Das Medium eignet sich besonders für einen biografieorientierten Zugang zur Geschichte des Judentums im 20. Jahrhundert und zur Auseinandersetzung mit jüdischem Leben in Deutschland vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. Für den Religionsunterricht ist dabei bedeutsam, Erna Goldmann nicht ausschließlich als Verfolgte des Nationalsozialismus wahrzunehmen. Ihre Biografie ermöglicht vielmehr, jüdisches Leben in seiner religiösen, familiären, kulturellen und gesellschaftlichen Vielfalt zu thematisieren. Lernende können herausarbeiten, welche Bedeutung jüdische Traditionen und Feiertage innerhalb ihrer Familie hatten und zugleich erkennen, dass individuelle jüdische Identität nicht mit einem bestimmten Grad religiöser Praxis gleichgesetzt werden kann. Gerade Ernas geringes Interesse am schulischen Religionsunterricht und ihre gleichzeitige Begeisterung für die zionistische Jugendbewegung bieten einen geeigneten Ausgangspunkt, um unterschiedliche Formen jüdischer Identität und Zugehörigkeit zu untersuchen.
Methodisch bietet sich zunächst die gemeinsame Betrachtung des Filmporträts an. Die im Materialheft selbst vorgeschlagene Vorgehensweise kann dabei unmittelbar aufgegriffen werden: Nach der Filmrezeption halten die Lernenden zunächst individuell Eindrücke, Irritationen und offene Fragen fest. Anschließend werden diese Beobachtungen im Plenum gesammelt, geordnet und zu gemeinsamen Fragestellungen verdichtet. Darauf aufbauend können Arbeitsgruppen einzelne Themenbereiche des Materialheftes untersuchen und ihre Ergebnisse wieder mit Erna Goldmanns Lebensgeschichte verbinden. Dieses Vorgehen verhindert, dass die Biografie lediglich zur Illustration bereits vorgegebener historischer Sachverhalte verwendet wird. Vielmehr entstehen die weiterführenden historischen Fragen aus der Begegnung mit der Person und ihrer Erinnerung. Genau diese Verbindung von persönlicher Erzählung, eigenen Fragen der Lernenden und historischer Kontextualisierung ist als Grundprinzip des Materials angelegt.
Für eine vertiefende Erarbeitung können unterschiedliche Gruppen beispielsweise Ernas Kindheit und Familie, jüdisches Leben in Frankfurt, die Jugendbewegung „Blau Weiß“, Zionismus, antisemitische Ausgrenzung, Auswanderung nach Palästina sowie das spätere Leben in Israel untersuchen. Die Ergebnisse können anschließend chronologisch auf einer gemeinsamen Zeitleiste zusammengeführt werden. Dabei ist es sinnvoll, zwischen Ereignissen der individuellen Biografie und historischen Entwicklungen zu unterscheiden und anschließend deren Zusammenhänge sichtbar zu machen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den im Material abgebildeten Stammbaum als Ausgangspunkt für eine familienbiografische Spurensuche zu nutzen. Die Lernenden können nachvollziehen, welche unterschiedlichen Lebenswege Familienmitglieder angesichts von Verfolgung, Flucht und Emigration einschlugen. Das Material selbst schlägt hierzu unter anderem die Erstellung eines kurzen Lebenslaufs, die Arbeit mit dem Stammbaum und die Formulierung eigener Fragen an Erna Goldmann vor.
Die zahlreichen historischen Fotografien und Dokumente eignen sich zudem für eine quellenorientierte Arbeitsweise. Lernende sollten zunächst beschreiben, was sie tatsächlich sehen, anschließend Vermutungen zur Entstehungssituation formulieren und erst danach zusätzliche Informationen aus den Begleittexten heranziehen. Besonders ergiebig ist die Verbindung privater Familienfotografien mit öffentlichen historischen Dokumenten. Dadurch lässt sich untersuchen, wie politische Entwicklungen zunehmend in einen zunächst alltäglich erscheinenden Lebenslauf eingreifen. Auch Ernas Erinnerungen können als biografische Quelle betrachtet werden. Lernende können danach fragen, woran sich ein Mensch nach vielen Jahrzehnten erinnert, welche Ereignisse hervorgehoben werden und worin sich persönliche Erinnerung und historische Darstellung unterscheiden.
Für den Religionsunterricht bieten sich darüber hinaus Fragen nach Identität, Heimat und Zugehörigkeit an. Die Lernenden können diskutieren, wodurch Heimat entsteht, welche Rolle Familie, Religion, Sprache, Orte und persönliche Beziehungen dabei spielen und was geschieht, wenn Menschen ihre Heimat unter Zwang verlassen müssen. Erna Goldmanns Lebensgeschichte ermöglicht dabei einen Zugang, der historische Bildung und existenzielle Fragestellungen miteinander verbindet. Ihre neue Lebensphase in Palästina und Israel sollte nicht lediglich als Abschluss einer Fluchtgeschichte behandelt werden. Das Material schildert vielmehr den Aufbau eines neuen Familienlebens und eine langfristige Beheimatung in Israel. Auf diese Weise können Lernende über Brüche und Kontinuitäten einer Biografie sowie über unterschiedliche Bedeutungen von Heimat nachdenken.
