Das Video eignet sich für den Religionsunterricht besonders für die Themen Judentum, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Novemberpogrome, Menschenwürde, Verantwortung, Schuld, Zivilcourage, Gewissen und Erinnerungskultur. Religionspädagogisch besitzt das Medium einen besonderen Wert, weil es nicht nur historische Ereignisse vermittelt, sondern grundlegende ethische Fragen nach dem Verhalten von Menschen angesichts von Ausgrenzung und Gewalt aufwirft. Die zentrale Frage lautet dabei nicht allein, was im November 1938 geschah, sondern auch, weshalb Menschen zu Tätern, Mitwirkenden, Zuschauenden oder Helfenden wurden. Damit lässt sich historisches Lernen unmittelbar mit ethischer und religiöser Urteilsbildung verbinden.
Vor der Betrachtung des Videos empfiehlt sich ein Einstieg über den Begriff Novemberpogrome. Die Lernenden können zunächst festhalten, was sie bereits über die Ereignisse wissen und welche Fragen sie haben. Alternativ kann die im Video gestellte Frage „Wieso erhebt niemand vernehmbar Einspruch?“ als Leitfrage der gesamten Unterrichtsstunde verwendet werden. Sie lenkt den Blick von Beginn an auf individuelle und gesellschaftliche Verantwortung. Die Antworten sollten zunächst gesammelt, aber noch nicht bewertet werden. Nach der Betrachtung des Videos können die Lernenden überprüfen, welche ihrer Vermutungen bestätigt, widerlegt oder ergänzt wurden.
Da das Video eine Vielzahl historischer Entwicklungen in kurzer Zeit behandelt, empfiehlt sich eine Betrachtung in mehreren Abschnitten. Ein erster Abschnitt kann das jüdische Leben in Deutschland vor 1933 und die Entwicklung des Antisemitismus behandeln. Ein zweiter Abschnitt konzentriert sich auf die zunehmende staatliche Ausgrenzung seit 1933. Ein dritter Abschnitt untersucht das Attentat Herschel Grynszpans und dessen propagandistische Instrumentalisierung. Im vierten Abschnitt stehen die Novemberpogrome selbst im Mittelpunkt. Abschließend können das Verhalten der Bevölkerung sowie Enteignung, Vertreibung und die weitere Entwicklung der Verfolgung untersucht werden. Lernende können zu jedem Abschnitt die Kategorien Ereignis, Ursache, beteiligte Personen, Folgen und offene Fragen bearbeiten.
Besonders wichtig ist die begriffliche Arbeit. Die Lernenden sollten zwischen Judenfeindlichkeit, religiös begründetem Antijudaismus und rassistisch begründetem Antisemitismus unterscheiden können. Dabei muss deutlich werden, dass die nationalsozialistische Ideologie jüdische Menschen unabhängig von ihrem persönlichen Glauben nach rassistischen Kriterien kategorisierte. Dies eröffnet im Religionsunterricht zugleich die Möglichkeit, die Geschichte christlicher Judenfeindschaft kritisch zu thematisieren. Christliche Traditionen und Kirchen waren über Jahrhunderte an der Verbreitung judenfeindlicher Vorstellungen beteiligt. Eine solche historische Auseinandersetzung sollte jedoch differenziert erfolgen und nicht den Eindruck erwecken, der nationalsozialistische Antisemitismus lasse sich allein aus religiöser Judenfeindschaft erklären.
Didaktisch besonders ergiebig ist die im Video dargestellte schrittweise Ausgrenzung. Die Lernenden können eine Entwicklungslinie erstellen, die von Vorurteilen über gesellschaftliche Ausgrenzung, berufliche Benachteiligung, staatliche Entrechtung und wirtschaftliche Enteignung bis zur offenen Gewalt führt. Dadurch wird erkennbar, dass die Novemberpogrome nicht plötzlich entstanden. Sie waren Teil eines fortschreitenden Prozesses, in dem gesellschaftliche Hemmschwellen immer weiter abgesenkt wurden. Diese Erkenntnis ermöglicht einen behutsamen Gegenwartsbezug. Lernende können darüber nachdenken, weshalb diskriminierende Sprache, stereotype Zuschreibungen und die gesellschaftliche Ausgrenzung von Minderheiten ernst genommen werden müssen, bevor daraus weitere Formen der Diskriminierung entstehen.
