Der Artikel von Elisabeth Naurath behandelt die religionspädagogische Perspektive auf Bildung und Werte in der modernen pluralistischen Gesellschaft. Naurath diagnostiziert einen gesellschaftlichen Klärungsprozess um zentrale Werte angesichts von Pluralisierung, Globalisierung und Wissensexplosion. Sie argumentiert, dass es sich nicht um Werteverlust, sondern um Wertewandel handelt, ein Phänomen, das bereits in der Antike beobachtet wurde. Zentral ist Naurath's These, dass Werte weniger als Substantive denn als Verben verstanden werden sollten und einen Prozesscharakter haben. Sie betont die Beziehungsdimension von Werten und das Selbstwert-Gefühl als Fundament von Bewertungsprozessen. Wertbildung wird als interaktiver Vorgang konzeptualisiert, der im sozialen Kontext von Familie, Religion und Kultur stattfindet. Besondere Bedeutung kommt frühen Bindungserfahrungen zu: Bereits Säuglinge nehmen durch nonverbale und emotionale Signale Wertschätzung wahr, bevor sie kognitiv verstehen können. Die Qualität primärer Beziehungen legt den Grundstein für Beziehungsfähigkeit und emotionale Kompetenzentwicklung. Naurath fordert daher eine Aufwertung der Familienbildung als zukunftsweisendes pädagogisches Handlungsfeld. Auch im Jugendalter spielen verlässliche Bindungsbeziehungen und institutionelle Bindungsfaktoren eine zentrale Rolle für Wertebildung. Der Artikel plädiert für ein relationales Verständnis von Wertbildung, das subjektive Erfahrungsmuster einbezieht und die Bedeutung von Wertschätzung in Beziehungen würdigt.