Der Bildungsbegriff nimmt in der pädagogischen und religionspädagogischen Diskussion eine zentrale, aber umstrittene Stellung ein und weist dabei sprachspezifische Besonderheiten des deutschsprachigen Raums auf. Historisch entsteht Bildung als pädagogischer Begriff in der Spätaufklärung und dem Neuhumanismus, wobei Klassiker wie Herder und Humboldt den Begriff mit ethischem Pathos aufgeladen haben und die Entwicklung allseitiger menschlicher Kräfte zu einem Ganzen anstreben. Ludwig Pongratz identifiziert drei grundlegende Dimensionen: kritische Sachkompetenz, individuelle Aneignung und gesellschaftliches Veränderungspotenzial. Wolfgang Klafki prägt den modernen Bildungsbegriff durch die Vermittlung von Individualität und Gemeinschaftlichkeit sowie die Verknüpfung von formalen und materialen Bildungsprozessen, ergänzt um Autonomie, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit. Seine Konzeption der Allgemeinbildung umfasst Bildung für alle, Bildung im Medium des Allgemeinen und vielseitige Interessenentwicklung orientiert an Schlüsselproblemen. Jürgen Baumert erweitert dies um vier gleichberechtigte Modi der Weltbegegnung (kognitiv-instrumental, ästhetisch-expressiv, normativ-evaluativ, konstitutiv-rational), was Religion einen eigenständigen Platz im Bildungskanon sichert. Der Artikel betont, dass Bildungstheorie nicht isoliert stehen sollte, sondern in Verbindung mit empirischer Lehr-Lerntheorie fruchtbar wird und dass auch die Begriffe Lernen und Erziehung ihre relative Berechtigung behalten. In der protestantischen Theologie und Religionspädagogik zeigt sich eine charakteristische Ambivalenz zwischen Bildung als korrigierender Maßnahme zur Erziehung und ihrer gleichzeitigen affirmativen Rezeption.