Eine zentrale Unterrichtsphase sollte sich mit der Rolle der Bevölkerung beschäftigen. Besonders eindrücklich ist die Aussage eines Zeitzeugen, dass ihm beteiligte Männer persönlich bekannt gewesen seien und aus seiner Nachbarschaft stammten. Ebenso beschreibt das Video Täter und Mitwirkende als Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Für Lernende eröffnet dies die wichtige Erkenntnis, dass historische Täter nicht als grundsätzlich andere Menschen betrachtet werden dürfen. Methodisch kann eine Tabelle mit den Kategorien Täter, Mitwirkende, Zuschauende, Profiteure, Gegner und Helfende eingesetzt werden. Die Lernenden ordnen Aussagen und Situationen aus dem Video diesen Kategorien zu und diskutieren anschließend die Grenzen einer solchen Einteilung. Dabei kann deutlich werden, dass Menschen ihre Rolle verändern konnten und dass auch scheinbare Passivität gesellschaftliche Folgen besitzen konnte.
Die Darstellung von Gleichgültigkeit eignet sich besonders für ethisches Lernen. Die Lernenden können untersuchen, ob Nichtstun angesichts erkennbaren Unrechts bereits eine Form von Verantwortung begründet. Im Religionsunterricht lässt sich diese Frage mit dem Gebot der Nächstenliebe, der Goldenen Regel, der Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen oder der Erzählung vom barmherzigen Samariter verbinden. Entscheidend ist dabei, historische Menschen nicht vorschnell aus der sicheren Gegenwart heraus moralisch zu verurteilen. Stattdessen sollte gefragt werden, welche Handlungsmöglichkeiten bestanden, welche Risiken mit Widerstand verbunden waren und an welchen Stellen dennoch Entscheidungen möglich gewesen wären.
Das Video bietet darüber hinaus einen wichtigen Zugang zur Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Propaganda. Das Attentat Herschel Grynszpans wird als individuelle Tat beschrieben, die von der nationalsozialistischen Führung zu einem angeblichen Angriff einer jüdischen Weltverschwörung umgedeutet wurde. Die Lernenden können untersuchen, wie aus der Handlung eines einzelnen Menschen eine Behauptung über eine gesamte Bevölkerungsgruppe konstruiert wurde. Daraus lässt sich eine grundlegende Struktur antisemitischer und rassistischer Propaganda ableiten: Einzelne Ereignisse werden verallgemeinert, bestehende Vorurteile aktiviert und Minderheiten kollektiv für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht. Diese Analyse fördert zugleich Medienkompetenz.
Die wirtschaftliche Dimension der Verfolgung sollte ebenfalls berücksichtigt werden. Das Video macht deutlich, dass Menschen von der Enteignung jüdischer Nachbarn und Geschäftsleute profitierten. Damit wird Antisemitismus nicht lediglich als Ideologie sichtbar, sondern auch als Möglichkeit persönlicher Bereicherung. Lernende können diskutieren, wie wirtschaftliches Interesse, Neid, Opportunismus, ideologische Überzeugung und staatlich legitimierte Gewalt zusammenwirkten. Diese Perspektive verhindert eine zu einfache Erklärung, nach der sämtliche Beteiligten aus demselben Motiv handelten.
Bei der Arbeit mit dem Video ist besondere Sensibilität erforderlich. Die Novemberpogrome sollten nicht ausschließlich über Zahlen vermittelt werden. Hinter zerstörten Synagogen, Geschäften, Wohnungen und den genannten Todesfällen stehen individuelle Menschen und Lebensgeschichten. Eine ergänzende Biografie eines jüdischen Menschen oder einer jüdischen Familie kann helfen, die Opfer nicht auf ihre Verfolgung zu reduzieren. Ebenso sollte jüdisches Leben nicht ausschließlich im Zusammenhang mit Antisemitismus und Schoah behandelt werden. Sinnvoll ist eine Einbettung in eine Unterrichtsreihe, in der auch jüdischer Glaube, religiöse Praxis, Feste, Traditionen und gegenwärtiges jüdisches Leben sichtbar werden.
