Teil 4 aus der Dokureihe 'Die Juden - Geschichte eines Volkes Tod oder Taufe'.
Wie ist es den Juden gelungen, über Jahrtausende ihre Identität zu wahren? Ein jüdischer Händler und Gelehrter ist im neunten Jahrhundert mit seiner Familie auf dem Weg ins Karolinger Reich. Rosberg Alonissos wird eine einflussreiche Rabbiner-Dynastie begründen. Seiner Heimatstadt Lucca in Italien hat er für immer den Rücken gekehrt, denn Karl der Kahle, König der Franken, hat ihm und seiner Familie Reichtum und Sicherheit versprochen. Eine beschwerliche Reise liegt hinter ihnen. Noch wissen sie nicht, ob der Herrscher sein Wort auch hält. Sie werden erwartet.
Die Juden sollen den Handel im rückständigen Frankenreich vorantreiben. Als Gelehrte, Dolmetscher und Kaufleute verfügen sie über Erfahrung und weitreichende Verbindungen. Calunius und seine Familie sind nicht die ersten Juden, die sich hier niederlassen. Schon im Gefolge der Römer sind jüdische Händler ins Rheinland gekommen.
In Mainz, Speyer und Worms entstehen bedeutende jüdische Gemeinden. Sie sind eng miteinander verbunden und nennen sich schon nach den hebräischen Anfangsbuchstaben der drei Ortsnamen. Da schon auch das hebräische Wort für Knoblauch ist, wird die Pflanze zum Symbol dieser Allianz. Der Ruhm der drei Städte reicht bald über die Grenzen des Reiches hinaus.
Mitte des zehnten Jahrhunderts lässt sich ein Teil der Calunius-Familie in Mainz nieder. Die Stadt gehört zu "Chin," so nennen die Juden ihr Siedlungsgebiet entlang des Rheins. Später wird diese Bezeichnung auf ganz Deutschland, Frankreich und auch auf Osteuropa übertragen. Religiöse Bildung gilt unter Juden als hohes Gut. Rabbiner und Gelehrte mehren den Ruhm und das Ansehen einer Familie. Auch Calunius Benschu Lahm soll diesem Weg gehen.
Die Eltern schicken den ältesten Sohn in die Jeschiwa, die jüdische Akademie. Er soll Rabbiner werden und sich ganz auf das Studium der Schriften konzentrieren. Dafür müssen sie ihr Leben lang finanziell unterstützen. Zu seiner Zeit leben Juden und Christen weitgehend friedlich miteinander. Fürsten und Bischöfe haben ein großes Interesse an jüdischen Kaufleuten. Im Archiv der Stadt Worms findet sich ein einzigartiges Dokument: das Zollfreiheitsprivileg Heinrichs des Vierten von 1074. Es dokumentiert die besondere Position der Juden, sichert ihnen wirtschaftliche Freiheiten und Rechte für den Fernhandel zu. Es ist die erste Urkunde, die ein deutscher König an die jüdischen Bürger einer Stadt ausgestellt hat. Alles sehr kleinformatig und in einer Zeit, in der die Juden insgesamt in Nordeuropa eine relativ hohe soziale Stellung einnahmen, kleine Zahlen, sozial sehr viel besser gestellt als meistens ihre Umgebung.
Im elften Jahrhundert steigt die Zahl der Juden im "Chin"-Gebiet stetig. Aus den international agierenden Warenlieferanten der Fürsten und Bischöfe werden städtische Kaufleute. Sie leben nicht isoliert, sondern pflegen regen Kontakt zur christlichen Mehrheit.
Ihr kaufmännisches Geschick löst aber auch Neid bei einigen ihrer christlichen Konkurrenten aus. Calunius Benno Schuler ist inzwischen Rabbiner in Mainz. Jeden Tag geht er über den Markt zur Synagoge. Hier lernt er vermutlich auch seine Frau kennen. Er ist ein angesehener Bürger der Stadt, von Christen und Juden geschätzt.
Juden wohnen meist zusammen in einem Stadtviertel am Marktplatz. Das erleichtert den Handel, und die räumliche Nähe hilft, sich gegenseitig zu unterstützen. Sie ermöglicht aber auch ein Leben nach der Halacha, nach der jüdischen Gesetzgebung, mit jüdischen Metzgern, Bäckern und Ärzten. Die Synagoge ist Mittelpunkt der Gemeinde, als Gebetsraum und als Versammlungsort. Frauen dürfen den inneren Bereich nicht betreten; sie könnten die Männer durch ihre Anwesenheit ablenken. Frauen feiern den Gottesdienst in einem Nebenraum. Ganz in der Nähe befindet sich auch die Mikwe, das rituelle Reinigungsbad in Speyer, das zu den am besten erhaltenen des Mittelalters in Europa gehört. Männer und Frauen besuchten diese Bäder vor allem vor den Feiertagen, um sich symbolisch von allen Unreinheiten des Körpers und des Geistes zu befreien. Nach jüdischem Gesetz darf das Ritualbad nur von lebendigem, also fließendem Quell- oder Grundwasser gespeist werden. Die jüdische Frau besucht das Bad nach ihrer Menstruation, vor ihrer Hochzeit oder nach einer Geburt.
Dreimal muss sie vollkommen eintauchen, bis auch die Haare von Wasser bedeckt sind, dabei rezitiert sie einen Lobpreisspruch. Das vollkommene Eintauchen symbolisiert den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Es ist ein Ritual aus biblischen Zeiten, das gläubige Juden bis heute vollziehen.
So gereinigt darf die Frau in das Bett ihres Mannes. Während der Menstruation ist der Kontakt zwischen den Eheleuten untersagt. Trotz vieler Regeln leben jüdische Frauen im Mittelalter nicht isoliert. In der Welt der Frauen war die religiöse Spannung niedriger; christliche und jüdische Frauen konnten sich über gemeinsame Frauenthemen unterhalten, die keine religiösen Aspekte enthielten. Die Zusammenarbeit, das Verständnis und die Ähnlichkeit waren unter den Frauen viel ausgeprägter.