Die Grounded Theory Method ist ein qualitativer Forschungsansatz, der sich seit über 50 Jahren als zentrale Strategie empirischer Sozialforschung etabliert hat und mittlerweile in verschiedenen Disziplinen verbreitet ist. Die Methode wurde von Glaser und Strauss als Reaktion auf die Kluft zwischen theoretischer und empirischer Forschung entwickelt und setzt einem hypothetiko-deduktiven Wissenschaftsmodell ein induktives Programm entgegen. Der Terminus bezeichnet sowohl den Forschungsprozess als auch das daraus entstehende Produkt einer in den Daten verankerten Theorie, deren zentrale Charakteristika die systematische und regelgeleitete Datenanalyse sowie die Emergenz von Konzepten aus dem Material sind. Nach der gemeinsamen Gründungsphase entwickelten sich unterschiedliche Schulen heraus, insbesondere die pragmatistisch inspirierte Strauss-Corbin-Variante und die empiristische Glaser-Variante, die sich in epistemologischen Annahmen unterscheiden. Im deutschsprachigen Raum dominiert die Strauss-Corbin-Ausrichtung, während sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts konstruktivistische und situationistische Varianten etablierten, die reflexive und komplexitätssensible Perspektiven einbringen. Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme eines naiven Empirismus und einer tabula-rasa-Haltung, wobei die neuere Sekundärliteratur die Bedeutung von Vorwissen und die reflexive Rolle der Forschenden differenzierter diskutiert. Die Grounded Theory Method präsentiert sich weniger als kohärentes theoretisches System denn als praktisches Toolkit mit spezifischen analytischen Verfahren zur Datensammlung und -auswertung, das sich durch zunehmende Diversifikation und Hybridisierung mit anderen Methoden auszeichnet.