Thomas Heller analysiert in seinem Artikel das Phänomen der Verschwörungstheorien während der Corona-Pandemie und ihre massiv gestiegene Sichtbarkeit in Medien, Internet und sozialen Bewegungen. Die Pandemie schuf ideale Bedingungen für die Verbreitung solcher Theorien durch umfassende gesellschaftliche Verunsicherung, die Notwendigkeit zur kontinuierlichen Positionierung zu Schutzmaßnahmen und die intensivierte Nutzung digitaler Medien. Allerdings zeigen repräsentative Langzeitstudien überraschenderweise, dass die tatsächliche Akzeptanz von Verschwörungstheorien während der Pandemie leicht gesunken ist, was die Notwendigkeit einer Unterscheidung zwischen Sichtbarkeit und Akzeptanz unterstreicht. Der Autor argumentiert, dass die erhöhte digitale Nutzung weniger durch Zugänglichkeit als vielmehr durch die Bildung von Teilöffentlichkeiten und Filterblasen problematisch ist, in denen Selbstsozialisation stattfindet. Verschwörungstheorien erfüllen mehrere psychologische Funktionen: Sie stiften Sinn angesichts von Unsicherheit und Widersprüchlichkeit, befriedigen Sicherheits- und Kontrollbedürfnisse und fördern soziale Integration sowie positive Gruppenidentifikation. Sie funktionieren primär als Möglichkeit der Elitenkritik und Selbstermächtigung für Menschen, die sich machtlos und unverstanden fühlen, insbesondere solche mit Diskriminierungserfahrungen. Empirisch korrelieren Verschwörungstheorien mit narzisstischen Charakterzügen, Wissenschaftsskeptizismus, niedrigerem Bildungsstand und Affinität zu populistischen Ideologien. Ein wichtiges Phänomen ist die sogenannte Verschwörungsmentalität, bei der die Zustimmung zu einer Theorie die Akzeptanz weiterer Theorien erhöht. Bei der Erforschung ist jedoch zu beachten, dass Zustimmungsquoten nicht direkt die Bedeutsamkeit für individuelles Handeln widerspiegeln, weshalb quantitative und qualitative Methoden kombiniert werden sollten. Besonders wenig erforscht ist die Akzeptanz von Verschwörungstheorien bei Kindern und Jugendlichen, obwohl diese Altersgruppe durch ihre Suche nach Gerechtigkeit und Sinnorientierung sowohl schützend als auch besonders gefährdet ist.