Volker Leppin zeigt Franz von Assisi als vielschichtige Gestalt, deren Leben nur schwer historisch zu rekonstruieren ist, weil frühe Quellen stark von Heiligenverehrung und theologischer Deutung geprägt sind. Franz erscheint zunächst als Freund des Friedens und der Natur. Sein Friedensgruß entstand in einer von Gewalt, sozialen Konflikten und Krieg geprägten Zeit. Auch seine Begegnung mit Sultan al Malik al Kamil wird kritisch betrachtet. Leppin betont, dass Franz wohl keine moderne Idee des interreligiösen Dialogs vertrat, sondern eine missionarische Friedensbotschaft verkündete. Auch sein Verhältnis zur Natur wird relativiert. Der Sonnengesang zeigt nicht moderne Ökologie, sondern ein Lob Gottes durch die Schöpfung, in dem die Natur auf Gott und den Menschen bezogen bleibt.
Ein weiteres Bild ist Franz als Aussteiger. Er brach mit der Welt seiner wohlhabenden Familie, weil er den Abstand zwischen christlichem Anspruch und wirtschaftlicher Lebensweise als Widerspruch empfand. Besonders die Begegnung mit Kranken und Armen führte ihn zu einem radikaleren Verständnis des Evangeliums. Der Konflikt mit seinem Vater endete darin, dass Franz auf Besitz verzichtete und Schutz bei der Kirche fand. Daraus erklärt Leppin auch seine starke Bindung an kirchliche Autoritäten.
Franz wird außerdem in seiner Beziehung zu Klara von Assisi betrachtet. Leppin beschreibt diese Beziehung nicht als sicher romantisch oder sexuell, sondern als intensive geistliche Nähe. Franz wurde für Klara zu einem geistlichen Begleiter und Brautwerber für Christus. Zugleich war diese Nähe für die damalige Gesellschaft anstößig, weil beide sich heimlich trafen und aus unterschiedlichen sozialen Gruppen stammten.
Besonders irritierend ist Franz als Freund des Papstes. Obwohl Franz Armut und Buße verkündete, suchte er die Anerkennung durch Papst Innozenz III., der als machtbewusster Kirchenpolitiker erscheint. Leppin erklärt dies mit Franzens Erfahrung, dass die Kirche ihn schützte. Die päpstliche Erlaubnis zur Bußpredigt gab seiner Bewegung Raum innerhalb der Kirche, auch wenn der franziskanische Armutsruf später zu Spannungen führte.
Leppin zeigt auch einen strengen Franz. Seine Botschaft war nicht nur zart und naturverbunden, sondern enthielt Gerichtsdrohungen, Warnungen vor Sünde und den Ruf zur Umkehr. Selbst der Sonnengesang endet mit dem Hinweis auf Tod, Gericht und den zweiten Tod. Abschließend deutet Leppin die Stigmatisierung. Sie sei nicht einfach als körperliches Wunder oder Erfindung zu verstehen, sondern als Ausdruck einer mittelalterlichen Wirklichkeitswahrnehmung, in der Visionen reale Bedeutung hatten. Franz wurde als alter Christus gesehen, also als Mensch, in dem sich etwas von Jesus Christus neu verwirklichte. Damit wird Franz auch ökumenisch bedeutsam.