Für eine abschließende Sicherung können die Lernenden die Frage beantworten: „Warum stellt der November 1938 einen entscheidenden Einschnitt in der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung dar?“ Alternativ können sie eine begründete Stellungnahme zur Frage „Welche Verantwortung trägt ein Mensch, wenn seine Mitmenschen öffentlich ausgegrenzt und verfolgt werden?“ verfassen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, ausgehend vom Video Kriterien für Zivilcourage zu entwickeln. Dabei sollte der Gegenwartsbezug nicht durch vorschnelle historische Gleichsetzungen hergestellt werden. Vielmehr können allgemeine Mechanismen wie Vorurteile, Sündenbockdenken, Entmenschlichung, Gleichgültigkeit, Gruppendruck und gesellschaftliche Ausgrenzung herausgearbeitet werden.
Fragestellungen zum Video mit Antworten
Wie lebten viele Juden in Deutschland vor der nationalsozialistischen Herrschaft? Viele jüdische Menschen waren ein selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft. Sie lebten insbesondere in größeren Städten, wirkten an Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft mit und verstanden sich häufig zugleich als deutsche Staatsbürger. Das Video macht damit deutlich, dass die später Verfolgten keine fremde Gruppe außerhalb der Gesellschaft waren, sondern Nachbarn, Kollegen und Mitbürger.
Woher kam der Antisemitismus? Das Video beschreibt eine lange Geschichte der Judenfeindlichkeit. Ältere Formen waren unter anderem religiös begründet. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich zusätzlich ein rassistisch begründeter Antisemitismus. Juden wurden nun aufgrund einer angeblichen biologischen Abstammung als grundsätzlich anders dargestellt. Hinzu kamen Verschwörungserzählungen, wirtschaftlicher Neid und die Suche nach Sündenböcken für gesellschaftliche Veränderungen.
Was änderte sich mit der nationalsozialistischen Herrschaft ab 1933? Antisemitismus wurde Bestandteil staatlicher Politik. Jüdische Menschen wurden schrittweise aus Berufen, Schulen, Vereinen, Wirtschaft und gesellschaftlichem Leben verdrängt. Diskriminierung war damit nicht mehr lediglich Ausdruck individueller Vorurteile, sondern wurde durch staatliche Macht organisiert und legitimiert.
Welche Rolle spielte Herschel Grynszpan? Grynszpan war ein siebzehnjähriger jüdischer Emigrant, dessen Familie von der Abschiebung polnischer Juden betroffen war. Mit einem Attentat auf einen deutschen Diplomaten wollte er nach Darstellung des Videos auf das Schicksal seiner Angehörigen aufmerksam machen. Die nationalsozialistische Propaganda instrumentalisierte die Tat und stellte sie als Ausdruck einer angeblichen jüdischen Verschwörung dar.
War das Attentat die eigentliche Ursache der Novemberpogrome? Nach der Darstellung des Videos war es nicht die eigentliche Ursache. Die nationalsozialistische Führung nutzte das Attentat vielmehr als willkommenen Vorwand für eine bereits durch jahrelange antisemitische Politik vorbereitete Eskalation der Gewalt. Dadurch lässt sich zwischen Anlass und tiefer liegenden Ursachen unterscheiden.
Was geschah während der Novemberpogrome? Synagogen und andere jüdische Einrichtungen wurden angegriffen und in Brand gesetzt, Geschäfte zerstört und geplündert und jüdische Menschen misshandelt, erniedrigt, verhaftet und getötet. Das Video nennt mehr als 1400 verwüstete Synagogen, mehr als 7500 zerstörte und geplünderte Geschäfte sowie etwa 400 Todesfälle.
Warum griff die Feuerwehr bei brennenden Synagogen nicht ein? Nach der Darstellung des Videos durfte sie vielfach lediglich verhindern, dass das Feuer auf benachbarte Gebäude übergriff. Dies verdeutlicht, dass es sich nicht um spontane Ausschreitungen handelte, gegen die der Staat vorgehen wollte. Staatliche und parteiliche Strukturen ermöglichten und unterstützten die Gewalt.
