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Anerkennung und Vertrauen

Veröffentlichung:1.7.2011

Der Fachartikel „Anerkennung und Vertrauen. Theologische Grundlagen von Ehe und Familie“ von Markus Knapp ist im Heft ru heute 03 2011 erschienen und umfasst die Seiten 11 bis 13. Der Autor analysiert, warum das kirchliche Leitbild von Ehe und Familie seine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit verloren hat, und entwickelt anthropologische und theologische Grundlagen dieser Lebensform. Theologisch behandelt der Artikel zentrale Fragen nach der Unbedingtheit der ehelichen Bindung, nach Ehe als Schöpfungsordnung Gottes, nach der Sehnsucht des Menschen nach unbedingter Anerkennung und Bejahung, nach dem Zusammenhang von Liebe und Gottesgemeinschaft sowie nach dem Sakrament der Ehe im Horizont von Gnade und Säkularisierung.

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Markus Knapp setzt mit der Beobachtung ein, dass die kirchliche Propagierung eines Leitbildes von Ehe und Familie heute zwiespältig wirkt, weil ein Leitbild nur dort nötig ist, wo Selbstverständlichkeit verloren gegangen ist. Genau das sei im Blick auf Ehe und Familie geschehen. Über lange Zeit galten sie als selbstverständlich, heute sind sie nur noch eine Option unter vielen. Deshalb müsse zunächst geklärt werden, warum diese Selbstverständlichkeit verloren ging.

Als zentrale Ursache nennt Knapp gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Die moderne Arbeitswelt verlangt Flexibilität und Mobilität. Der Mensch soll sich betriebswirtschaftlichen Erfordernissen anpassen und bleibt dadurch innerlich und äußerlich beweglich. Diese Haltung entspricht einem kulturellen Wandel, den Hansjürgen Verweyen als Abneigung gegen alles Unbedingte beschreibt. Nichts soll den Menschen dauerhaft und verbindlich in Anspruch nehmen. Philosophisch lässt sich diese Haltung auf Friedrich Nietzsche zurückführen, der alles Unbedingte als pathologisch bezeichnete. In einer solchen postmodernen Kultur erscheint dauerhafte Bindung als Einschränkung von Freiheit. Begriffe wie Lebensabschnittspartner spiegeln diese Mentalität wider.

Demgegenüber betont das kirchliche Eheverständnis gerade die Unbedingtheit. Ehe bedeutet die wechselseitige unbedingte Annahme und Bejahung zweier Menschen in ihrer Einzigartigkeit und Geschichte. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist Ausdruck dieser zeitlich unbegrenzten Anerkennung. Zwar schränkt eine solche Bindung die Auswahl anderer Möglichkeiten ein, doch fragt Knapp, ob diese Einschränkung wirklich krankhaft sei oder nicht vielmehr dem Wesen des Menschen entspreche. Um das zu klären, entwickelt er eine anthropologische Reflexion.

Im Zentrum steht die menschliche Sehnsucht nach unbedingter Anerkennung und Bejahung. Psychologisch verweist Knapp auf Erik H. Erikson und dessen Konzept des Urvertrauens. Jeder Mensch braucht die Erfahrung verlässlicher Geborgenheit, um eine gesunde Persönlichkeit zu entwickeln. Dieses Urvertrauen entsteht in der frühen Bindung zwischen Kind und Mutter und muss im Laufe des Lebens immer wieder bestätigt werden. Ehe kann ein besonderer Ort sein, an dem diese Erfahrung erneuert wird. In der treuen Liebe zwischen Mann und Frau wird die wechselseitige Anerkennung zur Grundlage von Identitätsbildung und Selbstwerdung. Dabei geht es nicht um Selbstaufgabe, sondern um ein dialogisches Geschehen, das beide Partner stärkt.

Wenn aus Ehe Familie wird, erweitert sich dieser Raum der Anerkennung auf Kinder. Familie wird zu einem Schutzraum, in dem Kinder Annahme und Geborgenheit erfahren und ihre Individualität entfalten können. Diese anthropologischen Einsichten bilden nach Knapp die Voraussetzung für eine sachliche Diskussion über Ehe und Familie. Ohne sie drohen ideologische Verkürzungen.

Theologisch wird diese Perspektive vertieft, indem Ehe als Teil der Schöpfungsordnung Gottes verstanden wird. Sie dient der Entfaltung des Lebens in der Schöpfung. Der Mensch ist auf Gemeinschaft mit Gott hin geschaffen. Augustinus formulierte diese Grundsehnsucht mit dem Satz, dass das menschliche Herz unruhig bleibt, bis es in Gott ruht. Die Sehnsucht nach unbedingter Anerkennung findet ihre endgültige Erfüllung nur in Gott, dessen Liebe selbst den Tod überwindet. In jeder echten menschlichen Liebe klingt die Hoffnung mit, dass der geliebte Mensch nicht dem Vergessen preisgegeben wird. Diese Hoffnung kann jedoch nur im Vertrauen auf Gottes todüberwindende Macht Bestand haben.

Viele menschliche Lebensstrategien wie Streben nach Erfolg, Reichtum oder Macht sind letztlich Ausdruck derselben Sehnsucht nach Anerkennung. Doch sie verstellen oft den Blick darauf, dass echte unbedingte Anerkennung Geschenk ist und nicht von Leistung abhängt. Ehe und Familie sind Orte, an denen solche Anerkennung erfahrbar wird. Deshalb berühren sie den letzten Sinn des Menschseins.

Das Eingehen einer Ehe und die Gründung einer Familie setzen Vertrauen voraus. Es ist eine Investition in die Zukunft, deren Gelingen nicht garantiert ist. Im katholischen Verständnis stützt Gott dieses Vertrauen durch seine Gnade. Die Ehe als Sakrament bedeutet, dass die eheliche Liebe in die göttliche Liebe aufgenommen wird. Die Gnade setzt die Natur voraus und vollendet sie. Der heutige Bedeutungsverlust von Ehe hängt daher auch mit dem Schwinden des Glaubens im Prozess der Säkularisierung zusammen. Ohne den Rückhalt im Glauben fällt es schwerer, das notwendige Vertrauen aufzubringen.

Abschließend betont Knapp, dass es nicht genügt, das kirchliche Leitbild lediglich öffentlich zu wiederholen. Wenn gesellschaftliche Unterstützung fehlt, braucht es eine innere Stütze. Deshalb fordert er eine zeitgemäße Ehe und Familienspiritualität, die Menschen hilft, das Vertrauen in diese Lebensform zu gewinnen und zu bewahren. Nur so kann das kirchliche Verständnis von Ehe und Familie auch unter veränderten kulturellen Bedingungen tragfähig bleiben.

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