Der Artikel analysiert die Entstehung und Entwicklung von Krippenspielen als Ausdruck veränderter mittelalterlicher Frömmigkeit. Im Kontext der gotischen Epoche entstand eine neue theologische Bildlichkeit, die das leidende Christus-Bild in den Mittelpunkt rückte und die Gläubigen zur emotionalen Identifikation mit der Heilsgeschichte einlud. Beginnend in der Osterliturgie des 11. Jahrhunderts entwickelten sich szenische Elemente, die zunächst vom Klerus in lateinischer Sprache aufgeführt wurden. Die Spiele dienten mehreren Funktionen: Sie verbreiteten Heilswahrheiten des Glaubens, förderten das Gemeinschaftserlebnis, verbesserten die Beziehung zwischen Kirche und Gemeinde und versprachen bei andächtiger Teilnahme Heilsgewinn und Ablass. Mit der Zeit setzte sich die Volkssprache durch, und Laien wurden als Schauspieler einbezogen, was den Spielen eine neue Breitenwirkung gab. Der Artikel dokumentiert die Vielfalt der aufgeführten Themen, von Passions- und Weihnachtsspielen bis zu Endzeitaufführungen. Als Beispiele werden mehrere deutschsprachige Weihnachtsspiele analysiert, etwa das Freisinger, Benediktbeurer und St. Galler Spiel, die unterschiedliche Narrative, Elemente und Grade an komischen oder dramatischen Zuspitzungen zeigen. Die Phantasie der Autoren führte zu Erweiterungen des biblischen Textes durch Nebenfiguren und die Einfügung von Humor. Die Spiele wurden zeitweise verboten, was ihre Popularität und umwälzende Wirkung unterstreicht. Während Luther die geistlichen Spiele ablehnte, lebten sie in der Gegenreformation in stationären Krippentheatern fort, besonders in Österreich und rekatholisierten Gebieten.