Der Fachartikel von Claudia Gärtner beschäftigt sich mit der Bedeutung des Bösen für die religiöse Bildung und untersucht insbesondere das religionspädagogische Potenzial der siebten Bitte des Vaterunsers. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das Böse im Religionsunterricht und in der religionspädagogischen Fachliteratur vergleichsweise selten thematisiert wird. Während die Bitte um Bewahrung vor Versuchung auch außerhalb religiöser Zusammenhänge bekannt ist und beispielsweise in Werbung oder sozialen Medien aufgegriffen wird, findet die Bitte um Erlösung von dem Bösen deutlich weniger Aufmerksamkeit. Die Autorin betrachtet diese Vernachlässigung als problematisch, weil Kinder und Jugendliche in ihrer Lebenswelt vielfach mit Leid, Ungerechtigkeit, Gewalt und gesellschaftlichen Krisen konfrontiert werden. Gerade deshalb erscheint es notwendig, das Böse als eigenständiges theologisches und religionspädagogisches Thema ernst zu nehmen.
Ein möglicher Grund für die geringe Beachtung des Bösen liegt nach Auffassung der Autorin darin, dass religiöse Erziehung Kinder vor belastenden Vorstellungen schützen möchte. Insbesondere die Frage, weshalb Gott Leid und Ungerechtigkeit zulässt, gilt als schwierig und wird deshalb häufig vermieden. Hinzu kommt, dass sich die Religionspädagogik bewusst von früheren Formen autoritärer religiöser Erziehung abgegrenzt hat. In solchen Erziehungskonzepten wurde Gott teilweise als strafende Instanz dargestellt, die menschliches Fehlverhalten überwacht und bestraft. Als Gegenbewegung entwickelte sich eine starke Betonung des gütigen und liebenden Gottes. Diese Entwicklung bewertet die Autorin grundsätzlich als nachvollziehbar, weist jedoch darauf hin, dass auch ein ausschließlich positives Gottesbild problematisch werden kann. Wenn Gott nur als liebevoller Helfer dargestellt wird, bleiben schwierige Glaubensfragen nach Leid, Schuld, Ungerechtigkeit und Gottes scheinbarer Abwesenheit unbeantwortet.
Die Autorin möchte deshalb nicht zu einem angstmachenden Gottesbild zurückkehren. Vielmehr geht es ihr darum, religiöse Bildung so zu gestalten, dass unterschiedliche Lebenserfahrungen und Glaubensfragen berücksichtigt werden. Ein tragfähiges Gottesbild muss ihrer Auffassung nach sowohl positive Erfahrungen als auch Zweifel, Verzweiflung und die Erfahrung des Bösen aufnehmen können. Die siebte Vaterunserbitte eröffnet hierfür einen besonderen Zugang, weil sie das Böse ausdrücklich benennt und gleichzeitig die Hoffnung auf Gottes rettende Gegenwart zum Ausdruck bringt.
Im zweiten Teil des Artikels untersucht die Autorin die biblischen und theologischen Grundlagen der Bitte um Erlösung von dem Bösen. Sie verweist darauf, dass das Vaterunser im Matthäusevangelium innerhalb der Bergpredigt überliefert ist. Die einzelnen Bitten dürfen deshalb nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen im Zusammenhang des gesamten Gebets verstanden werden. Eine grundlegende Schwierigkeit besteht darin, dass der Begriff des Bösen unterschiedliche Bedeutungen besitzt. Im griechischen Ausgangstext kann sowohl von dem Bösen als einer Macht als auch von einem personifizierten Bösen gesprochen werden. Die Bitte muss deshalb nicht ausschließlich auf den Teufel oder Satan bezogen werden. Sie kann ebenso auf Krankheit, Gewalt, Leid, zerstörerische menschliche Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Ungerechtigkeit verweisen.
Die Autorin betont, dass das Böse nicht mit individuellem moralischem Fehlverhalten gleichgesetzt werden darf. Menschen können zwar durch ihre Entscheidungen und Handlungen Böses verursachen, sie können aber ebenso Opfer von Leid und Ungerechtigkeit werden, ohne dafür verantwortlich zu sein. Damit besitzt das Böse sowohl eine aktive als auch eine passive Dimension. Menschen handeln selbst schuldig und werden zugleich mit zerstörerischen Mächten und Verhältnissen konfrontiert, die sie nicht vollständig kontrollieren können.
