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Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH

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Der Gipfel der Vollkommenheit

Veröffentlichung:1.1.1970

Der Fachartikel wurde von Dr. Gabriele Ziegler unter dem Titel: „Der Gipfel der Vollkommenheit“ verfasst. Der Artikel umfasst 14 Seiten. Im Mittelpunkt steht die Frage, was christliche Vollkommenheit nach den frühen Mönchsvätern bedeutet. Ausgehend von Johannes Cassian und dem ägyptischen Mönchtum zeigt Ziegler, dass Vollkommenheit nicht durch besonders strenge Askese, Rückzug oder außergewöhnliche religiöse Leistungen erreicht wird. Entscheidend sind vielmehr die Unterscheidungsfähigkeit, die Selbsterkenntnis, die Reinigung des Herzens, das Gebet, die Ausrichtung auf Christus und die Liebe zum Mitmenschen.

Der Fachartikel behandelt mehrere theologische Probleme. Ein zentrales Problem ist die Frage, wie christliche Vollkommenheit überhaupt verstanden werden kann und ob Menschen sie aus eigener Kraft erreichen können. Damit verbunden ist die Spannung zwischen Askese und Gnade, zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft sowie zwischen Eigenverantwortung und problematischem Eigenwillen. Der Artikel fragt außerdem, wie Menschen mit Leidenschaften, Versuchungen und belastenden Gedanken umgehen können. Ein weiteres theologisches Problem betrifft das Verhältnis von Gottesliebe und Nächstenliebe. Die Gottesbeziehung erweist sich letztlich gerade im Umgang mit anderen Menschen. Vollkommenheit bedeutet deshalb nicht religiöse Selbstoptimierung, sondern einen lebenslangen Weg zu Gott, der von Demut, Gebet, Selbsterkenntnis und Liebe geprägt ist.

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Der Artikel beginnt mit Johannes Cassian und seinem Gefährten Germanus, die um das Jahr 385 nach Ägypten reisen. Sie suchen dort bei erfahrenen Mönchsvätern nach einem Weg zur Vollkommenheit. Im Kloster des Abbas Pinufios erleben sie die Unterweisung eines Novizen. Die Anforderungen an die vollständige Absage an das bisherige Leben erscheinen ihnen so hoch, dass sie an ihrem eigenen Mönchsleben zweifeln. Sie erkennen, dass Vollkommenheit nicht einfach dadurch erreicht werden kann, dass man äußerlich auf Besitz verzichtet oder sich an einen anderen Ort zurückzieht. Die schwierigste Form der Absage betrifft vielmehr die eigenen Gewohnheiten, Prägungen und bisherigen Verhaltensweisen. Damit werden Cassian und Germanus von einer überhöhten Vorstellung religiöser Vollkommenheit zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst geführt.

Als Cassian später selbst Abt in Marseille ist, beschreibt er den Gipfel der Vollkommenheit als eine innere Wirklichkeit. Entscheidend ist die Verfassung des inneren Menschen. Dazu gehören das beständige Gebet und die Wachsamkeit gegenüber Lastern und Leidenschaften. Als Vorbilder gelten die ägyptischen Anachoreten. Diese ziehen sich in die Einsamkeit zurück, um sich dort intensiv mit sich selbst und ihrer Beziehung zu Gott auseinanderzusetzen. Der Rückzug ist jedoch nicht mit bloßer Flucht aus der Welt gleichzusetzen. Ein Leben in völliger Einsamkeit soll nur beginnen, wer zuvor in einer Gemeinschaft gelebt und sich dort bewährt hat. Auch berühmte Mönche wie Antonios lebten nicht von Anfang an vollständig isoliert. Sie hatten Vorbilder, übernahmen Verantwortung für andere Menschen und wurden später selbst zu geistlichen Begleitern.

Eine zentrale Gestalt des Artikels ist Antonios. Seine Entscheidung für ein asketisches Leben wird mit biblischen Texten verbunden, insbesondere mit der Aufforderung Jesu, den Besitz zu verkaufen, den Armen zu geben und ihm nachzufolgen. Antonios verzichtet auf seinen Besitz, sorgt aber zugleich für seine Schwester und die Armen. Er wird nicht durch eine plötzliche außergewöhnliche Leistung zum vollkommenen Asketen. Er muss lernen und sich entwickeln. Damit zeigt sich bereits, dass Vollkommenheit als Prozess verstanden wird.

