Der Artikel behandelt Übergangsrituale als zentrale anthropologische Phänomene, die Zustandsveränderungen in individuellem und gesellschaftlichem Leben begleiten und strukturieren. Basierend auf Arnold van Genneps Konzept der "rites de passage" (1909) werden Übergangsrituale als dreigliedrige Zeremonialsysteme aus Trennungs-, Umwandlungs- und Angliederungsriten beschrieben, die Individuen verlässlich von einem definierten Zustand in einen anderen überführen. Viktor Turner erweiterte van Genneps Ansatz durch die Fokussierung auf die liminale Phase als Schwellenraum, in dem gesellschaftliche Rollen aufgelöst werden und kreative Umstrukturierungen möglich sind. Turners Konzept der communitas betont die egalitäre Gemeinschaftserfahrung in Grenzzuständen und trägt zum performative turn in den Geisteswissenschaften bei. In der Moderne verlieren Übergangsrituale ihre primär stabilisierende Funktion und werden zu produktiven Formen der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen. Der offene Ritualbegriff ermöglicht interdisziplinäre Anwendungen in Anthropologie, Soziologie, Theologie und Religionspädagogik. Der Artikel verdeutlicht, dass Übergangsrituale sowohl komplexe etablierte Zeremonien als auch einzelne Zeichenhandlungen umfassen und ihre Bedeutung vom Gebrauchszusammenhang und der Trägergruppe abhängt. Religionspädagogische Anwendungsmöglichkeiten zeigen, wie rituelle Kompetenz in Übergangssituationen vermittelt werden kann.