Zur theologischen Vertiefung greift die Autorin auf den Apostel Paulus zurück. Im Römerbrief beschreibt Paulus die Sünde als eine Macht, die den Menschen beeinflusst und dazu führen kann, dass er gegen seine eigenen Überzeugungen handelt. Das Böse erscheint dadurch nicht ausschließlich als Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Vielmehr können Menschen in Zusammenhänge verstrickt sein, in denen sie selbst zu Unrecht beitragen, obwohl sie dieses Unrecht möglicherweise ablehnen. Diese Perspektive erweitert das Verständnis von Schuld und macht deutlich, dass menschliches Handeln nicht unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden kann.
Auch der Begriff der Erlösung wird im Artikel genauer untersucht. Die entsprechende griechische Formulierung kann nicht nur mit Erlösung, sondern auch mit Rettung oder Bewahrung übersetzt werden. Dadurch erhält die siebte Vaterunserbitte eine umfassendere Bedeutung. Sie richtet sich nicht allein auf die Befreiung von persönlicher Sünde, sondern auch auf die Rettung aus leidvollen und zerstörerischen Lebenssituationen. Menschen bitten Gott demnach nicht nur darum, selbst nicht schuldig zu werden, sondern auch darum, vor der Macht des Bösen geschützt und aus belastenden Verhältnissen befreit zu werden. Diese Bitte bezieht sich auf das gegenwärtige Leben und besitzt deshalb eine unmittelbare gesellschaftliche und persönliche Bedeutung.
Eng mit der siebten Bitte verbunden ist die sechste Vaterunserbitte, in der es um die Versuchung geht. Die Autorin erläutert, dass Versuchung nicht ausschließlich als Verlockung zu einer moralisch falschen Handlung verstanden werden sollte. Eine tiefere theologische Bedeutung besteht darin, dass Menschen angesichts von Leid und Ungerechtigkeit an Gott zweifeln können. Wenn Gott scheinbar nicht eingreift, obwohl Menschen leiden und Unrecht geschieht, kann der Glaube an seine Güte und Gegenwart erschüttert werden. Die Versuchung besteht dann darin, das Vertrauen auf Gott zu verlieren und an seiner rettenden Macht zu verzweifeln.
Damit berührt der Artikel unmittelbar die Theodizeefrage. Diese fragt danach, wie das Böse und das Leid in der Welt mit dem Glauben an einen guten und allmächtigen Gott vereinbar sind. Die Autorin zeigt, dass die Vaterunserbitten keine einfache Antwort auf diese Frage geben. Vielmehr ermöglichen sie, die Spannung zwischen Gottes Güte, seiner scheinbaren Abwesenheit und dem tatsächlichen Leid der Menschen auszuhalten. Das Gebet wird zu einem Ausdruck der Klage, der Verzweiflung und zugleich des Festhaltens an Gott. Gerade weil Menschen Gottes Eingreifen nicht unmittelbar erfahren, können sie ihre Not im Gebet vor ihn bringen.
Die Autorin macht deutlich, dass diese theologische Perspektive den Menschen nicht von seiner Verantwortung entbindet. Die Bitte um göttliche Rettung bedeutet nicht, dass Menschen selbst untätig bleiben dürfen. Vielmehr besteht eine enge Verbindung zwischen menschlicher Freiheit, Verantwortung und der Hoffnung auf Gottes Hilfe. Menschen können in ungerechte Verhältnisse eingebunden sein und gleichzeitig durch ihr eigenes Handeln zu deren Fortbestehen beitragen. Diese Verbindung von persönlicher Verantwortung und gesellschaftlicher Verstrickung wird theologisch mit dem Begriff der strukturellen Sünde beschrieben.
Strukturelle Sünde bezeichnet gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Verhältnisse, die Ungerechtigkeit hervorbringen oder verstärken. Solche Strukturen können Menschen zu Handlungen veranlassen, die anderen schaden, obwohl die Einzelnen diese Folgen möglicherweise nicht beabsichtigen. Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang auf die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die das Böse nicht nur im individuellen Verhalten, sondern auch in ungerechten gesellschaftlichen Machtverhältnissen verortet. Menschen sind demnach nicht ausschließlich für einzelne Handlungen verantwortlich, sondern müssen auch die Bedingungen hinterfragen, unter denen Unrecht entsteht und bestehen bleibt.
