Der Artikel behandelt Systemrelevanz als zentralen Begriff der Corona-Pandemie, der Personen, Sachen und Vorgänge der kritischen Infrastruktur (Gesundheit, Sicherheit, Versorgung) kennzeichnet. Unter Bezug auf Niklas Luhmanns Systemtheorie wird erläutert, dass Systeme autopoetisch, selbstreferentiell und selektiv operieren, wobei Relevanzentscheidungen zwangsläufig perspektivischen und selektiven Deutungsprozessen unterliegen. Die Pandemie führte zu massiven Eingriffen in Grundrechte durch Lockdowns und Kontaktbeschränkungen, während kulturelle und künstlerische Bereiche als nicht systemrelevant marginalisiert wurden. Die mediale Darstellung der Krise erfolgte durch Krisennarrative mit diagnostischen, prognostischen und normativen Elementen. Ein zentrales Problem besteht darin, dass systemrelevantes Denken zu ethischen Konflikten führt, etwa in Triage-Situationen im Gesundheitssystem, wo über Leistungsverteilung und Lebenschancen entschieden werden muss. Die Aufgabe des Subjektbegriffs in systemtheoretischen Analysen zugunsten von Kommunikationsvorgängen marginalisiert die Subjektorientierung und wirft Fragen zur Verantwortung und Kontingenz auf. Das politische System selbst gerät durch den Druck der Risikopolitisierung in ständige Überforderung. Der Artikel zeigt damit, wie Kategorisierungen von Systemrelevanz tiefgreifende gesellschaftliche, ethische und machtpolitische Implikationen haben.