Gudrun Krämer beschreibt in ihrem Fachartikel die Entstehung, Entwicklung und Ausdifferenzierung des Islamismus seit dem frühen 20. Jahrhundert. Als Ausgangspunkt gilt die Gründung der Muslimbruderschaft durch Hasan al Banna im Jahr 1928 in Ägypten. Die Organisation entstand vor dem Hintergrund des britischen Kolonialismus und verstand sich als religiöse, gesellschaftliche und politische Erneuerungsbewegung. Ihr Ziel war es, den Islam als umfassende Grundlage des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens zu stärken. Dabei knüpfte sie an islamische Reformbewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts an. Al Banna setzte zunächst auf religiöse Bildung, Mission und gesellschaftliche Reformen. Gleichzeitig zeigte seine Bewegung widersprüchliche Tendenzen, da sie einerseits Gewalt gegen Muslime ablehnte, andererseits militante Aktivitäten duldete. Die Muslimbruderschaft entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer gesellschaftlich breit verankerten Massenbewegung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten politische Umbrüche im Nahen Osten die Entwicklung des Islamismus. Besonders die Machtübernahme des Militärs in Ägypten 1952 und die anschließende Unterdrückung der Muslimbruderschaft führten zu einer Radikalisierung einzelner Strömungen. Eine zentrale Rolle spielte der islamistische Denker Sayyid Qutb, der die religiöse Legitimität säkularer Herrschaft grundsätzlich infrage stellte. Er vertrat die Auffassung, dass allein Gott die höchste Autorität über Recht und Gesellschaft besitze. Dieses Prinzip wird als Hakimiyya bezeichnet und begrenzt die Vorstellung menschlicher Selbstbestimmung und Gesetzgebung. Qutb interpretierte außerdem den Begriff Jahiliyya, der ursprünglich die vorislamische Zeit bezeichnete, als Zustand bewusster Abkehr von Gottes Offenbarung. Dadurch konnten auch Gesellschaften, die sich selbst als muslimisch verstanden, als religiös fehlgeleitet gelten. Seine Überlegungen beeinflussten radikale islamistische Bewegungen und verschärften die Auseinandersetzung darüber, wann Muslime als ungläubig gelten und ob Gewalt gegen sie gerechtfertigt werden könne.
Ein besonders umstrittenes theologisches Problem stellt deshalb der Takfir dar. Darunter versteht man die Erklärung eines Menschen, der sich selbst als Muslim versteht, zum Ungläubigen. Diese Praxis kann dazu dienen, religiöse und politische Gegner aus der muslimischen Gemeinschaft auszuschließen und Gewalt gegen sie zu legitimieren. Während einige islamistische Gruppierungen diese Möglichkeit weitgehend ablehnen, nutzen radikale Bewegungen sie zur Rechtfertigung ihres Kampfes gegen bestehende Herrschaftssysteme. Die unterschiedlichen Positionen zum Takfir und zum Dschihad wurden zu wichtigen Unterscheidungsmerkmalen islamistischer Strömungen.
In den 1970er und 1980er Jahren erhielt der Islamismus durch mehrere internationale Ereignisse zusätzliche Bedeutung. Dazu gehörten der Friedensschluss zwischen Ägypten und Israel, die Islamische Revolution im Iran, die sowjetische Invasion in Afghanistan und die Besetzung der Großen Moschee in Mekka. Besonders der Krieg in Afghanistan förderte die internationale Vernetzung militanter islamistischer Gruppen. In diesem Zusammenhang entwickelte sich Al Qaida unter Osama bin Laden zu einer bedeutenden internationalen dschihadistischen Organisation. Gleichzeitig entstanden in verschiedenen Ländern islamistische Bewegungen, die nicht auf bewaffnete Auseinandersetzungen, sondern auf soziale Arbeit, religiöse Bildung und politische Beteiligung setzten. Der Islamismus entwickelte sich somit in unterschiedliche Richtungen, die von gesellschaftlicher Reform bis zu revolutionärer Gewalt reichten.
Im Mittelpunkt islamistischer Vorstellungen steht nach Krämer die Überzeugung, dass der Islam nicht lediglich eine persönliche Glaubensüberzeugung, sondern eine umfassende Ordnung für das gesamte menschliche Leben darstelle. Koran und Sunna gelten dabei als grundlegende religiöse Autoritäten, während die Scharia als verbindliche Rechtsordnung und Werteordnung verstanden wird. Die islamistische Forderung nach einer umfassenden Gestaltung von Gesellschaft und Staat richtet sich besonders gegen säkulare Vorstellungen, die Religion und Politik voneinander unterscheiden. Die Parole „Der Islam ist die Lösung“ bringt diesen Anspruch zum Ausdruck. Islamistische Bewegungen verbinden damit die Hoffnung auf moralische Erneuerung, gesellschaftliche Einheit und die Überwindung politischer und kultureller Abhängigkeiten. Die Autorin betont jedoch, dass diese Vorstellungen auf einem bestimmten Islamverständnis beruhen und keineswegs von allen Muslimen geteilt werden.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist die muslimische Kritik am Islamismus. Innerhalb des Islams bestehen erhebliche Meinungsverschiedenheiten darüber, ob religiöse Überzeugungen eine bestimmte politische Ordnung vorschreiben und wie verbindlich einzelne Auslegungen religiöser Quellen sind. Kritisiert wird insbesondere der Anspruch islamistischer Bewegungen, ihre eigene Interpretation des Islams als einzig wahre und authentische Glaubenslehre darzustellen. Ebenso umstritten ist die Vorstellung, dass ein islamischer Staat notwendige Voraussetzung für ein wahrhaft islamisches Leben sei. Krämer weist darauf hin, dass der Islamismus trotz seiner Kritik an westlicher Moderne und modernen Nationalstaaten selbst von modernen Vorstellungen politischer Herrschaft und staatlicher Gesetzgebung geprägt ist.