Diese Überlegungen überträgt die Autorin auf die gegenwärtige Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Sie beschreibt eine gesellschaftliche Situation, die durch mehrere gleichzeitig auftretende Krisen geprägt ist. Dazu gehören Kriege, Gewalt, Armut, wirtschaftliche Unsicherheit, politische Konflikte, die Gefährdung demokratischer Strukturen und insbesondere die Klimakrise. Solche Entwicklungen können bei jungen Menschen Ängste, Verzweiflung und das Gefühl auslösen, ihre Zukunft nicht ausreichend beeinflussen zu können. Die Frage nach dem Bösen erhält dadurch eine konkrete Bedeutung, weil die Lernenden mit Situationen konfrontiert werden, in denen Menschen leiden und grundlegende Vorstellungen von Gerechtigkeit verletzt werden.
Besonders ausführlich behandelt die Autorin die ökologische Krise. Sie erläutert, dass Umweltzerstörung und Klimawandel nicht allein auf das Verhalten einzelner Menschen zurückgeführt werden können. Zwar tragen individuelle Entscheidungen wie Flugreisen, Fleischkonsum oder energieintensive Lebensweisen zur Umweltbelastung bei. Die Ursachen der Klimakrise liegen jedoch ebenso in umfassenden wirtschaftlichen und politischen Strukturen. Dazu gehören die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, wirtschaftliche Wachstumszwänge und die Macht großer Unternehmen. Einzelne Menschen können ihre Lebensweise verändern, besitzen aber nur begrenzte Möglichkeiten, diese umfassenden Strukturen eigenständig zu überwinden.
Die Autorin kritisiert deshalb eine einseitige Konzentration auf persönliche Schuld. Wenn die Verantwortung für die Klimakrise überwiegend einzelnen Menschen zugeschrieben wird, geraten die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen aus dem Blick. Dies kann dazu führen, dass Lernende sich für Entwicklungen verantwortlich fühlen, die sie allein nicht verändern können. Gleichzeitig bleiben diejenigen Akteure, die über große wirtschaftliche oder politische Einflussmöglichkeiten verfügen, möglicherweise von einer angemessenen Verantwortung ausgenommen. Die Autorin sieht darin eine problematische Verschiebung von struktureller auf individuelle Verantwortung.
Anhand gesellschaftlicher Debatten über Klimaaktivismus zeigt sie, wie diese Verschiebung konkret sichtbar wird. Menschen, die politische Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern, werden teilweise vor allem an ihrem persönlichen Lebensstil gemessen. Einzelne Flugreisen oder andere umweltschädliche Entscheidungen können dann stärker diskutiert werden als die politischen Forderungen oder die wirtschaftlichen Strukturen, die zur Klimakrise beitragen. Die Autorin argumentiert, dass eine solche Konzentration auf persönliche Widersprüche dazu führen kann, grundlegende Machtfragen auszublenden. Aus theologischer Sicht ist deshalb eine Betrachtung notwendig, die sowohl individuelle Verantwortung als auch strukturelles Unrecht berücksichtigt.
Im nächsten Abschnitt untersucht die Autorin, welche Bedeutung diese Perspektive für die Entwicklung des Gottesbildes im Religionsunterricht besitzt. Sie stellt fest, dass die Auseinandersetzung mit dem Bösen dazu beitragen kann, ein vereinfachtes Bild Gottes zu überwinden. Ein Gott, der ausschließlich als liebevoller Helfer dargestellt wird, entspricht nicht immer den Erfahrungen von Menschen, die unter Leid und Ungerechtigkeit leiden. Gleichzeitig wäre es ebenso problematisch, Gott als Ursache allen Leids oder als strafende Macht darzustellen. Die Vaterunserbitten eröffnen eine andere Perspektive, indem sie das Böse ernst nehmen und dennoch an der Beziehung zwischen Gott und Mensch festhalten.
Die Bitte um Erlösung enthält nach Auffassung der Autorin sowohl Klage als auch Hoffnung. Menschen können Gott ihre Verzweiflung mitteilen und gleichzeitig auf seine rettende Gegenwart vertrauen. Dabei wird nicht vorausgesetzt, dass Gott unmittelbar und sichtbar in jede schwierige Situation eingreift. Das Gebet ist deshalb keine einfache Methode, um Probleme zu lösen oder bestimmte Wünsche erfüllt zu bekommen. Vielmehr eröffnet es einen Raum, in dem Menschen ihre Ängste, Zweifel und Hoffnungen ausdrücken können. Ein solches Gottesbild kann für Lernende besonders bedeutsam sein, wenn sie erleben, dass die Welt nicht gerecht ist und schwierige Fragen unbeantwortet bleiben.
