Margit Herfarth beginnt ihren Artikel mit der bekannten Geschichte von Sankt Martin. Ein römischer Soldat begegnet in einer kalten Winternacht einem frierenden Bettler, teilt seinen Mantel und gibt ihm eine Hälfte. Diese Erzählung vermittelt zunächst ein positives Bild von Barmherzigkeit. Menschen können sich mit Martin identifizieren und dazu angeregt werden, selbst barmherzig und gerecht zu handeln. Darin liegt auch eine religionspädagogische Hoffnung: Erzählungen über Barmherzigkeit und Gerechtigkeit können Lernende motivieren, sich am Handeln ihrer Vorbilder zu orientieren.
Herfarth macht jedoch darauf aufmerksam, dass die Martinsgeschichte auch kritisch gelesen werden kann. Sie verdeutlicht eine grundsätzliche Schwierigkeit des Helfens. Martin sitzt zunächst oben auf seinem Pferd, während der Bettler unten am Straßenrand sitzt. Dieses Bild steht für eine ungleiche Beziehung zwischen Helfenden und Hilfeempfangenden. Die Helfenden erscheinen als stark und handlungsfähig, während die Hilfeempfangenden als schwach und abhängig wahrgenommen werden. Sie können dadurch zu bloßen Objekten der Hilfe werden. Eine solche Rollenverteilung findet sich nach Herfarth auch in der Geschichte und Gegenwart der Diakonie.
Diese feste Rollenverteilung hat für beide Seiten problematische Folgen. Helfende können durch ihre Position ein Gefühl von Macht und Stärke entwickeln. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sie ihre eigene Schwäche und Bedürftigkeit nicht mehr wahrnehmen. Daraus können Überforderung, Frustration und ein sogenanntes Helfersyndrom entstehen. Hilfeempfangende wiederum können dauerhaft auf ihre Rolle als Bedürftige festgelegt werden. Sie müssen gewissermaßen hilfsbedürftig bleiben, damit die Helfenden ihre Rolle weiterhin ausüben können. Besonders problematisch wird diese Beziehung, wenn Helfende Dankbarkeit, Zuneigung oder Kooperation erwarten und enttäuscht oder wütend reagieren, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden.
Der Theologe und Pastoralpsychologe Michael Klessmann bezeichnet solche problematischen Seiten als die „Schatten“ der Diakonie. Dazu gehören der Wunsch nach Macht, Stärke und Anerkennung sowie das Bedürfnis, selbst geliebt und gebraucht zu werden. Gleichzeitig können Helfende Schwierigkeiten damit haben, ihre eigene Unsicherheit, Bedürftigkeit und Begrenztheit anzuerkennen. Damit stellt der Artikel ein idealisiertes Bild des Helfens infrage. Helfende handeln nicht automatisch vollkommen selbstlos, sondern bringen ihre eigenen Wünsche, Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen in die Beziehung ein.
Als Gegenmodell stellt Herfarth die Gedanken des evangelischen Pfarrers und Diakonikers Ulrich Bach vor. Bach entwickelte die Vorstellung einer solidarischen Diakonie. Eine wichtige Grundlage dafür bildet ein Text des jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig. Rosenzweig verwendet das Bild von Menschen, die alle gemeinsam in einem Sumpf stecken. Niemand besitzt festen Boden unter den Füßen und niemand kann sich allein retten. Trotzdem können Menschen einander halten und vor dem Versinken bewahren. Diese gegenseitige Hilfe ist möglich, weil alle Menschen selbst getragen werden. Das Bild mündet in den Gedanken: „Es gibt kein Stehen, nur ein Getragenwerden.“
Herfarth versteht dieses Bild als Grundlage einer solidarischen Diakonie. Menschen können anderen helfen, weil sie selbst Hilfe erfahren und getragen werden. Ein Mensch hilft also nicht deshalb, weil er grundsätzlich stärker, fähiger oder weniger bedürftig als ein anderer Mensch wäre. Er kann helfen, weil er seine eigenen Grenzen und seine eigene Bedürftigkeit kennt und sich zugleich als beschenkt und getragen versteht. Theologisch bedeutet dies, dass menschliches Helfen nicht allein aus eigener Kraft geschieht. Hinter der gegenseitigen Unterstützung steht das Getragensein durch Gott.
Damit wird die traditionelle Trennung zwischen Gebenden und Empfangenden sowie zwischen Starken und Schwachen aufgebrochen. Kein Mensch gibt ausschließlich und kein Mensch nimmt ausschließlich. Die Rollen können sich verändern. Wer heute Hilfe gibt, kann morgen selbst auf Unterstützung angewiesen sein. Wer gegenwärtig Hilfe benötigt, besitzt zugleich Fähigkeiten und Möglichkeiten, anderen etwas zu geben. Eine diakonische Haltung der Gegenseitigkeit achtet deshalb die Mündigkeit des anderen Menschen, ermöglicht dessen eigenständige Entwicklung, respektiert seinen Willen und vermeidet gegenseitige Überforderung. Helfende und Hilfeempfangende sollen gemeinsam lernen, was angemessenes Geben und Nehmen bedeutet.
Abschließend überträgt Herfarth diese Überlegungen auf den Religionsunterricht. Diakonische Erzählungen sollten nicht ausschließlich aus der Perspektive der Helfenden behandelt werden. Lernende sollen ebenso eingeladen werden, die Perspektive der Menschen einzunehmen, die Hilfe empfangen. Bei der Martinsgeschichte bedeutet dies beispielsweise, nicht nur die Geschichte Martins zu erzählen, sondern auch danach zu fragen, wer der Bettler ist, was er erlebt und wie er die Begegnung wahrnimmt. Auch bekannte Persönlichkeiten aus der Geschichte der Diakonie können daraufhin untersucht werden, wann sie selbst Hilfe benötigt und empfangen haben. Dadurch kann im Religionsunterricht ein Verständnis entstehen, nach dem jeder Mensch geben kann und zugleich Hilfe annehmen darf. Diakonie wird somit nicht als einseitige Hilfe von Starken für Schwache verstanden, sondern als gegenseitiges Geben, Nehmen und Getragenwerden.