Eine wichtige Bedeutung erhält das Bild des Berges. Antonios zieht sich auf Berge in der Wüste zurück, steigt aber auch immer wieder zu den Menschen hinab. Der Berg steht für Gottesnähe, Konzentration und die Beschäftigung mit dem eigenen Inneren. Gleichzeitig darf der Rückzug nicht dazu führen, andere Menschen im Stich zu lassen. Antonios wird von Menschen aufgesucht, hilft Kranken und reagiert auf Notsituationen. Sein Leben erinnert damit sowohl an die Propheten als auch an Jesus, der sich zum Gebet zurückzog und dennoch zu den Menschen zurückkehrte. Der Gipfel ist deshalb kein Ort, an dem ein Mensch dauerhaft bleiben kann. Rückzug und Rückkehr gehören zusammen.

Besonders wichtig ist für Ziegler der Begriff Diskretio. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Gedanken, Handlungen und Absichten richtig zu unterscheiden und das angemessene Maß zu finden. In einem Gespräch erfahrener Mönche wird gefragt, welche Tugend einen Menschen tatsächlich zum Gipfel der Vollkommenheit führt. Genannt werden unter anderem Fasten, Nachtwachen, Besitzlosigkeit, Einsamkeit, Menschenliebe und Armenfürsorge. Antonios weist jedoch darauf hin, dass Menschen trotz dieser Tugenden scheitern können. Der Grund dafür liegt in einer fehlenden Diskretio. Wer kein angemessenes Maß findet, kann sowohl durch übertriebene religiöse Strenge als auch durch Nachlässigkeit vom richtigen Weg abkommen.

Diskretio bedeutet deshalb Weisheit, Einsicht und Verstand. Sie hilft dem Menschen, zwischen Gutem und Schädlichem zu unterscheiden. Cassian bezeichnet sie als Mutter, Wächterin und Lenkerin aller Tugenden. Vollkommenheit besteht somit nicht darin, möglichst viele religiöse Leistungen zu erbringen. Ein Mensch muss vielmehr lernen, sein eigenes Handeln kritisch zu betrachten und Extreme zu vermeiden. Auch wer einen hohen geistlichen Entwicklungsstand erreicht hat, kann diesen nicht einfach als dauerhaften Besitz betrachten.

Der Artikel warnt deshalb vor der Vorstellung, ein besonders asketisches Leben führe automatisch zu Vollkommenheit. Das Leben in einer Gemeinschaft bringt Konflikte mit anderen Menschen und mit sich selbst mit sich. Manche Mönche hoffen deshalb, in der Einsamkeit ihre inneren Probleme loszuwerden. Eine Erzählung berichtet von einem Mönch, der wegen seines Zorns in die Einsamkeit geht. Dort wird er jedoch wegen eines umfallenden Wassergefäßes erneut so zornig, dass er es zerstört. Er erkennt dadurch, dass nicht die anderen Menschen die eigentliche Ursache seines Zorns sind. Seine Leidenschaft trägt er in sich selbst. Die Gemeinschaft kann deshalb gerade dabei helfen, die eigenen Schwächen zu erkennen.

Damit verbindet Ziegler eine weitere wichtige Aussage. Der Weg zu Gott führt nicht in erster Linie über äußere Orte, sondern über die Auseinandersetzung mit den eigenen Leidenschaften. Unter Leidenschaften verstehen die Wüstenväter ungeordnete Neigungen, die die innere Freiheit einschränken. Dazu gehören beispielsweise Groll, Besitzgier, das Streben nach Anerkennung, scheinbare Demut und dauernde Unzufriedenheit. Solche Leidenschaften entstehen nicht plötzlich. Sie entwickeln sich aus Gedanken und Gefühlen, die sich verfestigen können. Deshalb soll der Mensch seine Gedanken aufmerksam beobachten. Er kann nicht verhindern, dass Gedanken entstehen, aber er trägt Verantwortung dafür, welchen Gedanken er Raum gibt und welche er zurückweist.