Besonders deutlich treten die theologischen Konflikte bei der Frage nach der Legitimität religiös begründeter Gewalt hervor. Dabei geht es um die Auslegung des Dschihads, den Umgang mit Andersgläubigen und Andersdenkenden sowie um die Grenzen religiös gerechtfertigter Selbstverteidigung. Kontrovers diskutiert werden insbesondere Gewalt gegen Menschen, die keine feindlichen Handlungen begangen haben, sowie Selbstmordattentate. Diesen radikalen Positionen stehen muslimische Denker gegenüber, die unter Berufung auf Koran und Sunna eine Haltung der Mäßigung vertreten. Das Konzept der Wasatiyya betont Maß, Ausgewogenheit und die Berücksichtigung möglicher Folgen des eigenen Handelns. Die Autorin macht allerdings deutlich, dass auch dieses Konzept politisch genutzt werden kann, beispielsweise zur Unterstützung autoritärer Herrschaftssysteme.
Im weiteren Verlauf erläutert Krämer die Schwierigkeiten einer eindeutigen Einteilung islamistischer Bewegungen. Sie unterscheidet zwischen religiös zurückhaltenden, politisch aktiven, reformorientierten, radikalen und gewaltbereiten Strömungen. Einige Gruppierungen akzeptieren bestehende politische Institutionen und beteiligen sich an Wahlen, während andere die staatliche Ordnung grundsätzlich ablehnen oder gewaltsam verändern wollen. Weitere Unterschiede bestehen darin, ob Bewegungen vor allem die religiöse Lebensführung einzelner Menschen, die muslimische Gemeinschaft oder den gesamten Staat verändern möchten. Auch hinsichtlich ihrer geografischen Ausrichtung unterscheiden sich islamistische Organisationen. Manche konzentrieren sich auf nationale Konflikte, während andere internationale Netzwerke aufbauen und globale Ziele verfolgen. Durch das Internet und soziale Medien sind außerdem neue Formen individueller Radikalisierung entstanden.
Abschließend beschäftigt sich der Artikel mit Veränderungen, Selbstkritik und Neuorientierungen innerhalb des Islamismus. Krämer zeigt, dass islamistische Bewegungen keineswegs unveränderlich sind, sondern auf politische Erfahrungen und gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Einzelne Organisationen haben sich ausdrücklich von Gewalt distanziert und ihre bisherigen Strategien überdacht. Andere religiöse Bewegungen, insbesondere Teile des Salafismus, haben sich dagegen zunehmend politisiert. Der Salafismus orientiert sich am Vorbild des Propheten Muhammad und der frühen muslimischen Generationen, war jedoch lange vor allem auf persönliche Frömmigkeit ausgerichtet. Erst in jüngerer Zeit entstanden verstärkt salafistische Parteien und politische Organisationen.
Eine weitere Entwicklung beschreibt die Autorin mit dem Begriff Postislamismus. Gemeint sind Veränderungen, bei denen ehemalige islamistische Bewegungen ihre politischen Ziele neu bestimmen und teilweise eine Trennung zwischen religiöser und politischer Tätigkeit anerkennen. Als Beispiel nennt Krämer die tunesische Ennahda Bewegung, die 2016 ihre religiöse und politische Arbeit institutionell voneinander trennte und sich zu einer demokratischen Ordnung bekannte. Dieses Beispiel zeigt, dass islamistische Bewegungen unter bestimmten Bedingungen ihre bisherigen Vorstellungen verändern und demokratische Prinzipien anerkennen können.
Insgesamt verdeutlicht der Artikel, dass der Islamismus nicht mit dem Islam insgesamt gleichgesetzt werden darf und auch nicht ausschließlich durch religiösen Extremismus oder Terrorismus beschrieben werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine historisch gewachsene, politisch und theologisch vielfältige Strömung, deren unterschiedliche Ausprägungen von gesellschaftlichem Engagement über politische Reformvorstellungen bis zu gewaltsamem Extremismus reichen. Für die schulische Auseinandersetzung ist besonders bedeutsam, zwischen religiösem Glauben, islamischen Traditionen, politischen Deutungen des Islams und extremistischen Ideologien zu unterscheiden. Der Artikel bietet damit eine Grundlage, um mit Lernenden über Religion und Politik, religiöse Autorität, Demokratie, Menschenrechte, Gewalt und die Vielfalt muslimischer Positionen zu diskutieren.