Der Artikel untersucht Chöre und Musikgruppen als Lernorte nonformaler religiöser Bildung in der evangelischen und katholischen Kirche. Mit über 900.000 Aktiven in Deutschland stellen diese Gruppen ein bedeutendes Segment dar, das jedoch bildungspolitisch häufig übersehen wird. Die kirchliche Chorpraxis hat tiefe historische Wurzeln, die bis in die Alte Kirche zurückreichen, wurde durch die Reformation geprägt und erlebte im 19. Jahrhundert eine Popularisierung durch bürgerliche Chorstile und den Cäcilianismus. Neben traditionellen Gemeindechören mit durchschnittlich älteren und vornehmlich weiblichen Mitgliedern zeigt sich gegenwärtig eine Vitalisierung und Pluralisierung durch neue Formate wie Gospelchöre, Jazzchöre und Posaunenchöre. Der Gospelchor ist mit geschätzten 3000 bis 5000 Chören das erfolgreichste neue Format, während Posaunenchöre als klassisches evangelisches Format mit etwa 6000 Gruppen verbreitet sind und sich durch eine ausgewogenere Geschlechter- und Altersverteilung auszeichnen. Weitere Formen umfassen Kirchenbands, die seit den 1960er-Jahren populäre Musikstile in die Liturgie einbringen, sowie diverse instrumentale Ensembles. Diese Orte zeichnen sich durch drei zentrale Merkmale aus: Freiwilligkeit der Teilnahme, musikalische Aktivität als performative Kommunikation und Gruppenförmigkeit, die zu psychosozialen Effekten führt. Die musikgruppen-gestützte religiöse Bildung verbindet dabei auf einzigartige Weise ästhetische, kulturelle und soziale Lernprozesse und vermittelt religiöse Inhalte nicht-reflexiv durch die musikalische Praxis selbst.