Bei der Behandlung von Zionismus empfiehlt sich eine sorgfältige historische Kontextualisierung. Ausgehend von Ernas Erfahrungen in der Jugendbewegung kann zunächst rekonstruiert werden, welche Vorstellungen Jugendliche mit einer jüdischen Heimstätte verbanden. Das Material erläutert Zionismus als im 19. Jahrhundert entstandene politische Bewegung und stellt Verbindungen zu Emanzipation, Antisemitismus, Theodor Herzl und jüdischen Jugendorganisationen her. Anschließend lässt sich untersuchen, wie sich die Bedeutung der Auswanderung nach der nationalsozialistischen Machtübernahme veränderte und aus einer möglichen Zukunftsperspektive für viele jüdische Menschen eine Flucht vor Verfolgung wurde. Für eine abschließende Sicherung können die Lernenden einen biografischen Text, einen fiktiven Brief auf Grundlage der Quellen, eine kommentierte Zeitleiste oder eine Präsentation zu einem ausgewählten Themenbereich erstellen. Bei produktionsorientierten Aufgaben sollte deutlich zwischen belegten biografischen Informationen und fiktionalen Ergänzungen unterschieden werden. Insgesamt eignet sich das Medium besonders für historisches Lernen im Religionsunterricht, das jüdisches Leben nicht auf Verfolgung reduziert, sondern individuelle Lebensgestaltung, religiöse Vielfalt, gesellschaftliche Zugehörigkeit, Migration und die Frage nach Heimat miteinander verbindet.
Der Einstieg erfolgt mit Bildern aus dem Leben der Erna Goldmann. Ihr Lebenslauf kann auf Basis von Quellen, Bildern und einem YouTube Video von den Lernenden nachgezeichnet werden. Dazu sind Aufgabenstellungen auf Seite 10 zu finden. Erna Goldmanns Familiengeschichte soll anhand eines Stammbaums auch zum Beispiel in Form eines Zeitungsartikels erfasst werden. Daraus entwickeln sich Fragen, die die Lernenden interessieren und die im Verlauf der Einheit beantwortet werden können.
Das vierte Kapitel der Einheit beschäftigt sich beispielsweise mit der Entstehung des Zionismus und seiner Umsetzung im Staat Israel. Dabei werden sowohl Gründe für die Entstehung der zionistischen Idee als auch ihre Ziele und Inhalte thematisiert. Dies geschieht über die Vorstellung Theodor Herzls und seines Buches „Der Judenstaat“, indem der jüdische Staat als Lösung des immer wieder aufkommenden Antisemitismus in Europa gesehen wird. So hatte auch die Dreyfus-Affäre in Frankreich gezeigt, dass Juden, auch wenn sie völlig integriert sind, in christlichen Staaten nicht frei von Diskriminierung und Ausgrenzung leben können. Zudem werden auch die zionistische Jugendbewegung und die Unterstützung europäischer Juden bei der Auswanderung nach Palästina sowie die Risiken, denen Flüchtlingsschiffe oft ausgesetzt waren, dargestellt. Dazu wird auch eine Webrecherche vorgeschlagen.
Das fünfte Kapitel behandelt den Nationalsozialismus und den Umgang der jüdischen Gemeinden mit den Maßnahmen der neuen deutschen Regierung. In einem Brief des Vorstands der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt an seine Mitglieder werden diese aufgerufen, sich für die Verteidigung ihrer Rechte auch im NS-Staat einzusetzen. Dabei wird die Verbundenheit mit Deutschland und der deutschen Kultur und Geschichte stark betont. Die Lernenden erkennen das Gefühl der tiefen Verwurzelung der jüdischen Gemeinden in der deutschen Tradition.
Das sich daran anschließende Material zeigt die zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung, auf die wie auch im Fall der Familie Goldmann vielfach mit Auswanderung reagiert wurde. Anhand der Fluchtroute der Familie Goldmann nach Palästina kann dies nachverfolgt werden. Dabei werden sowohl das neue Gefühl der Einheit und der Sicherheit wie auch die stadtgeschichtlichen Veränderungen in Tel Aviv vermittelt. Es wird auch deutlich, dass viele Einwanderer, deren Ausbildung oder Studium aus Deutschland nicht anerkannt wurde, plötzlich ganz andere Aufgaben wie zum Beispiel als Bauarbeiter, Bauer, Taxifahrer oder Haushaltshilfen übernehmen mussten und dies eine weitere Zäsur im Leben der Betroffenen war.
Im sechsten Kapitel wird nach einer kurzen Einführung in die Geschichte Palästinas zudem die politisch schwierige und konfliktvolle Entwicklung der jüdisch-arabischen Koexistenz erläutert, die auch die Familie Erna Goldmanns betroffen hat. Mit Hilfe der Quellen zur britischen Balfour-Deklaration, die jüdische und arabische Interessen in Palästina als gleichermaßen berechtigt erklärte und einer Stellungnahme des nach Palästina ausgewanderten Martin Bubers zum jüdisch-arabischen Verhältnis können die Anfänge und einige Positionen des Nahost-Konflikts anschaulich beleuchtet werden.
Das letzte Kapitel bietet ab Seite 40 eine Beschäftigung mit der Frage, wie jüdische Menschen Deutschland nach der Befreiung vom Nationalsozialismus sehen. Dabei wird auch das Gefühl und der Begriff der Heimat untersucht. Erna Goldmann äußert dabei zwiespältige Gefühle: Ausgrenzung und Verfolgung wiederholten sich einerseits in jeder Generation und doch sei Deutschland angefüllt mit jüdischen Erinnerungen und Zeugnissen und so doch ein Stück Heimat. Es soll eine Mindmap zum eigenen Begriffsverständnis von „Heimat“ angelegt werden und mit Erna Goldmanns Begriff von Heimat verglichen werden. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis schließt das Material ab.