Wer waren die Täter? Das Video betont, dass viele Täter und Mitwirkende aus der Mitte der Gesellschaft kamen. Es waren Nachbarn und Menschen mit gewöhnlichen Berufen. Diese Beobachtung ist historisch und ethisch besonders bedeutsam, weil sie zeigt, dass Gewalt nicht ausschließlich von einer kleinen Gruppe gesellschaftlicher Außenseiter ausgeübt wurde.
Warum schritt die Mehrheit der Bevölkerung nicht ein? Das Video nennt insbesondere Gleichgültigkeit und die Gewöhnung an jahrelange nationalsozialistische Propaganda und Ausgrenzung. Darüber hinaus konnten Angst, Zustimmung, Opportunismus und persönliche Vorteile eine Rolle spielen. Das Medium macht deutlich, dass die vorherige schrittweise Ausgrenzung dazu beigetragen hatte, die gesellschaftliche Hemmschwelle gegenüber offener Gewalt zu senken.
Welche Rolle spielte persönliche Bereicherung? Einige Menschen nutzten die Verfolgung, um sich jüdisches Eigentum anzueignen oder wirtschaftliche Konkurrenten auszuschalten. Das Video beschreibt die Pogrome deshalb auch als Raub und Umverteilungsaktion. Ideologische Überzeugung und wirtschaftlicher Eigennutz konnten miteinander verbunden sein.
Warum ist Gleichgültigkeit moralisch problematisch? Gleichgültigkeit kann dazu beitragen, dass Unrecht gesellschaftlich normal wird. Wer Ausgrenzung wahrnimmt und sie dauerhaft hinnimmt, verändert damit auch die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen weitere Gewalt möglich wird. Im Religionsunterricht lässt sich dies mit Nächstenliebe, Verantwortung und der Verpflichtung zum Schutz der Menschenwürde verbinden.
Was hat die Frage nach den Novemberpogromen mit Nächstenliebe zu tun? Das christliche Gebot der Nächstenliebe fordert dazu auf, einen anderen Menschen nicht aufgrund seiner Religion oder Herkunft auszugrenzen. Daraus entsteht die Frage, ob christlicher Glaube angesichts staatlichen Unrechts zum Widerspruch und zur Hilfe für Verfolgte verpflichten kann. Das Verhalten gegenüber jüdischen Mitmenschen wird damit auch zu einer Frage christlicher Verantwortung.
Welche Bedeutung besitzt Zivilcourage? Zivilcourage bedeutet, bei erkennbarem Unrecht nicht lediglich zuzusehen. Sie kann vom öffentlichen Widerspruch über Unterstützung ausgegrenzter Menschen bis zur konkreten Hilfe reichen. Historische Situationen müssen dabei in ihren tatsächlichen Gefahren betrachtet werden. Widerstand gegen eine Diktatur konnte erhebliche persönliche Konsequenzen haben.
Warum sind die Novemberpogrome ein wichtiger Einschnitt in der Geschichte der Judenverfolgung? Sie markieren eine massive Eskalation von systematischer Ausgrenzung und Entrechtung zu öffentlich ausgeübter, organisierter Gewalt. Das Video zeigt zugleich, dass danach Enteignung, erzwungene Auswanderung und weitere Verfolgungsmaßnahmen fortgesetzt wurden. Am Ende dieser Entwicklung standen Deportation und systematische Ermordung.
Was können Lernende aus der Geschichte für die Gegenwart ableiten? Eine wesentliche Erkenntnis besteht darin, Ausgrenzung nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn offene Gewalt beginnt. Vorurteile, Sündenbockdenken, Verschwörungserzählungen, Entmenschlichung und gesellschaftliche Gleichgültigkeit können Bedingungen schaffen, unter denen Diskriminierung zunehmend akzeptiert wird. Historisches Lernen kann deshalb für Menschenwürde, Verantwortung und Zivilcourage sensibilisieren.