Michael Fricke analysiert in seinem Artikel die bibeldidaktische Aufgabe, die Kommunikation zwischen Lernenden und biblischen Texten anzuregen und dabei Entwicklungsmöglichkeiten im Glauben zu eröffnen. Das AT, als älterer und zeitlich erster Teil der christlichen Bibel, hat dabei eine komplexe Geschichte: Während es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar verwendet, aber tendenziell entwertet wurde – entweder durch Herabsetzung oder durch christologische Vereinnahmung – erfolgte seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Neuorientierung. Diese wird durch die kirchliche Aufarbeitung der Shoa und die Erneuerung des Verhältnisses zu Juden geprägt. Der Artikel skizziert drei religionspädagogische Modelle: erstens die Nutzung mit neutestamentlicher Definitionsmacht, zweitens die gleichberechtigte kanonische Würdigung beider Testamente, und drittens eine Differenzdidaktik, die die Eigenständigkeit des jüdischen Tanach bewahrt. Fricke präsentiert Schambecks multiperspektivische Hermeneutik als Grundorientierung, die drei Elemente verbindet: das NT braucht das AT, das Christusereignis ermöglicht Neuinterpretation, und der Tanach bleibt eigenständige Stimme. Autoren wie Baldermann und Berg veranschaulichen eine integrative Bibeldidaktik, die AT und NT nicht gegeneinander ausspielt, sondern als vielfältige Stimmen eines Werkes liest. Das Modell der Gleichwertigkeit führt auch zur bewussten Thematisierung problematischer Aspekte des AT wie patriarchalischer Gottebildern oder Gewaltdarstellungen im Unterricht.