Johann Michael Sailer war ein bedeutender katholischer Theologe und Pädagoge des 18./19. Jahrhunderts, dessen Karriere von Lehrpositionen an den Universitäten Ingolstadt, Dillingen und Landshut geprägt war, bevor er 1829 Bischof von Regensburg wurde. Sein pädagogisches Wirken zeichnete sich durch innovative Unterrichtsmethoden aus: Er hielt Vorlesungen in deutscher Sprache, organisierte konfessionsübergreifende Gesprächskreise zur gemeinsamen Schriftlesung und leitete homiletische Übungen während Spaziergängen. Sailers Hauptwerk, das Vollständige Lese- und Betbuch (1783), entstand aus dem Auftrag, existierende Gebetbücher kritisch zu bewerten, und wurde zu einem europaweiten Erfolg, da es authentische geistliche Erbauung bot und auch von evangelischen Christen geschätzt wurde. Das Gebetbuch war für Sailer ein Instrument der Volksaufklärung und Menschenbildung, in dem er Bibeltexte, kanonische Gebete, Kirchenväter-Schriften und mystische Traditionen zusammenführte. Mit seinen Schriften zur Pastoraltheologie stellte Sailer diese Disziplin auf ein offenbarungstheologisches Fundament und betonte, dass der Priester nicht Vollzugsorgan staatlicher Erziehung, sondern in erster Linie Seelsorger und Katechet sein sollte. Seine Theorie der geistlichen Schriftlesung war der erste systematische Versuch dieser Art im katholischen Raum und basierte auf praktischem Schriftstudium als Form der Selbstbildung. Sailer verkörperte die Katholische Aufklärung und vertraute auf die Selbststeuerungskräfte des lesenden Menschen, wodurch er religiöse Bildung als dialogischen Prozess verstand, der Fachgrenzen überschreitet und zeitaktuelle Herausforderungen aufgreift.