Hinrichtungen und sexuelle Sklaverei gehören zur Realität. Im Sudan und Südsudan herrschen Bürgerkrieg, Armut und Hunger, Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Viele Flüchtlinge berichten von schwersten Menschenrechtsverletzungen und hoffnungslosen Lebensbedingungen in ihren Heimatländern.
Der Weg nach Israel führt über den Sudan, Libyen und die Sinai-Halbinsel und ist von unvorstellbaren Gefahren geprägt. Viele Flüchtlinge werden unterwegs inhaftiert, verschleppt oder Opfer von organisiertem Menschenhandel. Häufig werden sie gefoltert, um Lösegeld von Angehörigen zu erpressen. Die Berichte über Aufhängen, Verbrennungen, Stromschläge und Misshandlungen sind erschütternd. Viele Menschen sterben auf diesem Weg, nur wenige erreichen tatsächlich Israel.
Doch auch dort ist die Situation für die Ankommenden äußerst schwierig. Seit 2009 werden sudanesische Flüchtlinge nicht mehr als Asylsuchende anerkannt, und auch Eritreer erhalten nur in Ausnahmefällen Schutz. Die große Mehrheit lebt ohne gesicherten rechtlichen Status und ist jederzeit von Abschiebung bedroht. Wer keinen gültigen Aufenthaltstitel besitzt, darf nicht legal arbeiten und hat keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Viele werden von der Polizei kontrolliert, kriminalisiert oder in Internierungslager gebracht, wie etwa in der Negev-Wüste, wo sie unter extremen Bedingungen ausharren müssen. Offiziell werden sie von der Regierung als Bedrohung für die nationale Identität und Sicherheit Israels bezeichnet.
Die Folgen für das Alltagsleben sind verheerend: Viele Flüchtlinge leben in Armut und Perspektivlosigkeit, manche flüchten in Alkohol und Drogen, andere geraten in Prostitution und Kriminalität. Besonders Frauen sind gefährdet – sie leiden unter Missbrauch, haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und dürfen ihre Kinder häufig nicht offiziell registrieren lassen.
In dieser schwierigen Lage spielen Hilfsorganisationen und kirchliche Initiativen eine entscheidende Rolle. In Tel Aviv wurde 2009 das pastorale Zentrum „Unsere Liebe Frau der Tapferen Frau“ gegründet. Es ist bis heute die erste Anlaufstelle für viele katholische Migranten. Hier finden regelmäßige Gottesdienste statt, Kinder- und Erwachsenenkatechese wird angeboten, und es gibt Programme zur Betreuung von Babys und Kindern. Etwa 150 Kinder von Migrantenfamilien werden in Glaubensunterweisung begleitet, oft auf Hebräisch, da sie in die israelische Gesellschaft hineinwachsen. Zugleich stellt dies eine große Herausforderung dar, da die Gefahr der vollständigen Assimilation besteht. Neben der Katechese werden auch Ferienlager und internationale Jugendbegegnungen organisiert, die den Glauben stärken und den Jugendlichen Gemeinschaft vermitteln.
Darüber hinaus bietet das Zentrum konkrete Hilfe: traumatisierte Frauen erhalten seelsorgerische Begleitung, ehrenamtliche Ärzte leisten medizinische Versorgung, und Sozialarbeitende helfen bei alltäglichen Problemen. Das Zentrum wird so zu einem Ort der Hoffnung und der Begegnung, an dem Flüchtlinge erfahren, dass sie nicht allein sind. Gleichzeitig eröffnet es auch einen neuen Dialog zwischen Juden und Christen in Israel: Das Bild des Christen wandelt sich vom jahrhundertelang verfolgenden Feind hin zum helfenden Mitmenschen.
Insgesamt zeigt die Situation der Flüchtlinge in Israel ein Spannungsfeld zwischen Menschenrechten, staatlicher Sicherheits- und Identitätspolitik sowie der Rolle von Religion und Kirche im Alltag. Für die Flüchtlinge bleibt Israel nur selten das „Gelobte Land“, vielmehr erleben sie Ausgrenzung und Entrechtung. Hoffnung und Würde finden viele von ihnen vor allem dort, wo Kirche und Hilfswerke ihnen einen Raum der Gemeinschaft, des Glaubens und der Solidarität eröffnen.