Anschließend beschäftigt sich die Autorin mit den psychischen Belastungen junger Menschen. Sie verweist auf Studien, die zeigen, dass Jugendliche durch Inflation, Krieg, Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheit und Zukunftsängste erheblich belastet sind. Besonders die Klimakrise löst bei vielen jungen Menschen Angst, Traurigkeit, Wut und Hilflosigkeit aus. Diese Belastung wird unter anderem als Klimaangst bezeichnet. Die Autorin betont, dass solche Gefühle nicht vorschnell als individuelles psychisches Problem betrachtet werden dürfen. Vielmehr können sie eine nachvollziehbare Reaktion auf tatsächliche gesellschaftliche und ökologische Bedrohungen darstellen.
Besonders problematisch ist nach ihrer Darstellung, dass viele junge Menschen den Eindruck haben, politische und wirtschaftliche Verantwortungsträger würden ihre Sorgen nicht ausreichend ernst nehmen. Wenn notwendige Maßnahmen zum Schutz der Umwelt ausbleiben, können Jugendliche dies als Verletzung grundlegender moralischer Erwartungen erleben. Sie fühlen sich möglicherweise um ihre Zukunft betrogen und verlieren das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen. Die Autorin beschreibt diese Erfahrungen als moralische Verletzungen, weil sie nicht nur mit Angst, sondern auch mit wahrgenommener Ungerechtigkeit verbunden sind.
Hinzu kommt, dass sich viele Jugendliche selbst für die Klimakrise verantwortlich fühlen. Sie hinterfragen ihre eigenen Konsumgewohnheiten, versuchen umweltbewusst zu leben und engagieren sich politisch. Gleichzeitig müssen sie feststellen, dass ihre individuellen Bemühungen nicht ausreichen, um die weltweiten Probleme zu lösen. Diese Verbindung von Verantwortungsgefühl, begrenzter Handlungsmacht und anhaltender Bedrohung kann zu Überforderung und Erschöpfung führen. Besonders engagierte junge Menschen können dadurch das Gefühl entwickeln, trotz großer persönlicher Anstrengungen nichts Entscheidendes verändern zu können.
Die Autorin fordert deshalb, im Religionsunterricht Räume für Angst, Wut, Traurigkeit und Verzweiflung zu eröffnen. Lernende sollen ihre Gefühle ausdrücken können, ohne dass diese vorschnell bewertet oder als unangemessen dargestellt werden. Gleichzeitig reicht es nicht aus, lediglich die persönliche Widerstandskraft zu stärken oder individuelle Bewältigungsstrategien zu vermitteln. Die gesellschaftlichen Ursachen der Belastungen müssen ebenfalls thematisiert werden. Der Religionsunterricht kann dazu beitragen, die Verbindung zwischen persönlichen Erfahrungen und ungerechten gesellschaftlichen Strukturen sichtbar zu machen.
Die siebte Vaterunserbitte besitzt in diesem Zusammenhang ein besonderes Potenzial. Sie ermöglicht es, das Böse nicht nur als persönliches Fehlverhalten, sondern auch als Ausdruck zerstörerischer gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen. Lernende können sich dadurch mit der Frage beschäftigen, welche Ursachen hinter ihren Ängsten stehen und wer Verantwortung für bestehende Ungerechtigkeiten trägt. Die Bitte um Erlösung kann so zum Ausgangspunkt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart werden.
Im folgenden Abschnitt entwickelt die Autorin eine gesellschaftskritische und emanzipatorische Deutung des Vaterunsers. Sie argumentiert, dass religiöse Bildung nicht bei der Vermittlung persönlicher Moral stehen bleiben darf. Vielmehr sollen Lernende befähigt werden, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu erkennen, zu untersuchen und kritisch zu beurteilen. Am Beispiel der Klimakrise können sie fragen, welche wirtschaftlichen Interessen bestimmte Entwicklungen beeinflussen, welche politischen Entscheidungen notwendige Veränderungen verhindern und welche Menschen besonders unter den Folgen leiden.
Diese Perspektive verbindet die Autorin mit dem Bildungsauftrag des Religionsunterrichts. Religiöse Bildung soll Lernende nicht nur mit christlichen Traditionen vertraut machen, sondern auch ihre Fähigkeit fördern, Verantwortung in Kirche und Gesellschaft zu übernehmen. Dazu gehört, Ungerechtigkeit zu erkennen, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu hinterfragen und Möglichkeiten verantwortlichen Handelns zu entwickeln. Die Autorin verweist dabei auf die Beschlüsse der Würzburger Synode, die den Religionsunterricht ausdrücklich mit der Förderung kritischer Urteilsfähigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung verbinden.
