Der Artikel von Andreas Kubik-Boltres analysiert das Konzept der Schulreligion, das als theoretische Konstruktion zur Beschreibung der spezifischen Manifestation von Religion in schulischen Kontexten dient. Obwohl der Begriff in der religionspädagogischen Literatur häufig verwendet wird, fehlte bisher eine präzise Definition. Schulreligion unterscheidet sich erkennbar von kirchlicher Religion, etwa bei Schulgottesdiensten oder in der Strukturierung religiöser Inhalte im Unterricht. Historisch lässt sich der Begriff seit etwa 1800 nachweisen, als die Aufklärungspädagogik versuchte, Religion konfessionsübergreifend und säkularisiert in Schulen zu unterrichten. Ernst Troeltsch erkannte bereits um 1900, dass solche Top-down-Projekte selbst eine eigene Schulreligion oder sogar Schulorthodoxie begründen. Heute wird der Begriff überwiegend empirisch-deskriptiv verwendet, um die de facto auftretende Religionsform in Schulen zu beschreiben. Die wachsende Bedeutung dieses Phänomens erklärt sich durch den Traditionsabbruch kirchlicher Sozialisation: Für viele Kinder und Jugendliche wird die Schule zur einzigen oder ersten Kontaktstelle mit Religion. Die Bewertungen sind gespalten: Kritiker sehen Schulreligion als künstliches, defizitäres Phänomen an, das keine echte, das ganze Leben umfassende Glaubenspraxis ermöglicht, und befürchten, dass sie authentische kirchliche Formen verdeckt. Befürworter hingegen betrachten Schulreligion konstruktiv als Durchgangsraum für religiöse Bildung und als wichtige Kontaktmöglichkeit für Jugendliche, die kirchliche Formen nicht kennen oder nicht attraktiv finden. Der Artikel kritisiert, dass theologische Bewertungen von Schulreligion oft auf unzureichender empirischer Grundlage beruhen und ihre Bewertungsmaßstäbe nicht explizit gemacht werden. Insgesamt plädiert der Beitrag für intensivere empirische Forschung zur Schulreligion, um das Phänomen besser zu verstehen und fundiertere theologische und pädagogische Urteile treffen zu können.