Der Artikel analysiert die Seniorenarbeit und Altenbildung als Bereiche religiöser Bildung, die durch demografische Umstellungsprozesse in ihrer Ausrichtung grundlegend verändert werden. Martina Kumlehn argumentiert, dass sich eine neue Lebensphase des dritten Lebensalters (60-80 Jahre) herausbildet, die ressourcenorientiert und partizipatorisch gestaltet werden kann. Kirchengemeinden müssen dabei von überholten Fürsorge- und Betreuungsmentalitäten abrücken und ältere Menschen als aktive, selbsttätige Subjekte in Bildungsprozessen anerkennen. Der Artikel kritisiert jedoch das gegenwärtige Aktivierungsparadigma und die Idee des "aktiven Alterns", da diese neue Exklusionsformen schaffen, indem sie diejenigen übersehen, die diesen Idealbildern nicht entsprechen können. Zentral ist die Forderung nach differenzierter Wahrnehmungskompetenz, die unterschiedliche Lebenslagen berücksichtigt und Unterschiede nach Geschlecht, Milieu und Lebensverlauf beachtet. Kumlehn plädiert dafür, religiöse Bildungsräume zu schaffen, die sowohl Vernetzungsmöglichkeiten bieten als auch die existenziellen Fragen des Alterns aufnehmen, einschließlich der Themen Abschied, Verlust und Letztperspektive. Ein Ambivalenz-Konzept soll die Antinomien und Spannungen des Alterns anerkennen und sie in narrativen und religiösen Kontexten bearbeitbar machen. Der Artikel verankert seine Argumentation im humanistischen Bildungsbegriff, wonach Bildung als lebenslanger Prozess der Selbstbildung und Beförderung humaner Freiheit zu verstehen ist.