Auf die Titelfrage, ob die Bibel frauenfeindlich ist, versuchen insgesamt 39 Kurzbeiträge dieses hochkarätig aus der deutschsprachigen biblischen Genderforschung bestückten Sammelbands eine Antwort zu geben. Keiner dieser Ein- und Überblicke in konkrete biblische Einzelthemen ist länger als acht Seiten. Das kommt einer nicht notwendig theologisch ausgebildeten, aber interessierten Hörerschaft entgegen. Denn die wissenschaftlich gleichwohl differenzierten Beiträge verzichten auf Zitate oder Fußnoten und erleichtern damit einen ersten Zugang zur Thematik. Leserfreundlich ist auch das Corporate Design der Beiträge, die stets folgende Elemente aufweisen: Titel, konkretisierender Untertitel, Einführung in die Thematik, Strukturierung durch Zwischenüberschriften und kurze Textblöcke, Kurzzusammenfassung („In aller Kürze …“) und maximal sieben prägnante, wissenschaftliche Literaturhinweise („Zum Weiterlesen“). Im Vorwort machen die Herausgeberinnen die Intention des Buches, nämlich „Forschungsergebnisse aus 50 Jahren exegetischer Frauen- und Genderforschung verständlich auf den Punkt“ (11) zu bringen, transparent. Es folgen zwei hermeneutische Einführungen: Zuerst wird ein Überblick über die Entwicklung der feministischen Bibelwissenschaft gegeben, der von frauenfokussierenden Ansätzen über (de)konstruktivistische Herangehensweisen bis zur Queeren Theologie reicht (13-21). In einem zweiten Schritt führen Agnethe Siquans und Sigrid Eder in die Konstanten wissenschaftlichen Arbeitens mit antiken Quellen wie der Bibel ein, zu denen eben auch die in allen Texten mitzulesende Folie einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur gehört. Sie legen offen, dass feministische Bibelforschung nicht (mehr) nur auf Sexismus fokussiert ist, sondern Diskriminierung in ihren intersektionalen Bedingungen (Rassismus, Klassismus, Ableismus) analysiert (22-29). Es folgen, am biblischen Kanon orientiert, 29 erst- und 10 zweittestamentliche Beiträge, ein Bibelstellenregister (304-314) und eine Übersicht zu den Autoren und Autorinnen (315-318). Aus Platzgründen wurde in den Kurzbeiträgen der biblische Text wohl meistens nicht abgedruckt. Wer also bei nicht so vertrauten Abschnitten eine Bibel neben das vorliegende Buch legt, hat es einfacher. Viele der Beiträge wagen über den binnenwissenschaftlichen Tellerrand hinaus einen aktualisierenden und damit gegenwartsrelevanten Ausblick, z.B. wenn die Vaterrede im Kontext irdischer Väter als missbräuchlich erlebt werden kann (vgl. 30); wenn Familienkonstruktionen auf das 19. Jahrhundert, nicht aber auf antike Familienstrukturen zurückgehen (vgl. 84) oder wenn biblische Körperkonzepte als relational und atmosphärisch bestimmt werden, im Gegensatz zu Körperkulturen der Gegenwart (114-120). Die exemplarischen Themen beschäftigen sich mit den Klassikern feministischer Exegese: „weibliche“ Aspekte literarischer Gottesbilder; Menschen- und nicht Männerschöpfung; Einflüsse archäologischer und literarischer Göttinnen im Entstehungskontext; androzentrische und verobjektivierende Darstellung bzw. Unsichtbarmachung von Frauen(figuren), Sichtbarmachung von vergessenen, überlesenen oder wirkungs- und auslegungsgeschichtlich ausgelöschten biblischen Akteurinnen wie Prophetinnen, Diakoninnen und Apostelinnen. Evangelische wie katholische Stimmen der Forschung sind in den Kurzkommentaren vertreten. Wer, bis auf zwei Ausnahmen, jedoch fehlt, sind männliche Autoren. Hier wird jedoch weniger eine Unausgewogenheit in der Konzeption des Bandes transparent als vielmehr die enorme Leistung der Bibelforscherinnen und das noch auszuschöpfende Potenzial auf Seiten ihrer Kollegen. Wegen des pointierten Stils ermöglicht der Band aus der Reihe des Katholischen Bibelwerks einen leichten Zugang zu den „Best of“ biblischer Frauen und Genderforschung und hält damit, was er verspricht: Halbwissen, Missverständnissen und Missbrauch von Bibeltexten entgegenzuwirken. Biblische Frauenbilder und was wirklich dahinter steckt Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk. 2025 318 Seiten 26,00 € ISBN 978-3-460-25366-0