Eine solche Unterrichtsgestaltung kann verhindern, dass Lernende ausschließlich mit persönlichen Schuldgefühlen auf gesellschaftliche Krisen reagieren. Stattdessen können sie erkennen, dass Veränderungen auch gemeinschaftliches und politisches Handeln erfordern. Die Beschäftigung mit struktureller Sünde soll dabei nicht dazu führen, persönliche Verantwortung abzulehnen. Vielmehr geht es darum, individuelle Entscheidungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen in ihrem Zusammenhang zu betrachten. Die Lernenden sollen erkennen können, wo sie selbst Handlungsmöglichkeiten besitzen und wo Veränderungen nur durch gemeinsame gesellschaftliche Anstrengungen erreicht werden können.
Im letzten Teil des Artikels beschäftigt sich die Autorin mit der Bedeutung christlicher Hoffnung. Sie beschreibt, dass viele Jugendliche die Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen erkennen und sich beispielsweise in Klimabewegungen engagieren. Gleichzeitig erleben sie, dass politische Maßnahmen häufig hinter ihren Erwartungen zurückbleiben. Dies kann zu Enttäuschung, Erschöpfung und zunehmender Verzweiflung führen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Orientierung christliche Hoffnung bieten kann, ohne die tatsächlichen Gefahren zu verharmlosen.
Die Autorin verweist auf kirchliche Stellungnahmen und auf die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus, in der eine grundlegende ökologische und gesellschaftliche Veränderung gefordert wird. Christliche Hoffnung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, bestehende Probleme zu ignorieren oder darauf zu vertrauen, dass Gott alle Schwierigkeiten ohne menschliches Zutun beseitigt. Vielmehr verbindet sie die Anerkennung der tatsächlichen Gefahren mit dem Vertrauen darauf, dass Veränderung und eine gute Zukunft möglich bleiben.
Die Bitte um Erlösung von dem Bösen kann Lernenden deshalb eine zusätzliche Deutungsperspektive eröffnen. Sie können erfahren, dass Menschen ihre Sorgen, Ängste und Grenzen im Gebet vor Gott bringen dürfen. Das abschließende Amen des Vaterunsers wird dabei als Ausdruck von Vertrauen und Hoffnung verstanden. Menschen müssen ihre Verantwortung nicht aufgeben, dürfen aber zugleich anerkennen, dass sie die Welt nicht allein retten können. Diese Einsicht kann vor moralischer Selbstüberforderung schützen und dazu beitragen, trotz begrenzter Handlungsmöglichkeiten handlungsfähig zu bleiben.
Die Autorin betont allerdings, dass eine solche Hoffnungsperspektive eine religiöse Grundhaltung voraussetzt, die bei Lernenden nicht selbstverständlich vorhanden ist. Deshalb darf christliche Hoffnung im Religionsunterricht nicht als verpflichtende persönliche Überzeugung vermittelt werden. Sie kann vielmehr als ein religiöses Deutungsangebot vorgestellt werden, mit dem sich die Lernenden auseinandersetzen können. Dabei bleibt offen, ob sie diese Perspektive für sich selbst übernehmen möchten.
Zusammenfassend zeigt der Fachartikel, dass die Auseinandersetzung mit dem Bösen eine wichtige Aufgabe des Religionsunterrichts darstellt. Die siebte Vaterunserbitte bietet die Möglichkeit, grundlegende theologische Fragen mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen und den persönlichen Erfahrungen der Lernenden zu verbinden. Sie kann dazu beitragen, ein differenziertes Gottesbild zu entwickeln, individuelle und strukturelle Formen des Bösen zu unterscheiden, gesellschaftliche Ungerechtigkeiten kritisch zu untersuchen und die Bedeutung christlicher Hoffnung kennenzulernen. Für Lehrkräfte ergibt sich daraus die Aufgabe, das Böse nicht aus falsch verstandener Rücksichtnahme auszuklammern, sondern altersangemessen und sensibel zu behandeln. Dabei sollten persönliche Ängste ernst genommen, gesellschaftliche Ursachen reflektiert und unterschiedliche religiöse oder weltanschauliche Deutungen respektiert werden.
Der Artikel liefert vor allem eine theologische und religionspädagogische Begründung für die Beschäftigung mit dem Bösen. Er entwickelt vier grundlegende Perspektiven für den Unterricht, stellt jedoch keine empirisch überprüfte Unterrichtsreihe vor. Seine besondere Bedeutung für Lehrkräfte liegt darin, dass er die Beschäftigung mit dem Vaterunser über die traditionelle Gebetserschließung hinaus erweitert und mit Fragen nach Gerechtigkeit, Verantwortung, gesellschaftlichen Krisen und Hoffnung verbindet.