Der Artikel behandelt die Lectio Divina als meditativ-kontemplative Lesemethode biblischer Texte, die darauf abzielt, das Wort Gottes in das Leben der Lesenden einzupflanzen. Die Praxis ist nicht nur eine Lesemethode, sondern eine Form der Gottesbegegnung mit diagnostischer und therapeutischer Wirkung. Sie wird sowohl individuell als auch in christlichen Gemeinschaften praktiziert und hat sich zur Bewegung des Bibelteils weiterentwickelt. Biblische Vorläufer finden sich in alttestamentlichen Traditionen des Wortverlernens (Jos 1,8; Ps 1,2) und exemplarisch in der Emmauserzählung (Lk 24). Die Kirchenväter wie Origenes und Gregor der Große legten die theoretischen Grundlagen durch die Verbindung von Lesen, Gebet und Kontemplation. Im Mittelalter erreichte die Lectio Divina ihre systematische Ausgestaltung durch Guigo den Kartäuser mit der bekannten Vier-Stufen-Leiter: lectio, meditatio, oratio und contemplatio. Besonders im benediktinischen und zisterziensischen Mönchtum war sie zentral für die tägliche Praxis. Ab dem 16. Jahrhundert verschwand die Lectio Divina durch die Gegenreformation und wurde durch andere spirituelle Übungen ersetzt. Die Renaissance begann Mitte des 20. Jahrhunderts, wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) gefördert und führte zur Öffnung für die Laien. Seit den 1970er/80er Jahren entstanden weltweit unterschiedliche Formen, insbesondere das Modell des Katholischen Bibelwerks seit 2008, das traditionelle Elemente mit moderner Praxis verbindet.