Der Jesuit Alex Lefrank diagnostiziert die Situation der katholischen Kirche in Deutschland. Auf diesen Blick beschränkt er sich. Nur beiläufig kommt er auch auf die Kirche in anderen Ländern und Kontinenten und auf die Kirchen anderer konfessioneller Prägung zu sprechen. Er redet Klartext, wenn er die derzeitige Lage darstellt: Die Gestalt der Kirche, die man gewöhnlich mit dem Begriff „Volkskirche“ umschreibt, ist in einem unübersehbaren und raschen Verfall begriffen. In ihren Ausläufern ist sie noch erfahrbar, und sie bestimmt in den Gemeinden bis heute nicht wenige pastorale Konzepte. Doch angesichts der gegebenen Lage gilt es nun, wirksam nach Auswegen zu suchen. Die einen setzen auf mehr Anpassung an die moderne Lebenswelt und ihre Lebensmaximen, die anderen auf mehr Unterscheidung, die sich aus der Rückkehr zu traditionellen, ja vorkonziliaren Auffassungen ergeben soll. Beide Wege führen, so der Verfasser, in weitere Sackgassen und bringen keine Lösung der Probleme. Er setzt dagegen auf ein Kirchenkonzept und eine darauf ausgerichtete Pastoral, die ganz auf die persönliche Entscheidung der Einzelnen zu Christus und seiner Kirche ausgerichtet sind. Es formuliert es so: „Das dürfte die Krise sein, in der die deutsche Kirche eigentlich steckt: Sie hat in ihrer Pastoral zu lange an einem Modell festgehalten, das die Menschen nicht zur Entscheidung für Christus führt. Echte Verkündigung und Pastoral muss aber zur Entscheidung führen.“ (18 f.) Eine Kirche, deren Glieder sich für Christus persönlich entschieden haben, wird zahlenmäßig wohl klein sein. Aber sie lässt deutlicher hervortreten, auf welchen Weg Christus die, die ihm nachfolgen, führt und welche Bereicherung des Lebens der Glaube und die Hoffnung und die Liebe denen, die sich ihnen erschließen, bedeuten. Und so wirken sie dann auch für andere, die vielleicht auf der Suche nach einer neuen Lebensperspektive sind, einladend. Der Autor kennzeichnet die Kirche, wie er sie vor Augen hat, als „paradox“. Damit greift er ein Motiv auf, das für das Kirchenverständnis des II. Vatikanischen Konzils wesentlich war. In der Konstitution über die Kirche wird in Nr. 8 auf ihre sich nur den Augen des Glaubens zeigende sakramentale Gestalt hingewiesen: Sie ist sichtbar und erfahrbar da in unserer Welt, und gleichzeitig spiegelt sich in ihrer Gestalt ihr inneres Wesen: dass sie Gottes Volk, der Leib Christi und der Tempel des Heiligen Geistes ist. Nur wer sich der so verstandenen Kirche anvertraut und seine Kirchengliedschaft existentiell und geistlich vollzieht, öffnet sich für die Gaben, die Gott den Menschen zugedacht hat, und wird zum Zeugnis für andere befähigt. Die Ausführungen, die Lefrank in den meisten Kapiteln des Buches vorlegt, kreisen um das Thema Kirche. Und immer wieder wird der gedankliche Ansatz, der in dem Begriff der Paradoxalität angedeutet ist, variiert. Das Neue Testament ist mit seinen vielen Aussagen zur Nachfolge Jesu und zur Kirche als der Gemeinschaft derer, die sich zur existentiellen Annahme des Evangeliums entschieden haben, immer wieder der Ausgangspunkt der Reflexionen. Ein Motiv, das der Verfasser besonders betont, liegt in dem Miteinander der gelebten Nähe der glaubenden Christen zu Christus einerseits und der sich geschichtlich in immer neuen Formen darstellenden Gestalt der Kirche. Hier liegt auch der Ansatz für eine Erschließung der Einheit und der Verschiedenheit der Kirche. Auch ihre Ortskirchlichkeit und gleichzeitig Weltkirchlichkeit kommt zur Sprache. In allen diesen biblischen und theologischen Reflexionen zeigt sich ein sehr lebendiges, wirklichkeitsnahes und anspruchsvolles Bild der Kirche. Es ist weitgehend dem Konzept von Kirche benachbart, das das II. Vatikanische Konzil skizziert hat. Sie bilden den Hintergrund und liefern die Gesichtspunkte für die Darstellung und Bewertung der gegenwärtigen Lage der katholischen Kirche in unserem Land. In schonungsloser Eindringlichkeit legt der Verfasser die Finger in ihre Wunden. Er legt offen, dass die Kirche heute nur noch geringe Lebenskraft entfaltet. Er sieht den Grund für diese Entwicklung nicht zuletzt darin, dass das volkskirchlich bestimmte Modell der Einführung in die Kirche und ihren Glauben weiterhin dominiert. Stattdessen müsste alles Bemühen der Kirche darauf gerichtet werden, dass die Einzelnen zu einer persönlichen Entscheidung und dann Entschiedenheit geführt werden. Das Katechumenat müsste wiederbelebt werden. So würde auch die Kirche selbst mehr als bisher als Gemeinschaft von Glaubenden erfahrbar. Die Gedanken, die Lefrank in diesem Buch vorlegt, sind ein Zwischenruf, der wehtut, weil er die an ihre Grenzen stoßende Wirklichkeit unserer Kirche beim Namen nennt, und der gleichzeitig einen sehr anspruchsvollen, aber wohl allein heilsamen Weg in eine neue, hoffnungsvolle Zukunft andeutet. Wer sich seinen Reflexionen öffnet, wird das Buch sicherlich sehr nachdenklich aus der Hand legen. Würzburg: Echter Verlag. 2016 182 Seiten € 14,90 ISBN 978-3-429-03921-9