Religiöse Erziehung im Judentum ist seit der Antike das zentrale Element jüdischer Kontinuität und Identitätswahrung. Das Torastudium wird als religiöse Pflicht (Mitzwa) verstanden und durchdringt alle Lebensbereiche. Die Vermittlung erfolgt durch zwei zentrale Kanäle: erstens durch Familie und häusliche Rituale wie die Beobachtung des Schabbats, der Feste und Speiseregeln, die den Alltag strukturieren, und zweitens durch institutionalisiertes Lernen in Synagogen und Schulen. Biblische Grundtexte, besonders Deuteronomium 6, etablieren die Pedagogie der mündlichen Weitergabe von Generation zu Generation durch Erzählen, Erinnern und Vorleben. Nach der Tempelzerstörung 70 n.Chr. wurden intensive Torastudien in rabbinischen Schulen und Synagogen zur Antwort auf den Verlust des Zentralkults und zur Sicherung jüdischer Existenz. Die jüdische Bildungstheorie verbindet solide Wissensgrundlagen mit existentieller Lebenspraxis, wobei sowohl Auswendiglernen als auch kritisches Debattieren und Disputieren charakteristische Lernformen sind. Die Erziehung richtet sich nicht nur an Jugendliche, sondern war schon in der Antike Erwachsenenbildung für das ganze Leben. Während die Verpflichtung zum Torastudium primär Jungen und Männer betraf, gab es in der rabbinischen Zeit wiederholte Bemühungen, auch Frauen und Mädchen zum Lernen zu ermutigen. Das Ziel besteht darin, Israel als ein Volk von Priestern und als heiliges Volk zu konstituieren, wobei die Furcht Gottes als Anfang aller Weisheit gilt. Die religiöse Erziehung vermittelt einen Deutungsrahmen für das Verständnis von Welt und Geschichte als Offenbarung Gottes in der Geschichte Israels.