Bernhard Grümme analysiert Anthropologie als rationale Wissenschaft vom Menschen, die sich durch Selbstreflexivität auszeichnet: Der Mensch wird nicht nur zum Forschungsgegenstand, sondern reflektiert sich selbst. Die gegenwärtige Ausdifferenzierung der Anthropologie in verschiedene Disziplinen ist erheblich, doch lässt sich eine intensivierte anthropologische Reflexion beobachten, die mit Krisenerfahrungen der Spätmoderne zusammenhängt. Grümme definiert Anthropologie als Krisenreflexion und Indikator gesellschaftlicher Krisensituationen, die als Streit um den Menschen konzeptualisiert werden kann. Aus religionspädagogischer Perspektive ist dies hochrelevant, da jede Bildung implizit mit Menschenbildern operiert. Die klassische philosophische Anthropologie des frühen 20. Jahrhunderts (Scheler, Plessner, Gehlen) versuchte, einen einheitlichen Anthropologie-Begriff zu bewahren und dabei sowohl biologische Aspekte als auch die Sonderstellung des Menschen durch Weltoffenheit oder exzentrische Positionalität zu berücksichtigen. Diese Positionen zeigen bereits Anschlussfähigkeit zu theologischer Anthropologie, etwa wenn Scheler das Göttliche als wesenskonstitutiv für den Menschen ansieht. Allerdings unterliegt solche klassische philosophische Anthropologie unter gegenwärtigen Bedingungen der Pluralisierung und des nachmetaphysischen Denkens Kritik: Sie reflektiert den Menschen noch zu sehr als Gattungswesen und zu wenig als kontingentes Individuum in geschichtlich-gesellschaftlichen Bedingungszusammenhängen. Poststrukturalistische und postkoloniale Zugänge zeigen, dass auch anthropologische Kategorien selbst hegemonial durchdrungen sind. Trotz dieser Kritik ermöglicht Anthropologie als Krisenreflexion eine übergreifende Perspektive, die einzelne sektorale Zugriffe auf den Menschen übersteigt und ihn als Ganzes zur Thematisierung bringt.