Ziegler beschreibt diese Verantwortung mithilfe von Bildern. Wie ein Müller entscheiden muss, welches Getreide er mahlt, muss der Mensch entscheiden, welche Gedanken er aufnimmt. Ein weiteres Bild ist das des Fischers. Der Mensch soll seine Gedanken aufmerksam betrachten und unterscheiden, welche er aufnehmen und welche er zurückweisen soll. Die geistliche Entwicklung geschieht deshalb nicht außerhalb des Alltags, sondern gerade innerhalb von Arbeit, Pflichten, Beziehungen und Herausforderungen.

Das Ziel dieser Auseinandersetzung ist die Reinheit des Herzens. Sie ist für Cassian die Vollkommenheit, die der Mensch in seinem irdischen Leben anstreben kann. Dieses Ziel wird jedoch niemals endgültig erreicht. Der Mensch bleibt verletzlich und befindet sich weiterhin zwischen unterschiedlichen Kräften und Versuchungen. Entscheidend ist, den Blick immer wieder neu auf Christus auszurichten. Dadurch können sich das eigene Wollen und das eigene Herz allmählich verändern.

Antonios wird dabei als Vorbild eines Menschen beschrieben, der auch in Versuchungen bei Christus bleibt. Selbst er erlebt belastende Gedanken und Anfechtungen. Vollkommenheit bedeutet also nicht, keine Versuchungen mehr zu haben. Entscheidend ist vielmehr, wie mit ihnen umgegangen wird. Antonios reagiert nicht durch eigene Machtdemonstration, sondern richtet sich auf Christus aus, betet und vertraut auf Gottes Hilfe.

Das Gebet bildet deshalb einen weiteren Schwerpunkt. Gott schauen bedeutet für die Mönche, sich ganz auf Christus auszurichten. Kontemplation ist die Konzentration auf das Eine. Besonders wichtig wird das immerwährende Gebet. Cassian überliefert die Empfehlung, den kurzen Psalmvers mit der Bitte um Gottes Hilfe ständig im Herzen zu wiederholen. Dieses Gebet soll den Menschen im Leid ebenso begleiten wie im Glück, bei der Arbeit ebenso wie auf Reisen und in alltäglichen Situationen. Das Gebet führt dazu, dass das gesamte Leben auf Gott ausgerichtet wird.

Am Ende macht Ziegler deutlich, dass der Gipfel der Vollkommenheit grundsätzlich allen offensteht, die diesen Weg des Gebetes gehen. Trotzdem kann niemand behaupten, die Vollkommenheit endgültig erreicht zu haben. Der Mensch lebt in der Spannung, Christus bereits im Herzen zu sehen und zugleich weiterhin auf dem Weg zu ihm zu sein. Vollkommenheit ist daher kein abgeschlossener Zustand, sondern eine dauernde Bewegung auf Gott hin.

Diese Gottesbeziehung zeigt sich schließlich in der Beziehung zum Mitmenschen. Die Begegnung mit dem anderen Menschen wird zu einem entscheidenden Prüfstein der Vollkommenheit. Wer den anderen sieht, soll in ihm den Herrn erkennen. Es geht nicht darum, andere von oben herab zu beurteilen, sondern ihnen mit Liebe zu begegnen und sie für die Gemeinschaft zu gewinnen. Der Artikel endet mit einer Erzählung über Antonios und einen Jäger. Ein Bogen darf nicht ständig bis zum Äußersten gespannt werden, weil er sonst zerbricht. Ebenso dürfen Menschen auf ihrem religiösen Weg nicht ständig überfordert werden. Auch Freude, Leichtigkeit und gemeinsames Lachen haben ihren Platz. Der Gipfel der Vollkommenheit besteht somit gerade nicht in übertriebener Strenge. Der Mensch steigt bildlich gesprochen immer wieder vom Gipfel in die Ebene hinab und beginnt seinen Weg neu.

Für Lernende lässt sich der zentrale Gedanke des Artikels deshalb so formulieren: Christliche Vollkommenheit bedeutet nicht, fehlerlos zu sein oder außergewöhnliche religiöse Leistungen zu vollbringen. Sie besteht in einem lebenslangen Prozess, in dem der Mensch lernt, sich selbst zu erkennen, Gedanken und Leidenschaften zu unterscheiden, das richtige Maß zu finden, im Gebet auf Christus ausgerichtet zu bleiben und anderen Menschen mit Liebe zu begegnen.

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